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Schavans Karriere : Die Weiterentwicklung der Annette S.

Widerspruch duldete sie nicht

Das „Weiterentwickeln“ gehört zu ihren Lieblingseuphemismen. Kämpfte sie als baden-württembergische Kultusministerin noch entschieden für das dreigliedrige Schulsystem und eine starke Hauptschule, sorgte sie als Bundesbildungsministerin auf dem CDU-Parteitag 2011 für die faktische Abschaffung der Hauptschule. Die Hauptschule müsse „weiterentwickelt“ werden, so ihr Plädoyer für ein Zwei-Säulen-Modell aus Oberschule und Gymnasium. Widerspruch duldete sie nicht. Geradezu hellsichtig kritisierte sie viel früher als andere die Inklusionseuphorie. Die Integration behinderter Kinder dürfte sich nicht zu einer Zauberformel entwickeln forderte sie schon 1996. Die Frage nach dem geeigneten Lernort müsse am Wohl des Kindes entschieden werden. Als Präsidentin der Kultusministerkonferenz führte sie die sogenannten Konstanzer Beschlüsse herbei, die regelmäßige länderübergreifende Vergleichsstudien für das Schulsystem etablierten.

Als Bundesbildungsministerin ist Frau Schavan rasch zu der Auffassung gelangt, dass die Föderalismusreform ein Fehler war. Also warb sie fortan mit derselben Verve, mit der sie für die Einführung des Kooperationsverbots gekämpft hatte, für seine Abschaffung. Der von ihr vorgelegte Gesetzentwurf scheiterte allerdings im Bundesrat. Mit dem Hochschulpakt 2020, der Finanzmittel für eine höhere Zahl von Studienplätzen bereitstellte, hat sie das schwierige Verhältnis zwischen Kultusministern und Bundesbildungsministerium - das während der rot-grünen Koalition nur noch als zerrüttet bezeichnet werden konnte, merklich entspannt. Gleichwohl konnte sie den Dissens zwischen Bund und Ländern im Blick auf die zukünftige Zusammenarbeit nicht auflösen. Eine Einigung in dieser strittigen Frage wird es wohl erst nach der Bundestagswahl geben.

Ausbildungsberufe in Frage gestellt

Zwiespältig blieb Schavans Plädoyer für immer höhere Studentenzahlen, weil es die Qualität der Ausbildungsberufe in Frage stellte. Solange ein Akademikerkind, das eine duale Ausbildung absolviert, allgemein als Bildungsabsteiger gewertet wird, steigt die Glaubwürdigkeit der dualen Ausbildung nicht. Gleichzeitig hatte Frau Schavan krisengeschüttelten Ländern im europäischen Süden das deutsche Modell der dualen Ausbildung schmackhaft gemacht und entsprechende Kooperationsvereinbarungen unterzeichnet.

Als katholische Theologin stellte sie sich 2010 hinter die Empfehlung des Wissenschaftsrats, an deutschen Universitäten Lehrstühle für islamische Theologie einzurichten, um eine traditionskritische Betrachtung des Korans zu fördern. Die Ministerin wusste zu gut, dass sich auch der Verbleib der katholisch-theologischen Fakultäten an staatlichen Universitäten nur auf diese Weise erkaufen ließ. Im vergangenen Jahr gründete sie in Berlin ein Zentrum für jüdische Theologie. Ihr geisteswissenschaftliches Rahmenprogramm aus dem Jahr 2012 machte kaum Schlagzeilen, weil es die Antragsflut vergrößert und die vielbeschworene Zentrenbildung kaum Probleme löst. Wie nahezu alle Exzellenzprogramme des Bundesbildungsministeriums leidet auch das Rahmenprogramm für den Fachbereich Geisteswissenschaften unter dem Geburtsfehler, dass Strukturen entwickelt, Gelder bereit gestellt werden, aber Konzepte und Inhalte fehlen. Viele Forscher in den geisteswissenschaftlichen Fächern sind des Antrag-Schreibens überdrüssig, lieber wäre es ihnen, mehr Zeit für die Forschung zu haben.

Oft an die Grenzen der Patriarchate gestoßen

Frau Schavan begann ihre Karriere als Geschäftsführerin der Frauenunion und wissenschaftliche Referentin bei der bischöflichen Studienförderung Cusanuswerk, das sie von 1991 bis 1995 leitete. Ihren Werdegang verdankt sie nicht nur ihrem unermüdlichen Arbeitseifer und ihrem Durchsetzungsvermögen, sondern auch katholischen Netzwerken und der Frauenförderung in der Union. Entscheidende Stellen im Bundesbildungsministerium hat sie selbst entsprechend besetzt. Zu oft war sie, die der CDU schon 1975 als Studentin beigetreten war, sowohl in der katholischen Kirche als auch in der CDU an die Grenzen der jeweils herrschenden Patriarchate gestoßen.

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