https://www.faz.net/-gpf-985be

Wozu reicht Hartz IV? : „Man kann davon überleben“

  • -Aktualisiert am

Die Tastatur von Sandras zehn Jahre altem Laptop ist defekt, das Geld für ein neues Gerät fehlt. Bild: Fridolin Skala

Sandra bezieht Hartz IV und ist wütend auf Jens Spahn. Für sie bedeutet Hartz IV Armut. Deswegen fordert sie den Minister auf, selbst einen Monat von 416 Euro zu leben. Ihre Petition haben schon mehr als 100.000 Menschen unterzeichnet.

          5 Min.

          Sekündlich flattern neue Unterschriften über den Bildschirm des zehn Jahre alten Toshiba-Laptops. Sandra S. schaut gebannt zu und kann noch nicht richtig glauben, dass ihre Online-Petition so zündet. „Jetzt sind es schon 106.000!“, sagt sie fasziniert und liest ein paar Kommentare vor, die ihre Unterstützer geschrieben haben: „So arrogant darf sich ein Minister nicht verhalten“, heißt es da. Oder: „Ganz offensichtlich den Bezug zur Realität verloren!“ Ein Lächeln huscht über ihr müdes Gesicht. Dann reißt sie sich von ihrem Rechner los, lässt sich aufs Sofa fallen und beginnt voller Energie zu erzählen.

          Am vergangenen Wochenende hatte der CDU-Politiker Jens Spahn in einem Interview gesagt, Hartz IV bedeute nicht Armut, und mit Hartz IV habe „jeder das, was er zum Leben braucht“. Sandra, alleinerziehende Mutter und seit fünf Jahren selbst auf Hartz IV angewiesen, ärgerte sich maßlos.

          „Als ich in den Medien davon mitbekommen habe, war einfach Wut da im ersten Moment.“ Für die 40 Jahre alte Frau sind solche Aussagen „unfair, respektlos und fernab jeder Realität“. Sie findet, damit fordere Spahn die Leute geradezu auf, schlecht über Hartz IV-Empfänger zu denken. Eine Bekannte brachte Sandra S. auf die Idee, eine Petition zu starten. Und so forderte sie Spahn bei change.org auf, einen Monat lang auf Basis des Hartz IV-Grundregelsatzes seinen Alltag zu meistern.

          Dieser Grundregelsatz beträgt 416 Euro pro Monat und setzt sich aus mehreren Zahlen zusammen. Sandra S. rechnet vor, wie viel das Jobcenter für welche Ausgaben veranschlagt und wie realistisch das ist: Für Lebensmittel stehen ihr 145,04 Euro zur Verfügung, knapp 5 Euro am Tag. Sandra muss also mit dem Budget haushalten. „Ohne Planung geht es nicht“, sagt sie und erzählt, dass sie die Prospekte der Supermärkte nach Sonderangeboten durchforstet und abends nach 18 Uhr einkaufen geht, weil dann Obst und Gemüse teilweise billiger seien. Man könne davon überleben, sagt sie, „aber es macht an anderen Stellen arm.“

          Eine der anderen Stelle ist der Bereich Freizeit und Kultur. „Man zieht sich von sozialen Aktivitäten zurück, weil Kultur einfach teuer ist und ich hier zuerst spare, wenn an einer anderen Stelle das Geld knapp wird“, erklärt Sandra. Mit Freunden essen gehen, kommt bei ihr fast nie vor und auch die Anfrage, ob sie mit auf ein Konzert der Rolling Stones wolle, musste sie ablehnen. 80 Euro hätte die Karte gekostet, der Regelsatz sieht 39,01 Euro im Monat vor.

          Die Waschmaschine rostet und am Herd funktionieren nicht mehr alle Feld. Bilderstrecke

          Mit dem Karlsruher Pass, der Bedürftigen Teilhabe am sozialen Leben ermöglichen soll, kommen sie und ihr Sohn immerhin kostenlos in den Zoo und günstiger ins Museum. „Ich bin da dankbar für, aber es kostet trotzdem Geld und jedes Wochenende in den Zoo gehen, brauchen wir jetzt auch nicht.“

          Auch die weiteren Posten sind knapp bemessen. Für Kleidung und Schuhe gibt es 36,45 Euro. Deshalb kauft sie antizyklisch: Im Winter Sandalen und im Sommer Winterschuhe. Sie stöbert in Second-Hand-Läden – „außer bei Unterwäsche!“, das ist ihr wichtig. Besonders schwer ist das für ihren Jungen. „Natürlich will der die Markenschuhe für 80 Euro, aber das geht eben nicht“, erzählt Sandra S. und kurz hört man den Kummer in ihrer Stimme. Der wird aber schon im nächsten Satz von leichtem Stolz übertönt: „Dadurch lernt er aber auch, dass es schön ist, auf etwas zu sparen und sich das dann auch gönnen zu können.“

          Kein Geld für Fahrten nach außerhalb

          Im Grundregelsatz sind außerdem 36,89 Euro für Wohnen, Energie und Instandhaltung vorgesehen. Die Miete übernimmt zwar zu großen Teilen das Amt, den Strom muss sie aber selbst zahlen. Sie kommentiert: „Blöd, weil mein Tarif kostet 10 Euro mehr.“

          Auch die 25,64 Euro für Haushaltsgegenstände und -geräte reichen nicht wirklich. Sandra S. betet jeden Tag, dass ihre rostige Waschmaschine noch weiterläuft, und das am Herd, den sie vor Jahren gebraucht gekauft hat, nicht noch mehr Platten kaputt gehen. Für solche Neuanschaffungen sei einfach kein Geld da.

          In der Auflistung fehlen noch 32,99 Euro für andere Waren und Dienstleistungen, worunter etwa Friseurbesuche oder Kaffee fallen. Außerdem bekommt sie 34,66 Euro für Verkehrstickets. Das reicht für das Karlsruher Sozialticket, das 22 Euro kostet, sobald aber Fahrten nach außerhalb anstehen – etwa bei Bewerbungen –, wird es schon wieder eng.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Polizistinnen reiten über die Wiesen am nördlichen Mainufer und kontrollieren die Einhaltung des Corona-Kontaktverbots.

          Covid-19-Genesene : Gibt es bald eine „Immunitätslizenz“?

          Gerade über die Feiertage ist die soziale Isolation besonders schmerzhaft. Tröstlich sind Gedankenspiele, wie die Gesellschaft wieder zur Normalität zurückfinden kann. Sind Antikörpertests geeignet, eine Infektion zu erkennen?

          Vorwahlen der Demokraten : Bernie oder keiner

          Bernie Sanders hat sich aus dem Vorwahlkampf der Demokraten zurückgezogen. Einige seiner Anhänger wollen aber nicht Joe Biden wählen. Donald Trump umwirbt sie gezielt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.