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Böhmermann und Co. : Pubertär statt politisch

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Die „heute-show“ hat den Anspruch, Politiker nicht sinnlos lächerlich zu machen; ihr Moderator Oliver Welke erhielt den Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis für Fernsehjournalismus. Zur Begründung hieß es, Welkes Verdienst sei unter anderem „Aufklärung mit Genuss in Zeiten des Politikverdrusses“. Politikverdruss ist ein seltsames Wort: als hätte die Politik schuldhaft die Leute verdrossen. Vielleicht ist das Problem eher Politikbocklosigkeit: der Unwille mancher Menschen, sich mit etwas anderem zu beschäftigen als mit sich selbst. Und der Wille, Verantwortung immer auf andere abzuwälzen. Nach der Logik könnte man Steuerhinterzieher auch bürokratieverdrossen nennen. Letztes Jahr erschien die neueste Shell-Jugendstudie. Darin steht, die Zahl der Jugendlichen sei stark gestiegen, die sich als „politisch interessiert“ bezeichneten. Zugleich hielten sie aber wenig von Parteien. Ihre beliebtesten politischen Aktivitäten seien Waren boykottieren und Online-Petitionen unterzeichnen. Aktivismus kann nützlich sein; aber ohne die Arbeit von Politikern ist er bedeutungslos. Dieser Schluss scheint nicht für jeden auf der Hand zu liegen.

Witze auf Klotür-Niveau

Die „heute-show“ will ihr Publikum also unter anderem aufklären. Was bedeutet das zum Beispiel für das Flüchtlingsthema? Welke selbst sagte kürzlich in einem Interview, Angriffsfläche böten da vor allem die Politiker, „die suggerieren, dass es auf dieses komplexe Problem einfache Antworten gäbe“. Das ist ehrenwert; manchmal gelingt ein solcher Angriff. Zum Beispiel konterte Welke den ewigen Vorwurf, die Flüchtlingskrise würde totgeschwiegen, in der Sendung einmal damit, dass er ewig lang die Titel von Talkshows runterrattern ließ, in denen Politiker tatsächlich über nichts anderes gesprochen hatten als über das Flüchtlingsthema. Aber viele Witze kommen nicht über Klotür-Niveau hinaus. Gerade diese verbreiten sich rasant im Internet. Sie gefallen Menschen, die Humor von Hohn nicht unterscheiden. Andere machen sich das für ihre Zwecke zunutze.

Ein Beispiel: Eine der immer wiederkehrenden Figuren in der „heute-show“ ist Gernot Hassknecht. Seine Rolle ist die Karikatur eines Fernsehkommentators. Anfangs sitzt er souverän am Tisch und spricht seine Einschätzung zu einem politischen Thema in die Kamera. Aber bald steigert er sich in Wut und brüllt, bis er schließlich ausgeblendet werden muss. Die Rolle ist bei den Fans der Show sehr beliebt. Einmal, vor drei Jahren, ereiferte sich Hassknecht über den Armutsbericht der Bundesregierung. Damals regierte die Union mit der FDP. Hassknecht wütete, unter anderem fiel der Satz: „Die FDP ist und bleibt ein herzloser Arschgeigen-Verein.“ Die hessische Landtagsabgeordnete Janine Wissler von der Linkspartei twitterte daraufhin: „,Die FDP ist und bleibt ein herzloser Arschgeigen-Verein.‘ #Armutsbericht #heuteshow“.

Menschen müssen Erdogan für einen Diktator halten

Egal, ob man Hassknecht lustig findet: Der FDP-Satz, aus dem satirischen Zusammenhang gerissen, ist einfach herabwürdigend. Es ist kein Humor darin, keine Idee und kein Sinn. Trotzdem wurde Wisslers Tweet vielfach weiterverbreitet, zum Beispiel vom Landessprecher der Linken in Baden-Württemberg und vom Verdi-Bezirk Süd-Ost-Niedersachsen. Man muss davon ausgehen, dass die es besser wissen: Der Arschgeigen-Satz ist nicht lustig, und er ist nicht wahr. Er macht FDP-Politiker verächtlich, und das ist nicht deshalb plötzlich in Ordnung, weil er einer Satire-Sendung entnommen ist. So soll es in dem Tweet aber erscheinen. Wer nicht weiß, wie Politiker normalerweise über- und miteinander reden, muss angesichts solcher Politiker-Tweets annehmen, es handele sich bei Abgeordneten entweder um gehässige, egozentrische Krawallmacher. Oder eben um armselige Verlierer, die sich den Krawallmachern unterwerfen.

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