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Wozu reicht Hartz IV? : „Man kann davon überleben“

  • -Aktualisiert am

Die Tastatur von Sandras zehn Jahre altem Laptop ist defekt, das Geld für ein neues Gerät fehlt. Bild: Fridolin Skala

Sandra bezieht Hartz IV und ist wütend auf Jens Spahn. Für sie bedeutet Hartz IV Armut. Deswegen fordert sie den Minister auf, selbst einen Monat von 416 Euro zu leben. Ihre Petition haben schon mehr als 100.000 Menschen unterzeichnet.

          Sekündlich flattern neue Unterschriften über den Bildschirm des zehn Jahre alten Toshiba-Laptops. Sandra S. schaut gebannt zu und kann noch nicht richtig glauben, dass ihre Online-Petition so zündet. „Jetzt sind es schon 106.000!“, sagt sie fasziniert und liest ein paar Kommentare vor, die ihre Unterstützer geschrieben haben: „So arrogant darf sich ein Minister nicht verhalten“, heißt es da. Oder: „Ganz offensichtlich den Bezug zur Realität verloren!“ Ein Lächeln huscht über ihr müdes Gesicht. Dann reißt sie sich von ihrem Rechner los, lässt sich aufs Sofa fallen und beginnt voller Energie zu erzählen.

          Am vergangenen Wochenende hatte der CDU-Politiker Jens Spahn in einem Interview gesagt, Hartz IV bedeute nicht Armut, und mit Hartz IV habe „jeder das, was er zum Leben braucht“. Sandra, alleinerziehende Mutter und seit fünf Jahren selbst auf Hartz IV angewiesen, ärgerte sich maßlos.

          „Als ich in den Medien davon mitbekommen habe, war einfach Wut da im ersten Moment.“ Für die 40 Jahre alte Frau sind solche Aussagen „unfair, respektlos und fernab jeder Realität“. Sie findet, damit fordere Spahn die Leute geradezu auf, schlecht über Hartz IV-Empfänger zu denken. Eine Bekannte brachte Sandra S. auf die Idee, eine Petition zu starten. Und so forderte sie Spahn bei change.org auf, einen Monat lang auf Basis des Hartz IV-Grundregelsatzes seinen Alltag zu meistern.

          Dieser Grundregelsatz beträgt 416 Euro pro Monat und setzt sich aus mehreren Zahlen zusammen. Sandra S. rechnet vor, wie viel das Jobcenter für welche Ausgaben veranschlagt und wie realistisch das ist: Für Lebensmittel stehen ihr 145,04 Euro zur Verfügung, knapp 5 Euro am Tag. Sandra muss also mit dem Budget haushalten. „Ohne Planung geht es nicht“, sagt sie und erzählt, dass sie die Prospekte der Supermärkte nach Sonderangeboten durchforstet und abends nach 18 Uhr einkaufen geht, weil dann Obst und Gemüse teilweise billiger seien. Man könne davon überleben, sagt sie, „aber es macht an anderen Stellen arm.“

          Eine der anderen Stelle ist der Bereich Freizeit und Kultur. „Man zieht sich von sozialen Aktivitäten zurück, weil Kultur einfach teuer ist und ich hier zuerst spare, wenn an einer anderen Stelle das Geld knapp wird“, erklärt Sandra. Mit Freunden essen gehen, kommt bei ihr fast nie vor und auch die Anfrage, ob sie mit auf ein Konzert der Rolling Stones wolle, musste sie ablehnen. 80 Euro hätte die Karte gekostet, der Regelsatz sieht 39,01 Euro im Monat vor.

          Die Waschmaschine rostet und am Herd funktionieren nicht mehr alle Feld. Bilderstrecke

          Mit dem Karlsruher Pass, der Bedürftigen Teilhabe am sozialen Leben ermöglichen soll, kommen sie und ihr Sohn immerhin kostenlos in den Zoo und günstiger ins Museum. „Ich bin da dankbar für, aber es kostet trotzdem Geld und jedes Wochenende in den Zoo gehen, brauchen wir jetzt auch nicht.“

          Auch die weiteren Posten sind knapp bemessen. Für Kleidung und Schuhe gibt es 36,45 Euro. Deshalb kauft sie antizyklisch: Im Winter Sandalen und im Sommer Winterschuhe. Sie stöbert in Second-Hand-Läden – „außer bei Unterwäsche!“, das ist ihr wichtig. Besonders schwer ist das für ihren Jungen. „Natürlich will der die Markenschuhe für 80 Euro, aber das geht eben nicht“, erzählt Sandra S. und kurz hört man den Kummer in ihrer Stimme. Der wird aber schon im nächsten Satz von leichtem Stolz übertönt: „Dadurch lernt er aber auch, dass es schön ist, auf etwas zu sparen und sich das dann auch gönnen zu können.“

          Kein Geld für Fahrten nach außerhalb

          Im Grundregelsatz sind außerdem 36,89 Euro für Wohnen, Energie und Instandhaltung vorgesehen. Die Miete übernimmt zwar zu großen Teilen das Amt, den Strom muss sie aber selbst zahlen. Sie kommentiert: „Blöd, weil mein Tarif kostet 10 Euro mehr.“

          Auch die 25,64 Euro für Haushaltsgegenstände und -geräte reichen nicht wirklich. Sandra S. betet jeden Tag, dass ihre rostige Waschmaschine noch weiterläuft, und das am Herd, den sie vor Jahren gebraucht gekauft hat, nicht noch mehr Platten kaputt gehen. Für solche Neuanschaffungen sei einfach kein Geld da.

          In der Auflistung fehlen noch 32,99 Euro für andere Waren und Dienstleistungen, worunter etwa Friseurbesuche oder Kaffee fallen. Außerdem bekommt sie 34,66 Euro für Verkehrstickets. Das reicht für das Karlsruher Sozialticket, das 22 Euro kostet, sobald aber Fahrten nach außerhalb anstehen – etwa bei Bewerbungen –, wird es schon wieder eng.

          Für den Haushaltsposten Gesundheit bekommt Sandra 15,80 Euro und muss davon Hygieneartikel und Eigenanteile bei Ärzten und Apotheken bezahlen. Das reicht bei ihr selten. Komplettiert wird der Regelsatz noch von 37,20 Euro für Nachrichtenübermittlung, 10,35 Euro für Restaurant- oder Kneipenbesuche und 1,06 Euro für Bildung. „Wie viel Bildung ich dafür bekomme, ist ja klar“, lacht sie bitter.

          Knebelverträge, Selbstständigkeit, Pleite

          Sandra S. bekommt mehr als den Grundfreibetrag vom Jobcenter, insgesamt 950 Euro plus 194 Euro Kindergeld für ihren Sohn. In diesem Betrag sind aber schon der Mietzuschuss und die Leistungen enthalten, die auch ihr Sohn vom Amt bekommt. Das Kindergeld wird allerdings auf ihren Regelsatz angerechnet, was wiederum bedeutet, dass sie nicht die vollen 416 Euro erhält. „Das ist dermaßen kompliziert, da muss man für studiert haben, um es zu verstehen“, scherzt sie, als sie sich über den Bescheid des letzten Monats beugt. In der Regel bleiben ihr und ihrem Sohn circa 350 bis 400 Euro im Monat. „Davon verhungern wir nicht, aber wehe es steht eine Klassenfahrt ins Haus. Das ist finanzielle Armut.“

          Sandra S. bezieht seit 2013 Hartz IV. Davor hatte sie 19 Jahre mit kleinen Unterbrechungen gearbeitet. Die gelernte Bürokauffrau war schon Rezeptionistin im Hotel, telefonierte im Callcenter, arbeitete für einen Stromversorger und für den technischen Support eines Telekommunikationsunternehmens. Meist waren die Stellen befristet oder die Anschlussverträge waren „Knebelverträge“, auch Umzüge erforderten Jobwechsel.

          Vor fünf Jahren fand sie dann zum ersten Mal keine neue Stelle. „Seitdem versuche ich rauszukommen, aus diesem Desaster“, berichtet sie. Weil keine Bewerbung zum Erfolg führte, machte sie sich selbstständig. Mit ihrem Online-Shop für Geschenkartikel „kleinpreiszauber.de“ verdiente sie zumindest etwas eigenes Geld und wurde zur „Aufstockerin“. Nach drei Jahren lief das Geschäft aber so schlecht, dass Sandra vor der Wahl stand, einen Kredit anzunehmen oder das Portal aufzugeben. In ihren Augen eine Zwickmühle: „Ich habe einen Sohn, da konnte ich Schulden nicht verantworten.“ Sie rutschte wieder in den vollen Hartz IV-Bezug ab.

          In die Selbstzweifel krachte Jens Spahn

          Wegen einer Krankheit durfte Sandra nicht jeden Beruf annehmen, in dem sie gerne gearbeitet hätte: „Etwas mit Kindern oder Altenpflegerin hätte ich gut gefunden, aber damit waren zu hohe emotionale Belastungen verbunden.“ Weil sie aber niemandem „auf der Tasche liegen wollte“, bewarb sich Sandra weiter und schöpfte 2018 Hoffnung, als ihr ein Installateur eine Stelle als Bürokraft anbot. Am letzten Tag der Probezeit kam jedoch die Kündigung. Zu unflexibel sei sie als Mutter, hieß es, man suche jemanden für eine Vollzeitstelle.

          „Das war ein richtiger Rückschlag für mich“, erzählt sie und klingt zum ersten Mal nicht mehr so entschlossen und selbstsicher wie zuvor. „Ich habe mich gefragt: ‚Schaffst du das überhaupt?‘ und ‚Haben die am Ende vielleicht sogar Recht?‘“

          Und mitten in diese Selbstzweifel krachte am vergangenen Wochenende Jens Spahn.

          Kein Gespräch mit „Bild“

          Den Rest der Geschichte hat Sandra schnell erzählt: Montags stellte sie die Petition online und am Dienstag hatten schon 20.000 Menschen ihre Forderung an Jens Spahn unterzeichnet. Nach einem Bericht in der „Tagesschau“ waren es am Mittwoch 70.000 Personen.

          Seit diesem Zeitpunkt steht Sandras Telefon nicht mehr still. „Alle großen Zeitungen haben schon angerufen, außer der BILD-Zeitung“, erzählt sie, aber mit denen wolle sie sowieso nicht reden. Im Internet erzählen „bento“, „ze.tt“ und „t-online“ ihre Geschichte. Die „Badischen Neuesten Nachrichten“ berichten ebenso über sie, wie der SWR im Fernsehinterview. Sandra ist überall gefragt und kommt kaum zum Schlafen, die leichten Augenringe zeugen davon.

          Ihre Petition haben bisher mehr als 130.000 Menschen unterzeichnet. „Ich bin natürlich dankbar über jeden, der mitmacht, aber ich möchte das nicht auf die lange Bank schieben“ sagt sie und erklärt: „Sobald ich eine Möglichkeit habe, will ich Herrn Spahn die Petition in die Hand drücken.“ Ob Spahn am Ende tatsächlich einen Monat lang von 416 Euro leben wird, ist Sandra nicht so wichtig. „Wenn diese Petition aber dazu führt, dass Herr Spahn das nächste Mal nachdenkt und Betroffene fragt, bevor er solche unqualifizierten Äußerungen trifft, wäre schon viel erreicht. Ich will wachrütteln, damit sich Politiker wieder dafür interessieren, wie es uns einfachen Menschen geht.“

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