https://www.faz.net/-gpf-9hcu4

Schäuble oder Merz : Wer hat das Copyright auf Merkels Karriere?

Der CDU-Vorsitzende Wolfgang Schäuble gratuliert am 7.11.1998 auf dem Parteitag in Bonn der soeben zur Generalsekretärin gewählten Angela Merkel. Bild: Picture-Alliance

Wen wollte der damalige CDU-Vorsitzende Schäuble 1998 zum Generalsekretär machen? Und wer hat dann Angela Merkel ins Spiel gebracht? Zu der Geschichte gibt es zwei Versionen – und es können wohl nicht beide stimmen.

          Wolfgang Schäuble hat Berichte als „reine Erfindung“ zurückgewiesen, er habe Friedrich Merz vor zwanzig Jahren zu seinem Generalsekretär machen wollen, dieser habe aber abgesagt. Schäuble war damals Parteivorsitzender und blieb es etwa anderthalb Jahre. Ein Intermezzo. Nun sagte Schäuble im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (F.A.Z.): „Ich wollte eine Frau als Generalsekretärin.“ Angela Merkel.

          Volker Zastrow

          Verantwortlicher Redakteur für Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die „reine Erfindung“ stand am Sonntag in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (F.A.S.), und falls es wirklich eine war, so war Friedrich Merz ihr Erfinder. Der hatte nämlich diese Geschichte erzählt, und zwar am Samstag vor einer Woche: Schäuble habe ihn seinerzeit gefragt, er habe abgelehnt, stattdessen Merkel vorgeschlagen. Auf Nachfragen sagte Merz, dass Schäuble Merkel schon im Kopf gehabt habe; auf die weitere Nachfrage, woher er das denn wissen konnte: Schäuble habe ihm das gesagt.

          Nur „Erfindungen“ von Journalisten?

          Am letzten Freitag, bevor der Artikel in der F.A.S. erschien, hatte Merz auf der letzten Regionalkonferenz in Berlin dieselbe Geschichte erzählt, ohne Schäuble beim Namen zu nennen: „Ich habe damals zu den wirklich großen Befürwortern gehört, Angela Merkel zur Generalsekretärin der CDU zu machen. Damals bin ich selber gefragt worden, ob ich das werden wollte. Ich hab gesagt, ich würde lieber im Bundestag bleiben und lieber dort eine zusätzliche Aufgabe übernehmen, und dann stand der Name im Raum, und ich hab gesagt, ja, das ist eine gute und richtige Entscheidung: a, eine Frau zu nehmen, und b, jemanden aus dem Osten zu nehmen. Das war eine gute Entscheidung. So, und nach diesem Maßstab würde ich das auch wieder entscheiden wollen.“

          In dem Film „Der Machtkampf – wer folgt auf Merkel?“, den die ARD an diesem Montag zeigte, sagt Merz: „Der Wolfgang Schäuble hat mich damals gefragt, ich glaub, ich darf das heute, zwanzig Jahre später, auch sagen, ob ich Interesse daran hätte, Generalsekretär der CDU zu werden. Die Diskussion gab es auch damals schon öffentlich. Ich habe ihm gesagt, dass ich das eigentlich nicht gerne machen möchte, sondern ich möchte gern in der Bundestagsfraktion bleiben. Und wir haben dann auch darüber gesprochen, wer denn sonst dann Generalsekretär werden könnte, ich hab dann auch Angela Merkels Namen genannt. Ich hab ihm gesagt, das stände uns vielleicht auch gut an, eine Frau zu nehmen als Generalsekretärin, jemanden aus dem Osten zu nehmen.“

          Repnik und Merz als Favoriten

          Schäuble waren diese Aussagen von Friedrich Merz offenbar entgangen, sonst hätte er keinen Grund gehabt, bei den F.A.Z.-Kollegen gegen Journalisten und ihre „Erfindungen“ zu wettern. Nach zwanzig Jahren, das ist klar, können Erinnerungen trügen. Jedenfalls war es damals so, dass nach der verlorenen Bundestagswahl 1998 darüber spekuliert wurde, wen der künftige Parteivorsitzende als Generalsekretär vorschlagen würde. So ist es ja auch dieser Tage wieder.

          Damals galten zwei Kandidaten als aussichtsreich: Der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Hans-Peter Repnik und der Abgeordnete Friedrich Merz. Von Merkel war öffentlich nicht die Rede, womöglich schon deshalb, weil die Idee, eine Frau mit dieser Aufgabe zu betrauen, für die CDU als zu originell galt. Das waren bisher immer Männer gewesen: Biedenkopf, Geißler, Rühe, Hintze.

          Am 1. Oktober 1998, drei Tage nach der Wahl, meldete die „Braunschweiger Zeitung“ unter Berufung auf die berühmten „Kreise“, Schäuble „favorisiere“ Merz. Daraufhin teilte Merz am selben Tag mit, er sehe seine Zukunft „mehr in der Fraktion als in der Partei“. Er fügte hinzu, an ihn sei von Schäuble noch „keine konkrete Bitte“ herangetragen worden.

          Die Nachrichtenagentur Associated Press, die Merz gefragt hatte, schrieb weiter: „Er lehnte den Posten zwar nicht grundsätzlich ab, sagte aber, er werde im Zweifel ,nicht mit fliegenden Fahnen‘ wechseln. Das müsse in Ruhe bedacht werden.“ Von Merkel nahm man damals öffentlich an, dass sie stellvertretende CDU-Vorsitzende bleiben würde.

          Worum geht es nun in der aktuellen Auseinandersetzung? Letztlich wohl darum, wer Angela Merkel erfunden hat. War es Schäuble oder Merz? Schäuble war als Parteivorsitzender von Anfang an in einer schwierigen Lage. Als Kohls ehemaliger Kronprinz war er nun sein Konkursverwalter. Auch damals gab es aber das Bedürfnis nach einem Neubeginn. Besonders beliebt war Schäuble weder in der Partei noch in der Fraktion. Seine Gegner dort sahen in ihm einen „Winkeladvokaten“.

          Außerdem zweifelten viele daran, dass er eine künftige Kanzlerrolle ausfüllen könne, weil er an den Rollstuhl gebunden war – oder sie setzten solche Zweifel bewusst gegen ihn ein. Einen starken Generalsekretär konnte Schäuble sich nicht wünschen. Er hatte bei Kohl reichlich Gelegenheit gehabt, zu beobachten, wohin das führt. Sowohl Kohls Generalsekretär Kurt Biedenkopf als auch dessen Nachfolger Heiner Geißler hatten versucht, ihren Parteichef zu entmachten und selbst das Ruder in die Hand zu bekommen.

          Angela Merkel galt damals nur den allerwenigsten als stark. Sogar als sie später selbst Parteivorsitzende wurde, sah man weit über die Partei hinaus ihre Qualifikation lediglich darin, Frauen und „Ostdeutsche“ für die CDU zu gewinnen, und das war es dann auch schon. Offenbar traute man ihr das zu, weil sie selbst Frau und Ostdeutsche war. Ein Maßstab, an den Merz aktuell erinnert. Nur sind das nicht etwa Fähigkeiten oder Fertigkeiten, sondern Merkmale. Man könnte auch sagen: Schubladen. In die hat Angela Merkel sich nicht stecken lassen. Sie erfand sich lieber selbst.

          Weitere Themen

          CDU-Führung bemüht sich weiter um Merz

          Erste Präsidiumssitzung : CDU-Führung bemüht sich weiter um Merz

          Bei der ersten CDU-Präsidiumssitzung nach der Wahl von Annegret Kramp-Karrenbauers geht es auch um den Unterlegenen: Friedrich Merz solle „sichtbar“ bleiben in der Partei, wird sich gewünscht. Und die neue Parteichefin macht eine Ankündigung.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.