https://www.faz.net/-gpf-9cpwm

Doppelmoral in der Debatte? : Özil ist nicht die Queen

In der Özil-Liga? Theresa May mit dem türkischen Präsidenten Bild: dpa

Angela Merkel darf es, Theresa May – und auch die britische Königin: Erdogan treffen. Und Özil? Persönliche Kontakte sind etwas anderes als große Politik.

          4 Min.

          Warum? Warum nur, so fragen viele, wird bei Özil heftig kritisiert, was doch andere offenbar dürfen? Handschlag mit Despoten, die Vergabe von Sportereignissen in dubiose Länder, Waffenlieferungen in Krisengebiete gar. Das könnte daran liegen, dass ein Fußballer eben doch kein Staatsmann ist und ein Bürger auf einem anderen Feld spielt als ein Regierungschef oder Verbandspräsident. Bundeskanzlerin Merkel brachte auch den syrischen Staatschef und Schlächter Assad als Gesprächspartner ins Spiel – womöglich um weiteres Schlachten zu verhindern.

          Reinhard Müller

          Verantwortlicher Redakteur für „Zeitgeschehen“ und F.A.Z. Einspruch, zuständig für „Staat und Recht“.

          Auch die Lieferung von Waffen, der die Politik zustimmen muss, soll ja nicht dem Führen von Angriffskriegen dienen, sondern der Verteidigung, auch wenn Missbrauch nicht ausgeschlossen werden kann. Das ist moralisch oft eine Gratwanderung, macht aber staatliches Handeln nicht vergleichbar mit privaten Aktionen.

          Ja, es kann sogar strafrechtliche Folgen haben, Kontakte zu bestimmten Ländern zu pflegen, deren Regime weiterhin gleichwohl in der Staatengemeinschaft und in internationalen Organisationen als der Form nach gleich mit allen anderen Ländern behandelt werden. Wenn etwa der UN-Sicherheitsrat Sanktionen gegen ein Land wie Iran erlässt, dann sind diese für alle Staaten verbindlich. Da geht es um Reiseverbote, Handelsbeschränkungen und Kontosperrungen, um den Staat dazu zu bewegen, sein Atomprogramm zu stoppen. Die Sanktionen richten sich zunächst gegen iranische Personen und Einrichtungen, aber grundsätzlich wirken sie auf der ganzen Welt. Und Adressaten sind auch potentielle Investoren aus anderen Ländern.

          Die Umstände entscheiden

          Nun ist es natürlich nicht strafbar, sich mit Erdogan zu zeigen. Doch Özil vergleicht sich selbst in seinem Twitter-Statement mit der britischen Königin und mit Premierministerin Theresa May: Für ihn, so Özil, sei es egal gewesen, wer türkischer Präsident sei, Erdogan sei nun einmal der amtierende Präsident gewesen. Der Respekt vor dem politischen Amt sei eine Sichtweise, die sicher von der Queen und Premierministerin May geteilt werde, als sie Erdogan in London empfingen, so Özil. Er, der in seiner Stellungnahme gleich zu Beginn betont, dass er ein Fußballspieler sei, stellt sich hier also auf eine Stufe mit Staats- und Regierungschefin.

          Sprinter – der politische Newsletter der F.A.Z.
          Sprinter – der Newsletter der F.A.Z. am Morgen

          Starten Sie den Tag mit diesem Überblick über die wichtigsten Themen. Eingeordnet und kommentiert von unseren Autoren.

          Mehr erfahren

          Özil hätte hier auch Reinhard Grindel erwähnen können. Der ist schließlich auch Präsident. Demokratisch gewählter Präsident des Verbands, dessen Trikot Özil jahrelang trug. Auch der DFB-Präsident trifft mit zahlreichen mit oder weniger demokratischen Verbandspräsidenten und Staatsmännern zusammen. Das ist sein Job.

          Es ist eine alte Debatte, ob man zweifelhafte Regime aufwertet oder ob man sie auf lange Sicht öffnet und verändert, wenn man ihnen die Ausrichtung sportlicher Großereignisse überlässt. Wenn man sich dafür entschieden hat – dann muss man natürlich auch die gastgebenden Staatschefs treffen. Insofern sind offizielle Treffen mit Putin, dem Präsidenten des Gastgeberlandes der Fußballweltmeisterschaft, nicht mit dem Erdogan-Termin vergleichbar. Sollte Erdogans Türkei die Europameisterschaft ausrichten, sieht die Sache wieder anders aus.

          Weitere Themen

          SPD stellt Wahlprogramm vor Video-Seite öffnen

          Auf Fortschritt ausgerichtet : SPD stellt Wahlprogramm vor

          In ihrem Programm zur Bundestagswahl fordert die SPD von allem ein bisschen mehr - das gilt für Steuern und Investitionen ebenso wie für den Sozialstaat und den Mindestlohn.

          Erdogans Mondfahrt

          Brief aus Istanbul : Erdogans Mondfahrt

          Mit einem „Wahnsinnsprojekt“ und „historischen“ Schritten kämpfte der türkische Präsident um die Wählergunst. Doch selbst seine „frohen Botschaften“ werden zum Fiasko und kosten Menschenleben.

          Topmeldungen

          Wahlkampf im zweiten Corona-Jahr: Winfried Kretschmann (hier beim Bundesparteitag der Grünen) will seine Position als Ministerpräsident von Baden-Württemberg verteidigen.

          TV-Duell in Baden-Württemberg : 60 Minuten quälender Stellungskrieg

          Beim TV-Duell zwischen Baden-Württembergs amtierenden Ministerpräsidenten und seiner Herausforderin Susanne Eisenmann kann auch der Moderator keine Kontroversen herauskitzeln. Das Publikum wartet – kurz vor der Wahl – vergeblich auf Impulse.
          Die mobilen Impfteams bleiben zusätzlich zu den Impfzentren im Einsatz.

          Coronaviurs : Warum Impfstoffe horten viele Menschenleben kostet

          Die Debatte um den Impfstoff des Herstellers Astra-Zeneca sorgt für eine langsamere Verimpfung. Eine Studie verdeutlicht nun, wie wichtig es ist, auch weniger wirksame Impfstoffe schnellstmöglich zu verimpfen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.