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Schädigung im Mutterleib : Nikotinbaby

Die Mütter will auch hierzulande kaum jemand bestrafen. „Keinem Kind wird dadurch geholfen“, sagt Hilde Mattheis, gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion. Sie sieht die Gefahr, dass sich schwangere Frauen aus Furcht vor der Strafverfolgung den Hilfsangeboten entziehen. Auch die Grünen halten strafrechtliche Mittel für „absolut ungeeignet“. Schließlich könne auch anderes Verhalten, wie etwa Radfahren, gesundheitsgefährdend sein, heißt es aus der Fraktion. „Wollen wir das alles unter Strafe stellen?“ Hubert Hüppe, der für die CDU/CSU-Fraktion im Gesundheitsausschuss sitzt, weist darauf hin, dass das Verbot bei krankhafter Alkoholabhängigkeit wohl auch nichts nutzen würde.

Bessere Aufklärung nötig

Alkoholsucht ist eine Erkrankung. Das hebt auch die Ärzteschaft hervor. Solche Patientinnen gehören aus Sicht der Mediziner nicht an den Pranger. Sie wissen aus Erfahrung: Wenn man den Frauen mit Vorwürfen begegnet, verliert man den Zugang zu ihnen vollständig. Auch Kinderarzt Spohr glaubt, dass man mit Bestrafung nicht weiterkommt – allerdings aus anderen Gründen: Es sei „Wunschdenken“, dass Frauen, die an einer Alkoholsucht leiden, im Gefängnis dazulernen. Er plädiert dafür, dass Kinder von schwer suchtkranken Frauen, die sich in staatlicher Obhut befinden, keinen Kontakt zu ihren Müttern haben sollten, bis sie ihre Sucht im Griff haben. Wenn Spohr besonders stark geschädigte Kinder sieht, denkt er, solche Mütter dürften eigentlich keine Kinder bekommen. Doch fatalerweise hoffen manche Frauen gerade, dass die Schwangerschaft sie aus dem Sumpf ziehen kann.

Der Schutz der Kinder gerät dabei allzu leicht aus dem Blickfeld. Einig sind sich deshalb alle – ob es nun um zwei Liter Schnaps am Tag oder eine Zigarette pro Woche geht: Die Aufklärung muss besser werden. Zwar sollen Schüler eigentlich schon im Sexualkundeunterricht lernen, welche Gefahren Drogen in der Schwangerschaft haben können, und die Bücherregale sind voll von ungezählten Ratgebern. In Amerika werden sogar Warnhinweise auf Flaschen geklebt. Trotzdem gibt es Frauen, die über ihren eigenen Körper sehr wenig wissen. Manche denken auch heute noch, ein Gläschen Rotwein am Abend werde schon nicht schaden. Nach Angaben der Drogenbeauftragten wissen 56 Prozent der Bevölkerung nicht, dass Alkoholkonsum in der Schwangerschaft zu bleibenden Schäden für das Kind führen kann. Und es gibt Frauen, die es einfach nicht schaffen, dem gesellschaftlichen Druck zu widerstehen und nicht mitzutrinken und mitzurauchen.

Christian, der junge Mann aus Brandenburg, will junge Frauen dazu bringen, nicht denselben Fehler zu machen wie seine Mutter. Er beteiligt sich an der Aufklärungsarbeit. Jüngst war er mal wieder in einer Medizinvorlesung für Studenten im zweiten Studienjahr an der Charité in Berlin. Kinderarzt Spohr, der ihn seit frühster Kindheit behandelt, hat den Studenten die Gefahren von Alkohol in der Schwangerschaft erklärt. Dann nahm sich Christian das Mikrofon: „Trinken Sie keinen Alkohol, sonst bekommen Sie ein Kind, das so aussieht wie ich.“ Plötzlich herrschte Totenstille im Hörsaal.

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