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Schavans Karriere : Die Weiterentwicklung der Annette S.

Die Verwechslung von Frauenförderung mit Qualitätssteigerung in der Wissenschaft ist biographisch verständlich, sinnvoller wird sie dadurch nicht. So hat sie die außeruniversitären Forschungsorganisationen zu einem Kaskadenmodell verpflichtet, wonach sie den meist höheren Frauenanteil einer unteren Personalstufe zur Zielquote für die jeweils höhere zu erheben haben. Angesichts einer doppelt so hohen Anzahl weiblicher Habilitanden und einer Verdreifachung des weiblichen Professorenanteils seit Anfang der neunziger Jahre erscheint das Kaskadenmodell als völlig unsinniges Zwangsinstrument einer längst überholten Frauenförderung.

Bologna gegen jede Realität verteidigt

Gegen die Kritiker der Bologna-Reform kämpfte Frau Schavan mit einer Hartnäckigkeit, die an Realitätsverweigerung grenzte. Erst als die Studenten auf der Straße demonstrierten, sprach sie von „Nachbesserungsbedarf“ und wieder einmal vom „Weiterentwickeln“, mahnte auch, das Prinzip „Bildung durch Wissenschaft“ nicht zu kurz kommen zu lassen, das manche Bologna-Studiengänge soeben beseitigt hatten. Während sich der Studienalltag in überfüllten Veranstaltungen immer weiter verschlechterte, feierte sie die Bologna-Reform als europäische Erfolgsgeschichte. Ihr Leitprojekt war die Exzellenzförderung auf allen Ebenen. Die Fortschreibung der milliardenschweren Exzellenzinitiative ihrer Vorgängerin Bulmahn, deren wichtigste Reformen der Überprüfung durch das Bundesverfassungsgericht nicht standhielten, geht wesentlich auf ihr Betreiben zurück und hat tiefe Spuren in der Hochschullandschaft hinterlassen.

Ohne es zu wollen, hat sie das selbstreferentielle Element in der Wissenschaft gestärkt und es nicht geschafft, die Forschungspolitik aus dem Ghetto der Forschenden herauszuholen. Große Debatten hat sie nicht angestoßen. Das Deutschlandstipendium und das Bildungssparen, beides Zugeständnisse an den Koalitionspartner FDP, dümpeln vor sich hin. Die Effekte der millionenschweren Leseförderung bleiben aus und die Sprachförderprojekte von Bund und Ländern kommen mit deutlicher Verspätung.

Richtungweisend: Angela Merkel , Erwin Teufel und Annette Schavan im Jahr 2000 auf dem Bodensee vor der Insel Mainau

Als enge Vertraute der Bundeskanzlerin gelang es Frau Schavan, ihren Einfluss in der Partei stetig zu vergrößern. Es waren Erwin Teufel und Rita Süßmuth - beiden verdankt sie viel -, die ihre Stellvertreterposten in der Partei aufgaben, als Frau Schavan 1998 stellvertretende Vorsitzende der CDU wurde. Im Jahr 2003/2004 war sie als Kandidatin für die Nachfolge des Bundespräsidenten Johannes Rau (SPD) im Gespräch, bevor sich CDU, CSU und FDP auf Horst Köhler (CDU) einigten. Als der baden-württembergische Ministerpräsident Teufel im Jahre 2005 seinen vorzeitigen Rücktritt ankündigte, bewarb sich Schavan neben dem Vorsitzenden der CDU-Landtagsfraktion Günther Oettinger um die Nachfolge, unterlag und blieb Kultusministerin.

Der Kanzlerin hat die stets loyale Freundin Schavan, der die Showelemente des Politbetriebs immer fremd blieben, geräuschlos den Rücken freigehalten und den Koalitionspartner FDP befriedet. „Je stärker der Sturm tobt, desto ruhiger wird sie. So bin ich auch“, hat Frau Schavan über Bundeskanzlerin Angela Merkel gesagt. Die baden-württembergische CDU nominierte sie im Januar mit einem Rekordergebnis, sie will um ihr Bundestagsmandat kämpfen. Ausgerechnet unter dem Titel „Eine neue Lebensmöglichkeit“ hat sie kürzlich eine Kolumne für eine theologische Fachzeitschrift geschrieben. Sie wird sie finden und vielleicht auch außerhalb der Politik.

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