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Schadsoftware „Duqu“ : Ein Wurm für alle Fälle

Duqu: der „kleine Bruder“ von Stuxnet ist in Europa aufgetaucht Bild: dpa

Das Schadprogramm Duqu bereitet den nächsten Angriff auf industrielle Steuerungsanlagen vor. Wie verletzbar die sind, hat sein Vetter Stuxnet vor zwei Jahren im Iran gezeigt.

          Für die Techniker im Kontrollraum der Urananreicherungsanlage im iranischen Natans lief alles normal. Auf ihren Kontrollbildschirmen schnurrten die Rotoren der Zentrifugen mit einer gleichmäßigen Frequenz von 1064 Umdrehungen pro Sekunde - wie es nötig ist, um die begehrten leichteren von den schwereren Uran-Isotopen zu trennen. Die Techniker konnten nicht wissen, was in den Aluminiumröhren wirklich vor sich ging.

          Thomas Gutschker

          Redakteur im Ressort Politik in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Für kurze Zeit beschleunigte der Rotor auf 1410 Umdrehungen pro Sekunde, einen Monat später wurde er gebremst bis zum Stillstand, dann wieder beschleunigt. Für die filigranen Gasschleudern war das wohldosierter, aber tödlicher Stress: Nach und nach fielen sie aus, mehr als 900 von gut 5000 wurden binnen eines Jahres ausgetauscht. Irgendwann muss den Technikern aufgefallen sein, dass sie auf ihren Schirmen einen schlechten Film sahen, nicht die Wirklichkeit: Die Steuerungsanlagen sendeten ihnen alte Daten, die sie im Normalbetrieb aufgezeichnet hatten. Es war der ferngesteuerte Film von der heilen Anreicherungswelt in einem Bunker zwanzig Meter unter der Erde, dem Stolz des iranischen Regimes. Als das aufflog, wurde auch der Chef des iranischen Atomprogramms ausgetauscht.

          Stuxnet - Geburt im Jahr 2009

          So trat 2009 ein Wurm in die Welt, den ein Softwarespezialist später "Stuxnet" taufen sollte. Ein Trojaner, der gut getarnt im Computernetz hängenbleibt (auf Englisch: stuck). Der Mann, der den Wurm enttarnte, Ralph Langner aus Hamburg, spricht heute von der ersten Cyberwaffe der Geschichte. Diese Waffe funktionierte ganz anders als alle vorherigen Angriffsversuche. Sie brauchte das Internet nicht, sie war präziser und zerstörerischer. Und obendrein viel preiswerter als jeder konventionelle Angriff: Mit ein paar Millionen Dollar ließen sich fast tausend tief verbunkerte Zentrifugen ausschalten. "Diese Art von Kriegsführung verändert die Landschaft. Wir werden mehr solcher Angriffe sehen", warnte Langner im Juni auf einer Nato-Konferenz in Tallinn.

          Seit vergangener Woche kann die Welt zusehen, wie die nächste Attacke vorbereitet wird. Symantec, eines der führenden Unternehmen für Computersicherheit, alarmierte die Öffentlichkeit über "Duqu". "Eine fast genauso große Bedrohung wie Stuxnet, aber mit einem völlig anderen Zweck", stellten die Informatiker fest. Der Wurm greift nicht Steuerungssysteme an, sammelt aber Daten über sie bei ihren Herstellern und Betreibern. "Die Angreifer suchen nach Informationen wie Design-Dokumenten, die ihnen helfen können, einen künftigen Angriff auf eine industrielle Steuerungseinrichtung auszuführen", schreibt Symantec in der Analyse des Virus.

          Wo genau sie Duqu aufgespürt haben, lassen die Informatiker im Halbdunkel. Am 14. Oktober seien sie von einem "Untersuchungslabor mit starken internationalen Verbindungen" auf die neue Gefahr hingewiesen worden. Das Labor habe Duqu auf verschiedenen Computersystemen in Europa entdeckt. Ein Sprecher der Firma Siemens, Weltmarktführer für industrielle Steuerungssysteme, sagte dieser Zeitung, derzeit sei bei dem Unternehmen kein Befall eines Computers mit Duqu bekannt. Das muss nichts heißen: Der Wurm ist so programmiert, dass er sich nach 36 Tagen selbst von dem System entfernt, das er vorher ausgespäht hat.

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