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Salafisten : Was die Altvorderen glaubten

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Bild: dapd

Der Salafismus begann einmal als reformistische Strömung des Islam. Die Zeiten haben sich geändert: Heute hat sie aggressiv-apologetische und rückwärtsgewandte Züge.

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          Dass in Deutschland einmal Salafisten und Ordnungshüter aneinandergeraten würden, konnte sich noch vor einem Jahr, ja noch vor wenigen Wochen wohl niemand vorstellen, denn man begegnete ihnen allenfalls in Nachrichten aus dem fernen Ägypten, wo sie bei den Parlamentswahlen zwischen dem vorigen November und Januar unerwartet hohe Gewinne erzielt hatten.

          Doch nun macht diese Richtung des Islam - obzwar als Splittergruppe von wenigen tausend Anhängern - auch in der Bundesrepublik von sich reden. Der heutige Salafismus, wenn es sich denn bei seinen vorwiegend deutschen Anhängern wirklich darum handelt, stellt sich als rigider, rückwärts gewandter Fundamentalismus dar, den ein großer Teil der deutschen Muslime ablehnt; die jüngste aufsehenerregende Koranverteilungs-Aktion der Salafisten wurde von den Verbänden in Deutschland abgelehnt.

          Der Salafismus ist insgesamt eine schillernde, nicht so leicht auf einen Nenner zu bringende Strömung innerhalb des Weltislams. Sein sozusagen klassischer Gründervater ist Ahmad Ibn Hanbal (gestorben 855), der Schöpfer der hanbalitischen Rechtsschule, die in der Regel als die am wenigsten „offene“, als die orthodoxeste der vier klassischen Rechtsschulen (madhahib) des Islam gilt.

          Im 19. Jahrhundert entstand aus dem Ansatz Ibn Hanbals eine salafistische Strömung, die man als Neo-Salafija charakterisieren könnte. Sie ist eine Mischung aus Modernismus und dem Streben nach einer Reinheit und Reinigung des Glaubens von „Überfremdungen“. Ihre Gründer, Dschamal al Din al Afghani (1838-1897), ein Perser, der sich wohl den Beinamen „der Afghane“ zulegte, um seine schiitische Herkunft zu verbergen, und der Ägypter Muhammad Abduh verstanden sich als durchaus fortschrittliche Denker. Al Afghani, der unermüdlich viele Länder des Nahen Ostens bereiste und eine Zeitlang am Hof des Sultans zu Konstantinopel/Istanbul lebte, war stark politisch engagiert und gilt heute als Schöpfer des Panislamismus. Sein vorrangiges Ziel war es, die Muslime aus jahrhundertelangem geistigen Schlaf sowie aus politischer Lethargie zu erwecken und sie im Kampf gegen die westlichen Kolonialmächte, vor allem die Briten, die seit 1882 auch in Ägypten herrschten, zu unterstützen. Afghani war wohl persönlich gar nicht besonders fromm, hatte jedoch großen religiösen wie politischen Einfluss auf den panislamisch gesinnten osmanischen Sultan Abdulhamid II., der bis 1908 herrschte und versuchte, im Namen aller Muslime sein Reich mit teilweise brachialen Methoden zusammenzuhalten.

          Das Streben der Salafija galt einer Modernisierung

          Der 1905 gestorbene Ägypter Muhammad Abduh hingegen war mehr Theologe. Auch er wollte die Ägypter und die übrigen Muslime zum Widerstand gegen die Briten ermuntern, hatte jedoch auch starke theologische Interessen. Viele sehen in ihm bis heute den Begründer geradezu der islamischen Reformbewegung, denn er wandte sich in seinen Büchern „im Namen der Altvorderern“ (salaf) gegen die Verkrustungen der islamischen Theologie wie gegen die zahlreichen abergläubischen Praktiken des Volksislam. Abduh hatte auch Vorbehalte gegenüber dem Sufismus, jener meist pantheistischen, sehr volkstümlichen Mystik, die weite Teile des islamischen Denkens sowie die Praxis der mystischen Bruderschaften (tariqas) seit dem Mittelalter geprägt hatte.

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