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Schießbefehl an DDR-Grenze : Was Egon Krenz wissen konnte

  • -Aktualisiert am

Krenz erhielt 1987 eine „Analyse der Fahnenfluchten in den Grenztruppen” Bild: AP

Egon Krenz bestreitet von dem Schießbefehl gewusst zu haben, der am Wochenende bekannt geworden ist. Dabei war er im Politbüro der SED lange für Sicherheitsfragen zuständig; die Befehlslage an der Grenze fiel in seine Verantwortung.

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          Egon Krenz, der viele Jahre im Politbüro der SED für Sicherheitsfragen zuständig war, bestritt gegenüber der „Bild“-Zeitung, dass es den am Wochenende bekannt gewordenen Schießbefehl für Einzelkämpfer des Staatssicherheitsdienstes gegeben habe. Krenz behauptete, er wisse „aus eigenem Erleben“, dass überhaupt keinen Schießbefehl existierte.

          Tatsächlich gehörte Krenz in den achtziger Jahren durch seine Funktion als ZK-Sekretär für Sicherheitsfragen zu den wenigen gut informierten Führungsmitgliedern der SED. Er erhielt regelmäßig die von Verteidigungsminister Heinz Keßler monatlich erstatteten Lageberichte über „Zwischenfälle an der Staatsgrenze West“.

          „Seine feindliche Haltung zum Klassenauftrag“

          Auch die Jahresrapporte des Verteidigungsministers über die „Lage an der Staatsgrenze“ waren Krenz bekannt. Im Januar 1987 etwa berichtete Keßler, die „Zahl der Versuche des Grenzdurchbruchs in Richtung BRD, Berlin (West) und Offenes Meer ist gegenüber dem Vorjahr von 1221 auf 1688 Personen angestiegen“. Das sei die „höchste Zahl seit 1974“. Insgesamt 94 Prozent der versuchten Grenzdurchbrüche seien verhindert worden, 98 Personen gelang die Flucht.

          Im Oktober 1987 erhielt Krenz von Keßler eine „Analyse der Fahnenfluchten in den Grenztruppen“ für den Zeitraum seit Jahresbeginn. An den 13 Fahnenfluchten waren demnach ein Offizier, ein Unteroffizier, vier Gefreite und sieben Soldaten beteiligt. „In einem Fall gelang es dem Täter, die Waffe des Postenführers funktionsuntüchtig zu machen, und in einem weiteren Fall, das Magazin zu entfernen.“

          Natürlich wusste Egon Krenz, als er das las, warum die erwähnten Grenzer vor ihrer Flucht die Maschinenpistole des Vorgesetzten unschädlich gemacht hatten. Noch deutlicher wird sein Kenntnisstand anhand der ihm zugeleiteten gesonderten Untersuchung der Fahnenflucht des erwähnten Offiziers. Darin hieß es, Oberleutnant Frank M., der Mitglied der SED war, habe es verstanden, „seine feindliche Haltung zur Partei, zum Staat und zum Klassenauftrag bewusst zu verbergen“. In einer zurückgelassenen Erklärung habe sich M. zu seiner „partei- und staatsfeindlichen Einstellung" bekannt.

          „Ein Geschwür am Staat“

          Eine Abschrift der Erklärung des Oberleutnants befand sich in der Anlage des Berichts, den Egon Krenz erhalten hatte. Frank M. beklagte in seinem Schreiben „das System der Überwachung“ in der DDR. „Neben Angehörigen des MfS gibt es Massen von ‚Unterstützungskräften'. In jedem Kollektiv, in jedem Haus, in jeder Reisegruppe sind diese Kollegen aktiv und sammeln Punkte. So bespitzelt einer den anderen.“

          Überall bei den Verantwortlichen herrsche Schönfärberei vor und Ignoranz vor den wirklichen Schwierigkeiten. Er sei deswegen zu der Erkenntnis gelangt, dass sich die Probleme „unter den heutigen Zuständen nicht lösen“ ließen. Frank M. hielt das Regime für unfähig, die Lage zu ändern. Die SED sei nur noch „ein Geschwür am Staat".

          „Flucht aus der DDR unter unwürdigen Bedingungen“

          In einem zweiten Schreiben äußerte sich der Oberleutnant zu seiner sechsjährigen Dienstzeit an der Grenze und seinen Erkenntnissen als „waffentechnischer Offizier". Durch seine Beschäftigung mit der internationalen Situation habe er erkannt, „dass es im Ermessen jedes einzelnen Landes liegt, wie es seine Grenze sichert. Nicht einverstanden bin ich mit der Anwendung der Schusswaffe zur Verhinderung von Grenzdurchbrüchen, ausgenommen bei Angriffen auf Angehörige der Grenztruppen." Er sehe keine Notwendigkeit für den Einsatz der Waffe gegen Flüchtlinge.

          In Kürze werde die Maschinenpistole AK 74 für die Grenztruppen eingeführt. „Bei der Anwendung dieser Waffe sind auch Schüsse in Arme und Beine tödlich." Als zuständiger Offizier für die Waffentechnik könne er die Verantwortung für die Einführung dieser Waffe nicht übernehmen. Rechtlich gesehen habe jeder Angehörige der Grenztruppen „die Pflicht, zur Verhinderung eines Grenzdurchbruchs die Schusswaffe als äußerstes Mittel" anzuwenden.

          Er sei zu der Auffassung gelangt, dass er „dazu moralisch nicht das Recht“ habe, selbst wenn „nur entsprechende Befehle auszuführen" seien. Abschließend schrieb Frank M., er wolle nicht gegen seine Überzeugung handeln „und unter keinen Umständen auf einen unbewaffneten Menschen schießen". Deswegen sehe er keine andere Möglichkeit, als „die Flucht aus der DDR unter unwürdigen Bedingungen".

          Widerspruch unter den Grenztruppen

          Egon Krenz bestätigte mit seiner Unterschrift, dass auch der SED-Generalsekretär Erich Honecker den „Bericht über die Überprüfung des ehemaligen Oberleutnants der NVA" zur Kenntnis genommen hatte. Außerdem leitete er den Bericht samt Anlagen an Erich Mielke und Innenminister Friedrich Dickel weiter.

          Krenz dürfte freilich nicht nur durch derartige Berichte die Verpflichtung der Grenztruppen zum Schusswaffengebrauch gegen unbewaffnete Flüchtlinge bekannt gewesen sein. Die Befehlslage an den westlichen Sperranlagen der DDR-Grenze fiel ohnehin in seinen Verantwortungsbereich. Die jetzt bekannt gewordene Existenz einer besonderen Einsatzkompanie des Staatssicherheitsdienstes zur Überwachung der Zeitsoldaten in den Grenzkommandos belegt abermals, wie stark auch unter den regulären Grenztruppen der Widerspruch gegen das von Partei und Staatsführung angeordnete Grenzregime war.

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