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Schädigung im Mutterleib : Nikotinbaby

Ungeborene Kinder kommen zu kurz

In der großen Politik gibt es so viel Anschaulichkeit nicht. In Berlin hat man sich ein Präventionsgesetz ausgedacht, um das Gesundheitsbewusstsein zu verbessern. Krankheiten sollen vermieden werden, bevor sie überhaupt entstehen, sagt Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe. Doch die ungeborenen Kinder kommen hier zu kurz: Unter den Gesundheitszielen taucht die Reduktion des Alkoholkonsums nicht auf. Das Gesetz nimmt drohende Gesundheitsschäden in der Schwangerschaft überhaupt nicht in den Blick. Kinderärzte fordern hier Nachbesserung. Und auch in Gröhes eigener Partei gibt es Kritik: Der CDU-Abgeordnete Hubert Hüppe fordert, dass bei alkoholischen Getränken auf der Flasche oder der Verpackung ein gesetzlich vorgeschriebener deutlicher Warnhinweis angebracht wird und Warntafeln in Gaststätten aufgestellt werden.

Wichtiger, als noch mehr Regelungen zu erfinden, ist vielen Medizinern, dass es Angebote für ihre Patientinnen gibt, die leicht zugänglich sind. Zu einem solchen Angebot zählt die Internetplattform IRIS, die Frauen online und anonym beim Tabak- oder Alkoholverzicht in der Schwangerschaft unterstützt. Ziel ist es, dass die Frauen unmittelbar mit der Aufnahme in das Programm aufhören, Alkohol oder Tabak zu konsumieren. Die zwölfwöchige Behandlungsphase soll die Abstinenz stabilisieren und vor Rückfällen schützen, Das Projekt wird vom Bundesgesundheitsministerium unterstützt.

Fettleibigkeit wird bislang unterschätzt

Längst droht aber eine noch ganz andere Gefahr für die ungeborenen Kinder, auf die Gesellschaft, Politik und Medizin noch gar nicht vorbereitet sind: Übergewicht in der Schwangerschaft. Ein Problem, das erschreckend schnell zum Massenphänomen wird. Berthold Koletzko, Vorsitzender der Ernährungskommission der Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin, meint sogar: „Neben Alkohol und Nikotin wird in Zukunft das Übergewicht der werdenden Mutter eine mindestens gleich wichtige Gesundheitsgefahr für das Kind sein.“ Zwanzig Prozent aller Schwangeren in Deutschland sind heute übergewichtig, fünfzehn Prozent gelten sogar als fettleibig oder adipös, Tendenz steigend. Ist die Mutter zu dick, erhöht dies das Risiko des ungeborenen Kindes, selbst bereits überernährt geboren zu werden und im späteren Leben unter Übergewicht zu leiden – mit Folgen wie Diabetes oder Bluthochdruck.

Chefarzt Kirschstein hat seine Visite auf der Neugeborenen-Station zwischen bunten Wänden und Kuscheltieren, die oft so groß sind wie das Kind selbst, für heute beendet. Auch Max liegt inzwischen wieder schlafend in seinem Bettchen, auf dem Arm einer jungen Ärztin hat er sich beruhigen lassen. Zurück in seinem Büro, legt Kirschstein einen ganzen Stapel von Flyern und bunten Broschüren auf den Tisch. Sie tragen Namen wie „Frühe Hilfe“ „Ein guter Start ins Leben“ oder „Welcome“. „Angebote für junge Eltern gibt es genug“, sagt er. Man müsse sie nur richtig einsetzen: mehr Vernetzung statt neuer Gesetze. Von den Ärzten über die Hebammen, das Jugendamt bis hin zum Stillkurs müssten alle an einem Strang ziehen.

Dann klingelt Kirschsteins Telefon. Der nächste kleine Patient wartet. Ein fünf Jahre altes Mädchen. Während Kirschstein den Behandlungsraum vorbereitet, wartet das blonde Mädchen mit seiner Mutter im Hof vor der großen Glastür. An der linken Hand hält die Mutter ihre kranke Tochter fest, mit der rechten Hand drückt sie ihre Zigarette aus.

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