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Schleswig : „Und das ist auch gut so“

Gorski kandidiert als Bischof in Schleswig und ist wegen seiner Homosexualität umstritten Bild: dpa

Die Synode der nordelbischen Kirche wählt am 12. Juli einen neuen Bischof für den Sprengel Schleswig. Der Streit um einen homosexuellen Kandidaten sorgt für Aufsehen und vielleicht auch für seine Wahl.

          5 Min.

          In Nordelbien ist das Private zum Politikum geworden. Horst Gorski, Propst des Hamburger Kirchenkreises Altona, sieht sich genötigt, öffentlich Stellung zu nehmen zu seiner Homosexualität, aus der er bisher zwar kein Geheimnis, aber auch keinen Diskussionsgegenstand gemacht hat. „Was gewinnt Nordelbien, wenn Horst Gorski der weltweit erste schwule lutherische Bischof wird?“, fragte die „Kirchliche Sammlung um Bibel und Bekenntnis“, eine Randgruppe in Nordelbien, nachdem Gorski - neben Gerhard Ulrich, Propst im Kirchenkreis Angeln - vom Wahlausschuss der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Nordelbien als Bischofskandidat für den Sprengel Schleswig benannt worden war. Damit war das Thema auf der Tagesordnung. Und da steht es bis heute.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Zunächst wurden theologische Einwände gegen Gorskis Nominierung vorgebracht. Sie bezogen sich auf eine Karfreitagspredigt, die Gorski 2006 gehalten hatte. Nicht nur die orthodoxe „Kirchliche Sammlung“, sondern auch der nordelbische Altbischof Wilckens sehen darin die Grundlagen des Bekenntnisses in Frage gestellt. Gorski sagte in seiner Predigt: „Der Tod Jesu war nicht notwendig, damit Gott sich mit uns versöhnt und uns vergibt.“ Eine solche „Notwendigkeit ist eines der größten Missverständnisse der christlichen Geschichte“. Gorski ging noch weiter: „Den Tod Jesu hat auch nicht Gott gemacht, sondern Menschen haben ihn herbeigeführt.“

          Der Wahlkampf ist eröffnet

          Altbischof Wilckens, emeritierter Professor für Neues Testament, rief deshalb in einem Brief die Synodalen dazu auf, Gorski nicht zum Bischof zu wählen. Wilckens sagt, in Gorskis Predigt werde „Göttliches zu Menschlichem erniedrigt“. Dieter Müller von der „Sammlung um Bibel und Bekenntnis“ bringt seine Sicht der Theologie Gorskis mit einem Zitat des amerikanischen Theologen Niebuhr auf die Formel: „Ein Gott ohne Zorn brachte Menschen ohne Sünde mit Hilfe eines Christus ohne Kreuz in ein Reich ohne Gericht.“

          Kürzlich stellte sich Gorski in Kiel mit einem Gottesdienst den Synodalen vor und eröffnete damit den Wahlkampf. Der kleine Mann mit der kräftigen Stimme erklomm die Kanzel und geißelte den „globalisierten Neoliberalismus“. Die Gesellschaft besänftige die Opfer und lasse die Täter gewähren. „In unserer Tradition haben die Friedlichen meist den Kürzeren gezogen und tun es heute noch.“ Damit liegt Gorski im Fahrwasser einer unter nordelbischen Kirchenfunktionären verbreiteten Kultur der Selbstbezichtigung. Man bereut, bittet um Vergebung, erkennt Schuld an; man deckt gesellschaftliche Zusammenhänge auf und fühlt sich wohl in der Rolle des Anklägers, noch besser in der des Selbstanklägers.

          Gorski schilderte eine württembergische Episode aus dem Jahr 1793: Der Kirchenvorstand hatte einer misshandelten Frau zugeredet, sich ihrem gewalttätigen Ehemann unterzuordnen. Gorski sieht darin keinen „Betriebsunfall christlicher Ethik“, sondern den Inbegriff dessen, „was jahrhundertelang bei vielen als christliche Ethik galt“. Hört man Gorski reden, scheint Geschichte ein fortwährender Emanzipationsprozess zu sein, dessen Gegenspieler früher die anerkannten Autoritäten waren und heute neoliberale Nadelstreifenträger. Auch die Kirche müsse „die Systemfrage“ stellen.

          Besucher solidarisieren sich mit Gorski

          Die Besucher in St. Nikolai zu Kiel stören sich an politischen Ansagen von der Kanzel kaum. In der Fragerunde nach Gorskis Gottesdienst interessieren sie sich vor allem für das Thema „Lebensform“, so der in Nordelbien gebräuchliche Ausdruck für Homosexualität. Die Synodalen möchten wissen, ob Gorski Irritationen aufgrund seiner sexuellen Orientierung befürchte. Gorski antwortet, bisher hätten sich Vorbehalte im persönlichen Kontakt rasch aufgelöst. Bald werde keiner mehr danach fragen. Gorski beendet seine Antwort mit dem Spruch des Berliner Bürgermeisters Wowereit (SPD): „Und das ist auch gut so.“ Ein Besucher in St. Nikolai hakt ein: Gorski habe doch den Konvent schwuler Pastoren und lesbischer Pastorinnen in Nordelbien gegründet. Sei im Falle einer Wahl Gorskis eine „Instrumentalisierung“ der Kirche durch diese Gruppe zu befürchten? Gorski verneint.

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