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Schießbefehl gefunden : DDR befahl Schüsse auf Kinder

  • Aktualisiert am

Bei Fluchtversuch erschossen: Maueropfer 1962 Bild: dpa

In der Birthler-Behörde ist ein bedingungsloser Schießbefehl gegen DDR-Flüchtlinge gefunden worden. In der Dienstanweisung von 1973 heißt es: „Zögern Sie nicht mit der Anwendung der Schusswaffe, auch dann nicht, wenn die Grenzdurchbrüche mit Frauen und Kindern erfolgen.“

          Eine Spezialkompanie der Stasi ist am 1. Oktober 1973 durch einen Schießbefehl dazu angehalten worden, an der DDR-Grenze auch auf Frauen und Kinder zu schießen. Das geht aus einem jetzt im Magdeburger Außenarchiv der Birthler-Behörde gefundenen Dokument hervor, in dem es heißt: „Zögern Sie nicht, von der Schusswaffe Gebrauch zu machen, auch dann nicht, wenn die Grenzdurchbrüche mit Frauen und Kindern erfolgen, was sich die Verräter schon oft zu nutze gemacht haben.“

          Die Leiterin der Behörde, Marianne Birthler, sagte der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung: „Das Dokument ist deswegen so wichtig, weil der Schießbefehl von den damals politisch Verantwortlichen nach wie vor bestritten wird.“ Das Papier zeuge von großer Brutalität. „Wir sind noch lange nicht am Ende der Aufarbeitung“ der DDR-Diktatur, sagte Frau Birthler.

          Schießbefehl ohne Vorwarnung

          Die Anweisung richtet sich an die Soldaten einer unter dem Kommando der Stasi-Hauptabteilung I im Jahr 1968 gebildeten Einsatzgruppe, der hauptamtliche, aber verdeckt arbeitende Stasi-Leute mit Einzelkämpferausbildung angehörten. Die Stasi-Hauptabteilung I war für die Überwachung der Nationalen Volksarmee und der DDR-Grenztruppen zuständig. Ihre Sondereinheit, die zum rücksichtslosen Schusswaffengebrauch gegen Flüchtlinge angehalten war, hatte die Aufgabe, reguläre DDR-Grenzsoldaten zu überwachen und deren Flucht in den Westen zu verhindern.

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          Ein Sprecher der Birthler-Behörde sagte, bisher habe man in Dienstanweisungen zwar Passagen gefunden, die den Schusswaffengebrauch als letztes Mittel einräumten. Aber zuvor hätten die Grenztruppen laut Befehl immer erst vorwarnen müssen, etwa durch Warnschüsse in die Luft. Davon stehe in dem nun entdeckten Befehl nichts.

          „Lizenz zum Töten“

          Der Historiker und Direktor der Stasiopfer-Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, Hubertus Knabe, forderte ein Ermittlungsverfahren. Der aufgefundene Stasi-Befehl sei „eine Lizenz zum Töten“, sagte Knabe der Zeitung „Welt am Sonntag“. Der Auftrag, ohne zu zögern auch auf Frauen und Kinder zu schießen, könne als Anstiftung zu Mord oder Totschlag gewertet werden, möglicherweise gar als unmittelbare Tatbeteiligung. Die Staatsanwaltschaft solle das mit der gebotenen Gründlichkeit prüfen. Insbesondere müsse festgestellt werden, wer den Auftrag erteilt habe und ob es in der Folge zu Erschießungen an der innerdeutschen Grenze gekommen sei.

          Knabe verwies darauf, dass schon mehrfach Dokumente gefunden worden seien, denen zufolge die Stasi sogenannte Einzelkämpfer zum Töten ausgebildet hatte. Die Verantwortlichen hätten das jedoch immer nur als Planspiele für den Kriegsfall abgetan. „Der jetzt bekanntgewordene Auftrag bezog sich aber nicht auf den Kriegsfall, sondern auf den ganz normalen Alltag an der Grenze“, sagte Knabe.

          Den eigentlichen Schießbefehl für die DDR-Grenzeinheiten hatte das SED-Politbüro neun Tage nach dem Beginn des Mauerbaus am 22. August 1961 beschlossen. Schon am nächsten Tag erschienen im „Neuen Deutschland“ Erklärungen, in denen sich DDR-Grenzeinheiten verpflichteten, „die Einhaltung der Gesetze der DDR zu sichern und, wenn es erforderlich ist, durch Anwendung der Waffe diejenigen zur Ordnung zu rufen, die diese Gesetze der Arbeiter-und-Bauern-Macht mit Füßen treten wollen“. An der innerdeutschen Grenze kamen bei Fluchtversuchen 1245 Menschen ums Leben.

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