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Sauerland-Gruppe : Zeit der Geständnisse

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Fritz Gelowicz gilt der Bundesanwaltschaft als Führer der Gruppe

Fritz Gelowicz gilt der Bundesanwaltschaft als Führer der Gruppe Bild: dpa

Im Prozess gegen die Sauerland-Gruppe wollen die Angeklagten an diesem Montag mit ihren Geständnissen beginnen. Fritz Gelowicz, der als Kopf der Gruppe gilt, wird nach Angaben seines Verteidigers „umfangreich, detailliert und schonungslos aussagen“.

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          Der mutmaßliche Rädelsführer soll als Erster das Wort ergreifen: Fritz Gelowicz, auch als „Emir“ der vierköpfigen Sauerland-Gruppe bezeichnet, macht an diesem Montag den Auftakt, wenn vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf der Prozess wegen Verdachts der Mitgliedschaft in einer in- und ausländischen terroristischen Vereinigung, Mordes und Vorbereitung eines Sprengstoffverbrechens fortgeführt wird. „Mein Mandant wird umfangreich, detailliert und schonungslos aussagen, so wie er es schon in den Vernehmungen gemacht hat“, sagte sein Verteidiger Dirk Uden der F.A.Z. „Der Umfang des Geständnisses ist auch für mich eine Überraschung.“ Gelowicz gilt als Anführer der Gruppe.

          Dutzende Stunden hatten Gelowicz (29), Adem Yilmaz (30), Attila Selek (24) und Daniel Schneider (24) im Juni und Juli Beamten des BKA getrennt gegenübergesessen, um Aussagen über ihre Aufenthalte in pakistanischen Ausbildungslagern für Terroristen im Jahr 2006 und über die Tatvorbereitung in Deutschland zu machen. Ziel des Anschlags war es, möglichst viele Amerikaner zu töten, etwa auf dem Militärstützpunkt Ramstein in Rheinland-Pfalz, um so die Vereinigten Staaten, aber auch Deutschland zum Rückzug ihrer Truppen aus Afghanistan zu bewegen. Der Anschlag wurde schließlich durch ihre Verhaftung im sauerländischen Medebach-Oberschledorn im September 2007 vereitelt - Selek wurde erst zwei Monate später in der Türkei gefasst. Mehr als tausend Seiten lang sollen die Vernehmungsprotokolle sein.

          „Muslimisches Gegenstück zu Rambo“

          Auch der Vorsitzende Richter Ottmar Breidling, der im Dezember 2008 den sogenannten Kofferbomber Youssef al-Hajdib zu lebenslanger Haft verurteilte, bezeichnete die Aussagen als „beeindruckend“ und „umfassender, als man zu Beginn dieser Vernehmungsprozedur erwarten konnte“. Sollten die vier Angeklagten vor Gericht ebenfalls weitreichende Auskünfte über die Strukturen der Terrororganisation Islamische Dschihad Union (IJU), in deren Auftrag tätig gewesen zu sein ihnen vorgeworfen wird, und die Tatvorbereitung in Deutschland ablegen, könnte ein Terrorismusverfahren hierzulande zum ersten Mal durch Geständnisse beendet werden.

          Die Sauerland-Gruppe: Yilmaz, Selek, Gelowicz, Schneider
          Die Sauerland-Gruppe: Yilmaz, Selek, Gelowicz, Schneider : Bild: dpa

          Der vom radikalen Ulmer Prediger Yahia al Yussif beeinflusste Gelowicz steht dabei auch deshalb im Mittelpunkt, weil er nach Einschätzung von Prozessbeobachtern mit Kenntnis der Vernehmungsprotokolle das Vorgehen der Gruppe am strukturiertesten schildern kann. Während der aus dem hessischen Langen stammende Yilmaz als „muslimisches Gegenstück zu Rambo“ beschrieben wird - am ersten Prozesstag im April rief er dem Richter zu: „Ich stehe nur für Allah auf!“ -, gilt Gelowicz auch der Bundesanwaltschaft (BAW) als Kopf der Gruppe. Außerdem spreche er am besten Arabisch, was für ihren Anspruch, im Namen des globaden Dschihad für die Errichtung eines Kalifats zu kämpfen, nicht unerheblich ist - und sich selbst durch das Charisma und die Kontakte, die Yilmaz in die Gruppe einfließen ließ, nicht wettmachen lasse.

          Eines eint die vier Männer dennoch: An der extrem Auslegung ihres muslimischen Glaubens halten sie trotz drohender langer Haftstrafen fest, und auch von Reue ist offenbar wenig zu spüren. So wolle der Angeklagte Selek am Ende einer Gefängnisaufenthalts den Heiligen Krieg fortführen, heißt es beim Staatsschutzsenat des Oberlandesgerichts Frankfurt, wo zurzeit gegen Helfer der Sauerland-Gruppe verhandelt wird. Allerdings sehe der Deutschtürke sein Einsatzgebiet nicht in Afghanistan oder Deutschland, sondern in Tschetschenien. Auch Yilmaz wurde vom Frankfurter Gericht mit Verweis auf die BKA-Vernehmungsprotokolle mit den Worten zitiert, er habe nach seiner Haftentlassung weiter vor, „in den Dschihad zu ziehen“.

          Die Ankündigung des Richters in Düsseldorf im Juni, Geständnisse brächten einen „spürbaren Nachlass“ beim Strafmaß, könnte so sehr unterschiedlich ausfallen. Gelowicz wird wohl noch an diesem Montag Aussagen zu seinen Zukunftsplänen machen - und könnte damit eine jener „Überraschungen“ liefern, mit denen sein Verteidiger während des Verfahrens weiter rechnet. Zu viert zusammen kamen die Angeklagten während der Vernehmungen schließlich nur einmal. Das Treffen dauerte zwar mehr als zwei Stunden - und war offenbar von Umarmungen und Freundschaftsbekundungen geprägt. Aber BKA-Beamte waren anwesend, um Absprachen zu verhindern.

          Sicherheitsbehörden in Sorge

          Selbst wenn die Angeklagten über konkrete Anschlagspläne und ihre Motivation, sich in Pakistan zu muslimischen Gotteskriegern ausbilden zu lassen, detailliert Auskunft erteilten, gilt ein von Dschihadisten verübter Anschlag noch vor der Bundestagswahl weiter als möglich. Erst Anfang des Monats sagte Hessen Innenminister Volker Bouffier, die Behörden sollten „nichts ausschließen, sondern auf alles vorbereitet sein“. Auch die Tatsache, dass einer der beiden in Frankfurt wegen Unterstützung der Sauerland-Gruppe Angeklagten nicht in Untersuchungshaft sitzt, sondern weiter Kontakte zu jenen Kreisen pflegt, die Yilmaz vor seiner Verhaftung frequentierte, bereitet den Sicherheitsbehörden Sorge. Ende August ist Yilmaz in Frankfurt als Zeuge geladen.

          Auch wenn der Türke dem Deutschen Gelowicz innerhalb der Gruppe nicht das Wasser reichen konnte: Die Nachwirkungen seiner Rekrutierungs- und Schleusertätigkeit wirken bis heute nach. Sechs Männer soll allein er in Ausbildungslager der IJU oder befreundeter Gruppen in Pakistan geschleust haben, bis zu drei Dutzend weitere stehen derzeit offenbar vor dem Absprung in die Türkei, wo die Reise in die Lager meist beginnt. Darüber, wie die islamistischen Schleusernetze funktionieren, wird in den kommenden Wochen in Düsseldorf öfter die Rede sein. Mit Urteilen wird nicht vor dem kommendem Frühjahr gerechnet.

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