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Kinderpornographie : Schluss mit der Heiligsprechung des Internets

Parzelle des mutmaßlichen Täters: Polizisten auf dem Campingplatz in Eichwald Bild: dpa

Noch immer wehren sich Netzaktivisten gegen jede Verschärfung der Gesetze. Dabei ist es ungeheuerlich, was im Netz passiert.

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          Vor fünf Jahren gelang es australischen Ermittlern, einen der größten kinderpornographischen Handelsplätze im Darknet zu zerschlagen. Noch am selben Tag verabredeten sich ehemalige Betreiber, einen neuen zu gründen. Das Material hatten sie gespeichert. Zwei Jahre brauchte die Polizei, dieses Mal in Deutschland, um auch diese Seite zu schließen. Und wieder beschloss ein Nutzer sofort, eine neue Plattform zu gründen. Was Ermittler auch tun, die Kinderpornographie im Netz bleibt. Entfernt man sie an der einen Stelle, kommt sie an einer anderen wieder hoch.

          Das Netz ist mittlerweile das virtuelle Bahnhofsviertel der Gesellschaft. Kriminelle sind hier im Vorteil. Sie können sich im Getümmel bewegen, ohne erkannt zu werden. Ständig bieten sich Gelegenheiten. Niemand muss ein Meisterverbrecher sein, um Leute auszurauben oder Drogen an den Mann zu bringen.

          Bei der Pädophilie allerdings macht das Internet die Lage noch viel schlimmer. Das hat mit der Natur dieser psychischen Störung zu tun. Nicht alle, die pädophile Neigungen haben, gehen diesen nach. Manche versuchen, dagegen anzukämpfen. Stößt so jemand im Darknet auf eine Seite, auf der sexuelle Gewalt gegen Kinder nicht nur zu sehen ist, sondern auch noch von allen begrüßt wird, dann kann das diesen Menschen entfesseln. Er kann alle Hemmungen verlieren, sich kinderpornographisches Material anzuschauen. Dann wird er es einfordern. Und schließlich kann er selbst zum sexuellen Gewalttäter werden.

          Heiligtum Internet

          Dafür gibt es unzählige Beispiele. Das Netz bietet Pädophilen also nicht nur einen Unterschlupf, sondern auch einen Nährboden. Deshalb kann es kaum verwundern, dass Staatsanwälte im neuesten Missbrauchsfall in Bergisch-Gladbach nun 30000 Spuren nachgehen.

          Verwunderlich ist, dass Netzaktivisten angesichts dieser ungeheuerlichen Zahl noch immer gegen jede Verschärfung der Gesetze sind. Eine Vorratsdatenspeicherung lehnen sie ab, ebenso die Pflicht, sich mit vollem Namen im Internet zu bewegen. Wer in diese Richtung argumentiert, der wird von ihnen behandelt wie jemand, der das Heiligtum Internet geschändet habe. Anschließend wird ihm abgesprochen, sich überhaupt damit auszukennen.

          Dabei ist es in Wirklichkeit andersherum. Die Aktivisten sind blind für das, was aus dem Internet geworden ist: ein Ort der Gesetzlosigkeit, des Hasses und der Gewalt, in dem viel zu viele ungeschoren davonkommen.

          Was im Netz geschieht, ist nicht nur eine Gefahr für Kinder. Es bedroht die ganze Gesellschaft. Man stelle sich so etwas nur einmal in der analogen Welt vor: Ein Mann verteilt auf dem Marktplatz einer Kleinstadt CDs mit kinderpornographischem Material, er ist vermummt. Die Polizei kann nichts dagegen unternehmen. Jeden Tag kommt der Mann wieder.

          Das würde den Bewohnern der Stadt das Gefühl vermitteln, dass alles möglich ist. Dass Gesetze nur für die gelten, die so beschränkt sind, sich daran zu halten. Genau das passiert jeden Tag im Internet. Und die Aktivisten befürworten es.

          Wie absurd das Beharren auf Anonymität ist, kann man daran erkennen, dass viele sich auf ferne Diktaturen berufen, um sie zu rechtfertigen. Nur wer anonym bleibe, könne einen Despoten im Netz kritisieren, heißt es. Für Deutschland zieht das nicht. Hier herrscht eine sehr weitgehende Meinungsfreiheit. Es hat zwar jeder das Recht, anonym zu bleiben. Aber nur so lange, bis er gegen Gesetze verstößt. Dann muss er sich gegenüber der Polizei ausweisen. Höchste Zeit, dass es im Internet genauso wird.

          Morten Freidel
          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

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