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Schloss Reinhardsbrunn : Eigentum verpflichtet

  • -Aktualisiert am

Nach der Enteignung des Besitzers: In das Schloss Reinhardsbrunn soll wieder Leben einkehren. Bild: dpa

Das Schloss Reinhardsbrunn ist eine der Wiegen Thüringens – und verkommt. Um die Immobilie zu schützen, hat das Land den alten Besitzer nun enteignet. Ein bisher einmaliger Vorgang.

          7 Min.

          Das Gras steht meterhoch, die Wege sind zugewachsen, und um den Turm hat sich nahezu komplett wilder Wein geschlungen. Eine Machete wäre wohl das passende Werkzeug, um sich durch diesen Dschungel zu schlagen, doch Klaus Henniges hat konventionelles Werkzeug mitgebracht. Mit zwei Heckenscheren und einem Rechen steht der 79 Jahre alte Mann an einem Samstagmorgen vor dem Tor von Schloss Reinhardsbrunn in Friedrichroda, wohin der Förderverein des Schlosses zum Subbotnik gerufen hat. Der Begriff ist vielen noch aus der DDR geläufig, er ist vom russischen Wort für Samstag abgeleitet und meint einen freiwilligen Arbeitseinsatz zum allgemeinen Nutzen. „Die Leute reden von ‚unserem Schloss Reinhardsbrunn‘, weil sie sich damit identifizieren“, sagt Henniges, der nach der Wende lange Jahre Bürgermeister der Kleinstadt zwischen Gotha und Eisenach war. „Inzwischen kommen auch wildfremde Leute hierher und helfen mit, das finde ich schön.“

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Ihm selbst sei der Einsatz zwei Mal im Jahr ein Bedürfnis, sagt Henniges. „Den Verfall kann ich einfach nicht tatenlos mit ansehen.“ So geht es den meisten der rund 30 Freiwilligen, die dem Aufruf an diesem Tag folgen, sie kommen mit Rasenmähern, Spaten, Motorsensen, und sie sind alle guter Dinge, denn nur wenige Tage zuvor gab es für sie erfreuliche Nachrichten: Die Anlage ist endlich frei. In einem jahrelangen Verfahren hatte das Landesverwaltungsamt in Weimar entschieden, aus Gründen des Denkmalschutzes den bisherigen Besitzer zu enteignen und das Schloss samt Park dem Freistaat Thüringen zu übertragen. Der Fall ist ein Novum in der Geschichte der Bundesrepublik und ein Präzedenzfall im deutschen Denkmalschutz. Obwohl laut Stiftung Denkmalschutz fast alle Bundesländer in ihren Denkmalschutzgesetzen eine Enteignung als Ultima Ratio vorsehen, ist diese bisher nie angewandt worden.

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