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Salafistenszene : Immer wieder Bonn

Besondere Bedeutung für die Radikalisierung der Szene: Ausschreitungen in Bonn 2012 Bild: dpa

Die frühere Hauptstadt ist ein Tummelplatz für Salafisten. Einige von ihnen ziehen in den Dschihad, andere planen Anschläge in Deutschland oder rufen zum Mord auf.

          „Nicht nur Boston, London und Paris stehen im Fadenkreuz des islamistischen Terrorismus, sondern auch wir in NRW“, sagt Ralf Jäger (SPD). Der nordrhein-westfälische Innenminister ist besorgt über die wachsende Salafistenszene. Diese Muslime wollen auch in Deutschland einen Gottesstaat errichten und die Demokratie abschaffen. Rund 1.500 Salafisten gibt es derzeit nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes zwischen Rhein und Weser. Von ihnen gelten 150 als „dschihadistisch“, also als Aktivisten, die Anschläge gutheißen, unterstützen oder sogar selbst ausführen (möchten).

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          In Nordrhein-Westfalen ist die Szene in 20 Vereinen organisiert. Als Zentren der Eiferer gelten Bochum, Aachen, Solingen oder Köln. Wahlweise als „Tummelplatz“, „Hauptstadt“ oder „Zentrum“ der dischadistischen Salafisten wird Bonn immer wieder bezeichnet. Denn die Bundesstadt spielt in unterschiedlicher Weise immer wieder eine wichtige Rolle. Hier gibt es eine von Somaliern geprägte Gruppe militanter Islamisten. Bakkay Harrach besuchte einst in Bonn die Al-Mushini-Moschee. 2009 fiel er als Autor des ersten Drohvideos eines deutschen Al-Qaida-Mitglieds auf.

          Im Bundestagswahlkampf vor vier Jahren hatte Harrach mit Anschlägen gedroht, sollte Deutschland sein Afghanistan-Engagement nicht beenden. Harrach ist mittlerweile bei Kampfhandlungen in Afghanistan ums Leben gekommen. Ebenfalls aus Bonn stammen einige der islamistischen Kämpfer, denen es in den vergangenen Jahren gelang, von Deutschland aus in das afghanisch-pakistanische Grenzgebiet auszureisen.

          Syrien ist derzeit das „beliebteste“ Ziel von Dschihadisten aus Deutschland

          Der Mai 2012 bildet in mehrfacher Hinsicht eine Zäsur für die Salafisten-Szene. Vor einem Jahr kam es in Solingen und Bonn zu heftigen Ausschreitungen von Salafisten, als Mitglieder der rechtsextremen Partei „Pro NRW“ in der Nähe von Moscheen islamkritische Karikaturen in die Höhe hielten. Im vergangenen Juni verbot Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) den Solinger Salafisten-Verein „Millatu Ibrahim“.

          Einige der besonders radikalen Aktivisten reisten danach in den Nahen Osten oder nach Nordafrika - unter ihnen auch der Führer von „Millatu Ibrahim“, Mohamed Mahmoud. Der gebürtige Wiener rief dann in einem Video zu Anschlägen in Österreich auf und wurde schließlich in der Türkei festgenommen, als er versuchte, nach Syrien einzureisen - Syrien ist derzeit das „beliebteste“ Ziel von Dschihadisten aus Deutschland.

          Besondere Bedeutung für die Radikalisierung der Szenen haben die Ausschreitungen vor der König-Fahd-Akademie in Bonn im Mai vergangenen Jahres. Salafisten verletzten mehr als zwei Dutzend Polizisten. Der aus Hessen stammende radi-kalislamistische Täter stach auf zwei Beamte ein und verletzte sie dabei schwer. Er wurde dafür wenige Monate später zu sechs Jahren Haft verurteilt. Der früher unter dem Namen „Deso Dogg“ auftretende Gangsta-Rapper Denis C. war im Mai in Bonn dabei.

          Danach floh der Konvertit, der sich nun Abu Talha nennt, nach Ägypten, verherrlichte von dort aus die Tat seines Salafisten-Kameraden per Videobotschaft und legte seinen Glaubensbrüdern nahe, Deutsche gefangen zu nehmen, um Rache zu üben: „Jeder Beleidiger des Gesandten wird geschlachtet, ob fern oder nah. Und wisse, oh Bruder, die Deutschen sind auch zum Greifen nah. Wir werden sie gefangen nehmen, bis du frei bist, für deine edle Tat.“ Die Konfrontation zwischen „Pro NRW“-Aktivisten“ und Salafisten in Bonn war nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes zudem das erste Ereignis in Deutschland, auf das auch eine ausländische terroristische Gruppierung reagierte.

          Yassin C., ein aus Bonn stammender deutschsprachiger Akteur der „Islamischen Bewegung Usbekistans“ (IBU), rief per Internet-Videobotschaft zum Mord an „Pro NRW“-Mitgliedern auf und gab sogar konkrete Anregung: „So raten wir euch, lauert und sucht einzelne Personen der ,Pro NRW‘ im Geheimdienstverfahren auf! Und dann... schlagt zu!“ Die Botschaft wirkt wie die Regieanweisung für den Mordanschlag auf den Vorsitzenden von „Pro NRW“, den Ermittler im März gerade noch vereiteln konnten.

          Einer der vier Tatverdächtigen ist der Konvertit Marco G., der aus Niedersachsen nach Bonn gezogen war. Nach Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden verhielt er sich in der Bonner Salafisten-Szene unauffällig. Nach seiner Festnahme aber stießen die Ermittler in seiner Wohnung in Bonn-Tannenbusch auf wichtige Spuren zu einem anderen Attentat. Seither steht G. im Verdacht, auch die Bombe gebaut zu haben, die im Dezember auf Gleis eins des Bonner Hauptbahnhofs nur wegen eines Konstruktionsfehlers nicht explodierte.

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