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Salafisten in Frankfurt : Über Nacht ins Kampfgebiet

Zum Grillen ans Flüsschen: Polizisten kontrollieren einen Anhänger der Salafisten in Frankfurt Ginnheim. Bild: BERND KAMMERER

In Frankfurt treten die Islamisten so selbstbewusst auf wie nie, immer wieder kommt es zu Drohungen und Provokationen. Ein Jugendhaus und ein Museum mussten bereits schließen. Die Regierung der Stadt verharrt in einer Schreckstarre.

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          Abdellatif Rouali kommt am späten Nachmittag. Sein leicht schlurfender Gang verrät ihn schon aus der Ferne. Er trägt seine weiße Kappe. Wie immer. Und eine viel zu große Sonnenbrille, die ihn an diesem Sonntagnachmittag nicht nur vor dem gleißenden Licht schützen soll, das zwischen den Bäumen auf die Wiese fällt, sondern auch vor den Blicken der Polizei, die sich mit einem Dutzend Einsatzwagen rund um den Park postiert.

          Katharina Iskandar

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Einen Grillplatz in Frankfurt haben sich die Salafisten ausgesucht. Im Internet wurde für diese Veranstaltung geworben. Es sollten Spenden gesammelt werden für einen Gefangenenhilfsverein. Doch die, die an diesem Nachmittag ins Ginnheimer Wäldchen in den Nordwesten Frankfurts gekommen sind, hatten von dem Treffen ohnehin gewusst. Schon im vergangenen Jahr waren sie dabei. Damals war das Treffen als Familienfest getarnt. Man hat gemeinsam gegessen, gebetet, gelacht. Auch Rouali, der Anführer der inzwischen verbotenen salafistischen Organisation „Dawa Ffm“ war dabei. Seit Jahren steht er unter Verdacht, junge Muslime für den Dschihad zu rekrutieren. Inzwischen betreibt er in der Frankfurter Innenstadt einen Mekka-Shop.

          „Wir sind hier offenbar nicht willkommen“

          Zwei Tage nach dem Treffen im Ginnheimer Wäldchen waren damals sieben Jugendliche aus Frankfurt nach Syrien ausgereist. Sie hatten über Nacht ihre Sachen gepackt, ohne sich von ihren Eltern zu verabschieden, und waren über die Türkei in das syrische Kampfgebiet gefahren. Einer von ihnen ist später bei Gefechten getötet worden, andere kamen als Dschihadisten zurück. Aber darüber wollen die Salafisten an diesem Sonntagnachmittag nicht sprechen. „Lasst uns in Ruhe“, ruft ein junger Mann quer über die Wiese. Dann blickt er auf die Polizisten und sagt: „Wir sind hier offenbar nicht willkommen.“

          Dabei fühlen sich die Islamisten, die in Frankfurt leben, zurzeit äußerst willkommen in der Stadt. Sie sind so präsent wie nie. Seit Anfang des Jahres häufen sich die Vorfälle mit Männern aus der Salafistenszene. Sozialarbeiter berichten, dass sie in ihren Stadtteilen angegangen werden. Lehrerinnen erleben, dass Schüler sie von einem Tag auf den anderen anfeinden. Und vor etwa vier Wochen haben drei Männer eine Kunstausstellung im Frankfurter Portikus gestürmt. Mit den Worten, der Islam werde durch das Kunstwerk geschändet, entwendeten sie einen Koran aus der Installation „God is great“ des britischen Künstlers John Latham. Der Koran lag neben einer Bibel und einem Talmud. Die Ausstellung wurde kurzerhand geschlossen – aus Angst vor weiteren Übergriffen.

          Seitdem verharrt die schwarz-grüne Regierung in Frankfurt, die bisher immer vorgab, Antworten zu haben auf die drängenden Integrationsfragen, in einer Schreckstarre. Nur träge reagierte sie auf den Vorfall im Portikus und noch langsamer auf einen weiteren Vorfall in einem Jugendhaus, mit dem sich inzwischen auch der hessische Landtag befasst. Nur zögerlich scheinen die politisch Verantwortlichen zu realisieren, dass die Stadt ein ernsthaftes Problem mit öffentlichen Provokationen von Salafisten hat.

          Junge Männer mit einer neuen Mission

          Seit Wochen wird über einen Vorfall diskutiert, der sich Anfang Mai in einem Jugendhaus ereignet hat. Das Zentrum liegt im Gallusviertel, einem Stadtteil mit einem Ausländeranteil von knapp 42 Prozent. Früher galt das Viertel als sozialer Brennpunkt, inzwischen zählt es zu den Stadtteilen, in denen seit geraumer Zeit die Mieten eklatant steigen, weil neue Wohnungen im angrenzenden Europaviertel gebaut werden. In den vergangenen Jahren war das Gallus mit ausgeklügelten Integrationskonzepten immer vorneweg. Die Sozialarbeiter in dem Viertel gehören zu den erfahrensten der Stadt. Sie haben es oft mit Leuten zu tun, die empfänglich sind für extreme Ideologien. Aber was an jenem Abend Anfang Mai passierte, wurde sogar ihnen unheimlich.

          Mehrere junge Männer kamen in das Jugendhaus. Die meisten von ihnen gehörten früher zu den Stammgästen. Diesmal waren sie nicht gekommen, um ein warmes Mittagessen zu bekommen. Sie hatten eine andere Mission. Sie forderten die Mitarbeiter auf, ihnen Räume zur Verfügung zu stellen. Sie wollten Informationsveranstaltungen anbieten, um andere Jugendliche für ihre Sache zu gewinnen. Die „Sache“ der Männer ist der Dschihad in Syrien. Dann eskalierte die Situation.

          Auf einmal ging es nicht mehr um die Räume, sondern um die Kleidung der ebenfalls muslimischen Jugendarbeiterin. Sie solle sich züchtiger anziehen, forderten die Salafisten. Es gab Streit. Der Träger der Einrichtung, die Arbeiterwohlfahrt, schloss das Jugendhaus daraufhin – eine Entscheidung, die zuletzt auch von fast allen Parteien im hessischen Landtag als „Kapitulation“ bezeichnet wurde.

          Fall wurde erst einige Tage später gemeldet

          Offensichtlich waren die Sozialarbeiter nicht auf die Situation vorbereitet, obwohl sie sich schon länger angedeutet hatte. Denn die jungen Männer waren nicht zum ersten Mal dort, um zu missionieren. Einmal wollten sie Flugblätter auslegen. Die Caritas dürfe das ja auch, sagten sie. Ein anderes Mal forderten sie, dass Mädchen und Jungen getrennt voneinander betreut werden sollten.

          Nach dem Vorfall mit der Sozialarbeiterin dauerte es Tage, bis die Tat ans Licht kam. Als das Sozialdezernat der Stadt davon erfuhr, wurde schnell eine Sitzung anberaumt, gemeinsam mit dem Staatsschutz der Frankfurter Polizei und dem städtischen Amt für multikulturelle Angelegenheiten, der einzigen Behörde der Stadt, die schon seit Jahren davor warnt, dass es zur Unterwanderung des sozialen Lebens durch Islamisten kommen könnte, wenn die Kommune nicht endlich gegensteuert und sich enger mit den Sicherheitsbehörden vernetzt. Andere Gremien der Stadt wie der Ortsbeirat, die Versammlung der Stadtteilpolitiker, erfuhren von dem Vorfall im Gallus erst, als er durch Medienberichte öffentlich wurde. Die Polizei mahnte, man hätte früher reagieren können, wenn der Fall früher gemeldet worden wäre. Der Leiter des Frankfurter Staatsschutzes sagte, falsches Gutmenschentum dürfe nicht dazu führen, dass Sozialarbeiter solche Fälle nicht meldeten.

          Zu diesem Zeitpunkt hieß es im Sozialdezernat noch, es handele sich um einen Einzelfall. Es gebe keine Erkenntnisse darüber, dass auch in anderen Jugendhäusern Salafisten aufgefallen wären. Aus anderen Stadtteilen war jedoch das Gegenteil zu hören. Fast schon regelmäßig kamen offenbar radikalisierte Muslime in das Jugendzentrum nach Ginnheim, einem eher beschaulichen Stadtteil, in dem die Frankfurter Islamistenszene aber seit Jahren fest verankert ist.

          Vorbereitung auf den Kampf

          Ginnheim war der Sitz von „Dawa Ffm“, in dem angrenzenden Wald finden die Grillabende statt. In der Falah-Moschee, auf einer Fläche so groß wie ein Wohnzimmer, predigt Abdellatif Rouali regelmäßig und schart junge Gefolgsleute um sich. Außerhalb der Gebetszeiten treffen sich die jungen Männer im Jugendhaus. Dort ziehen sie sich in einen Sportraum zurück und stemmen Gewichte. Sie sagen, sie müssten sich für vorbereiten auf den Kampf. Wochen nach dem Vorfall im Gallus, als im Sozialausschuss der Stadt öffentlich über die Situation in Jugendzentren berichtet wurde, räumte die Frankfurter Sozialdezernentin Daniela Birkenfeld (CDU) schließlich ein, dass auch andere Jugendhäuser von Salafisten aufgesucht werden. Die Stadt wolle nun weitere Schulungen anbieten für Sozialarbeiter, damit sie extremistische Aktivitäten besser erkennen.

          Als das Jugendhaus im Gallus am vergangenen Freitag wieder öffnete, feierten die Stadträtinnen für Soziales und Integration das als „großen Erfolg“. Als sie sich in den Räumen trafen, stellten sie sich neben Tischkicker und Billardtisch und sprachen von „dem Vorfall“, als ginge es um einen lästigen Störfall in einer Fabrik. Von Netzwerken war die Rede, von runden Tischen und dem Zusammenhalt im Stadtteil. Man nickte sich zu.

          Runde Tische sind in Frankfurt ein wünschenswertes Allheilmittel. Wenn die Stadt nicht weiter weiß, gründet sie einen. Es gibt einen runden Tisch für die Zuwanderung aus Südosteuropa, einen für die nächtlichen Probleme mit der „Feierszene“ der Stadt und einen für die Bekämpfung des Drogenhandels in der Innenstadt. Dass die Stadt aber ein zunehmendes Problem mit Salafisten hat, die in Frankfurt aufwachsen, sich dort an Schulen, in Jugendzentren oder in Wohnsiedlungen radikalisieren, will so gut wie keiner der schwarz-grünen Politiker aus dem Magistrat der Stadt mitbekommen haben.

          „Die Salafisten stoßen in eine Lücke“

          Vor einigen Wochen gab es dazu lediglich eine lahme Stellungnahme von CDU und Grünen, nachdem der Handlungsdruck nach den Vorfällen im Jugendhaus und im Portikus immer größer geworden war. Man verurteile die jüngsten Vorkommnisse „scharf“, hieß es darin. Wie die Stadt gegen die islamistischen Aktivitäten vorgehen will, dazu sagte die Koalition nichts.

          Stattdessen stützt sich nun alles auf das Frankfurter Amt für multikulturelle Angelegenheiten. Bisher war das Amt von vielen politisch Verantwortlichen als „Nischenbehörde“ gesehen worden, die sich „ein wenig um Multikulti“ kümmere. Nun rühmt sich die Koalition, dass sie das Amt mit einer Antiradikalisierungsstelle personell aufgewertet hat – nachdem zuvor lange darum gerungen worden war. Die für das Amt zuständige Integrationsdezernentin Nargess Eskandari-Grünberg (Die Grünen) fordert, die Kommune müsse im Kampf gegen den Salafismus enger mit den Sicherheitsbehörden zusammenarbeiten. Damit liegt sie auf derselben Linie wie der hessische Innenminister Peter Beuth (CDU).

          Der Leiter des Amtes für multikulturelle Angelegenheiten, Armin von Ungern-Sternberg, spricht von einer „radikalen Jugendbewegung, die nicht nur religiös zu erklären ist“. Es gebe auch in Frankfurt einen hohen Anteil an Konvertiten. „Die Salafisten stoßen in eine Lücke. Sie sprechen die Sprache von nebenan.“ Nicht zufällig missionierten Salafisten unter dem Deckmantel von Spendensammlungen oder Gefangenenhilfe. Es gebe noch zu wenig passende soziale Einrichtungen, in denen sich junge Muslime engagieren könnten. „Salafismus ist eine Jugendkultur. Wer das Problem lösen will, muss sich fragen, was den jungen Menschen fehlt.“

          Allerdings muss das früh geschehen. Die Islamisten, die sich am Sonntag im Ginnheimer Wäldchen getroffen haben, werden keine Antworten mehr darauf geben, warum sie sich für die guten Muslime halten, während alle anderen Ungläubige sind. Sie werden nicht erzählen wollen, warum sie meinen, die Ungläubigen gehörten bestraft. Bei ihrem Treffen haben sie nach dem Irak geblickt, auf den Vormarsch der Islamisten. Einige hatten das T-Shirt mit dem Isis-Symbol schon dabei.

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