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Schädigung im Mutterleib : Nikotinbaby

Frauenärzte sind für Schwangere die erste Anlaufstelle. Fast alle Frauen gehen zur Vorsorge. Doch der Arzt ist häufig kein Verbündeter im Kampf gegen die Drogen. Das liegt auch an den Ärzten selbst. „Wir sprechen das Thema an, reden mit den Schwangeren darüber, aber um tiefer nachzubohren, ist im Praxisalltag oft keine Zeit“, sagt ein niedergelassener Gynäkologe aus einer Ortschaft in Süddeutschland. Eine Stichprobe des Bundesgesundheitsministeriums zeigte: Jeder zweite Frauenarzt spricht mit Schwangeren nicht über die Gefahren von Alkohol und Rauchen. In jedem einzelnen Fall verletzt der Arzt seine Berufspflicht. Bis vor einigen Jahren wurde nicht einmal im Mutterpass explizit nach Alkohol und Tabak gefragt, es gab nur den allgemeinen Punkt „Genussmittel“. Was man darunter verstand, war jedem selbst überlassen.

Direkt nach dem Argument Zeit kommt von den Ärzten das Argument Geld: Der Gynäkologe vom Land erklärt, er bekomme pro Quartal pro Schwangere 112 Euro. Für die Betreuung der gesamten Schwangerschaft zahle die Krankenkasse ihm rund 336 Euro. Er wolle ja nicht jammern, aber man müsse sich einfach bewusst machen: Für dieses Geld kann man alleine in einer Praxis nur eine geringe Zahl an „schwierigen Schwangerschaften“ betreuen. Nach Angaben der Kassenärztlichen Bundesvereinigung beträgt das Honorar von Frauenärzten rund 46.566 Euro im Quartal, Querfinanzierungen seien darin eingerechnet.

Es hilft nichts die Mütter zu bestrafen

Die Mütter zu schwach, die Ärzte überarbeitet – wer denkt eigentlich an die Kinder? Zehntausend kommen jedes Jahr mit geistigen und körperlichen Schädigungen zur Welt, weil die Mütter nicht die Hände von der Flasche lassen können. Wenn gutes Zureden nichts nützt, reagiert die Politik mit dem Strafrecht. In diesem Fall ist das allerdings nicht so einfach. Selbstgefährdung ist in Deutschland erlaubt, sogar Selbstschädigung. Nur Fremdgefährdung ist verboten. Die Krux für ungeborene Kinder: Rechtlich betrachtet, sind sie noch kein eigenes Leben. Sie werden bis zum Beginn der Geburt der Mutter zugeordnet. Erst danach sieht das Strafrecht sie als Menschen an und bietet Schutz vor Misshandlung. Das heißt: Wenn eine Mutter einem Säugling Alkohol einflößt, kann sie wegen Körperverletzung verklagt werden. Wenn der Embryo den Schnaps über das Blut aufnimmt, passiert der Frau hingegen nichts.

Kinderarzt Hans-Ludwig Spohr, der seit einigen Jahren an der Berliner Charité das Zentrum zur Untersuchung von angeborenen Alkoholschäden leitet, findet das widersinnig: „Auch Alkohol in der Schwangerschaft ist schwere Kindesmisshandlung.“ So hat es auch ein britisches Gericht gesehen und eine 17 Jahre alte Mutter verurteilt, die während der Schwangerschaft regelmäßig eine halbe Flasche Wodka sowie acht Dosen Starkbier getrunken hatte und eine Tochter mit schweren Gesundheitsschäden zur Welt brachte. „Die Mutter hat bösartig Gift verabreicht und so das Leben oder schwerwiegenden körperlichen Schaden riskiert“, heißt es in dem Urteil. Die Berufungsinstanz hat die Entscheidung allerdings aufgehoben: Das ungeborene Leben sei keine „Person“, daher könne die Mutter keine Straftat begehen.

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