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Schädigung im Mutterleib : Nikotinbaby

130.000 Kinder mit angeborenen Alkoholschäden

Schwangerschaft bedeutet, Verantwortung für ein anderen Leben zu übernehmen. Eigene Bedürfnisse zurückzustellen – und zwar in jeder einzelnen Sekunde und Lebenslage. Das ist für alle Frauen eine Herausforderung. Für die Frauen, die nicht einmal in der Lage sind, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen, ist es eine Überforderung.

An die Folgen wollen Schwangere nicht denken, wenn sie sich die nächste Zigarette anstecken. Sie schrecken davor zurück, Hilfe zu holen. Sogar den Frauenärzten gegenüber verheimlichen viele ihre Sucht – aus Scham und aus Angst. Stattdessen suchen die Frauen in der Anonymität des Internets Unterstützung. „Ich schaffe es nicht mit dem rauchen aufzuhören! Ich hab schon reduziert von einer Schachtel auf 5 stück am tag und hab die Sorte gewechselt auf eine superleichte. Ich schäme mich so dafür!“, schreibt eine Frau, die bereits zwei Kinder auf die Welt gebracht hat. Noch am selben Tag bekommt sie zwanzig Antworten: keine Vorwürfe, sondern Zuspruch. „Man kann dich nicht zerfleischen oder dir vorwürfe machen, wenn du es wenigstens konsequent versuchst.“ Und Berichte über Kinder, die „kerngesund und totaal lieb“ seien, obwohl die Mutter „zwei Schachteln am Tag weggequarzt hat“.

Dass Alkohol harmlos für das ungeborene Kind ist, behauptet in den Internetforen zwar kaum jemand ernsthaft. Trotzdem schädigen Frauen ihr Kind auch damit, bevor sie es das erste Mal im Arm halten. Laut Experten sind in Deutschland 130.000 Kinder von angeborenen Alkoholschäden, von der sogenannten Fetalen Alkohol-Spektrumstörungen, betroffen. Je nach Schwere können die Kinder leichte kognitive Störungen bis hin zu schweren Behinderungen haben. Mit schmalen Oberlippen, verstrichenen Falten zwischen Mund und Nase sowie kurzen Lidspalten sind manche ihr ganzes Leben damit gezeichnet, was ihre Mutter während der Schwangerschaft getrunken hat. Böse Zungen sagen: Eine Mutter kann ihr Kind vom „Gymnasium auf die Hauptschule heruntertrinken“.

Keine Zeit für Nachfragen

Christian geht noch nicht einmal auf die Hauptschule, sondern in eine Behindertenwerkstatt in Brandenburg. Seine Mutter hat in der Schwangerschaft jeden Tag zwei Flaschen Schnaps getrunken, berichtet die Pflegemutter. Nun ist er 19 Jahre alt und 1,53 Meter groß. Er hat große Schwierigkeiten beim Rechnen und Lesen, sein Intelligenzquotient liegt bei 49, er leidet unter dem „Fetalen Alkoholsyndrom“, wie die besonders schwere Form der pränatalen Alkoholschädigung genannt wird. Die Diagnose war in Christians Fall klar. Viele andere betroffene Kinder fallen aber durchs Raster. Rund neunzig Prozent von ihnen erhalten gar keine Diagnose. Daher werden sie häufig schlecht versorgt. Den Alltag zu meistern ist für viele schwierig.

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