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Gedenkstunde im Bundestag : „Deutschland ist ein starkes Bollwerk“

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Saul Friedländer am Donnerstag im Bundestag Bild: dpa

Bei der Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus erinnert der Holocaust-Überlebende Saul Friedländer an die „grundsätzliche moralische Verpflichtung“, das Existenzrecht Israels zu verteidigen.

          Der israelische Historiker und Holocaust-Überlebende Saul Friedländer hat die Deutschen aufgerufen, für Toleranz, Menschlichkeit und Freiheit, „kurzum: die wahre Demokratie“ zu kämpfen. Deutschland sei eines der „starken Bollwerke“ gegen Gefahren wie Antisemitismus, Fremdenhass und einen sich „immer weiter verschärfenden Nationalismus“, sagte Friedländer am Donnerstag in einer Gedenkstunde des Bundestages für die Opfer des Nationalsozialismus.

          Der Antisemitismus sei „nur eine der Geißeln, von denen jetzt eine Nation nach der anderen schleichend befallen wird“, sagte der 86 Jahre alte Friedländer, dessen Eltern im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau ermordet wurden und der als Junge in einem katholischen Internat in Frankreich überlebte.

          „Ein von Grund auf verändertes Deutschland“

          Als er gebeten worden sei, vor dem Bundestag zu sprechen, habe er zunächst gezögert, sagte Friedländer. Er habe die Einladung dann aber angenommen. „Warum? Weil ich wie viele Menschen weltweit im heutigen Deutschland ein von Grund auf verändertes Deutschland sehe. Denn dank seiner langjährigen Wandlung seit dem Krieg ist Deutschland eines der starken Bollwerke gegen die Gefahren geworden, die sich soeben erwähnt habe.“

          Zu diesen Gefahren zählten laut Friedländer „der Fremdenhass, die Verlockung autoritärer Herrschaftspraktiken und insbesondere ein sich immer weiter verschärfender Nationalismus“, die „überall auf der Welt in Besorgnis erregender Weise auf dem Vormarsch.“ seien. Er hoffe, dass Deutschland die moralische Standfestigkeit besäßen, „weiterhin für Toleranz und Inklusivität, Menschlichkeit und Freiheit, kurzum für die wahre Demokratie zu kämpfen“, fügte er unter Applaus hinzu.

          Friedländer betonte, es sei eine „grundsätzliche moralische Verpflichtung“, das Existenzrecht Israels zu verteidigen. Allerdings werde dieses von „extremen Rechten“ und „extremen Linken“ in Frage gestellt, und der Antisemitismus in seinem „traditionellen wie in seinem neuen Gewand“ nehme wieder unübersehbar zu. Der heutige Hass auf Juden sei ebenso irrational „wie er es immer schon war“, fügte der Historiker hinzu. Alte und neue Verschwörungstheorien seien im Umlauf, vor allem bei Rechtsradikalen.

          Friedländer hob hervor, es sei „selbstverständlich“ legitim, die israelische Regierung zu kritisieren. Aber die „schiere Heftigkeit und das Ausmaß der Angriffe“ seien „schlicht absurd“ und hätten den Beigeschmack eines „notdürftig verhüllten Antisemitismus“.

          Schäuble: „Scham allein reicht nicht“

          Zuvor hatte Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) alle Bürger gemahnt, sich gegen Antisemitismus und Rassismus einzusetzen. Es gebe in der Gesellschaft noch immer „gefährliche Stereotype und Vorurteile, Ausgrenzung und Diskriminierung, Antisemitismus“, sagte er in seiner Begrüßungsrede. Beides, der „alte“ und der „neue zugewanderte“ Antisemitismus seien inakzeptabel, „erst recht in Deutschland“.

          Schäuble nannte es beschämend, dass Juden heute wieder mit dem Gedanken spielten auszuwandern, „weil sie sich in unserem Land nicht sicher fühlen“, weil sie angefeindet oder gar tätlich angegriffen würden, weil ihre Kinder in der Schule angepöbelt oder gemobbt würden. „Aber Scham allein reicht nicht.“ Der Bundestagspräsident fügte hinzu, neben der Härte der Gesetze brauche es vor allem im Alltag „unsere Gegenwehr gegen Antisemitismus, Rassismus, Diskriminierung aller Art“.

          Anlass der Gedenkstunde im Bundestag war der 74. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau durch sowjetische Truppen am 27. Januar 1945. Allein dort wurden mehr als eine Million Menschen getötet. An der Veranstaltung nahmen unter anderen Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesratspräsident Daniel Günther (beide CDU) sowie Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Verfassungsgerichtspräsident Andreas Voßkuhle teil.

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