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Salafisten : Die Löwen ziehen in die Schlacht

Gewaltbereit: Am Samstag hält die Polizei in Bonn muslimische Demonstranten von Pro-NRW-Aktivisten fern Bild: dpa

Deutschlands Salafistenszene ist in Bewegung: Die jüngsten Ausschreitungen sollen nur der Anfang gewesen sein. Doch untereinander sind sich nicht alle Salafisten einig.

          Für Abu Maleeq, der einmal der Gangsta-Rapper „Deso Dogg“ gewesen ist, war die Sache klar. Ein Jahr im Gefängnis sei „nichts gegen die Strafe Allahs“, verkündete er am Dienstag in einem Internetvideo. Seine Brüder sollten in die Schlacht ziehen, dieses Mal in Köln, wo Rechtsextreme abermals eine islamfeindliche Demonstration veranstalteten. Dieses Mal ging seine Rechnung aber nicht auf. Tausend Polizisten waren im Einsatz, nach Angaben der Behörden wurden etwa zehn Salafisten festgenommen. Zu Zusammenstößen kam es nicht.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Tage zuvor aber waren die „Löwen“, wie sich die Salafisten selbst nennen, in Solingen und Bonn in die Schlacht gezogen, die Aufrufe hatten sich schnell über die sozialen Netze im Internet verbreitet. Jugendliche Salafisten aus ganz Deutschland kamen, sie wurden zum Teil mit gecharterten Bussen herangeschafft. Einer von ihnen ist jetzt wegen versuchten Mordes an einem Polizisten angeklagt. Einige, die zuvor an Koranständen für ihre Sache eintraten und vom Dschihad gegen die Ungläubigen, die Kuffar, nur schwadronierten, sind zur Tat geschritten. Auch die Töne ihrer Anführer werden schriller.

          Die Ausschreitungen in Bonn? Eine „kleine Reaktion“

          Abu Maleeq, der auch ein polizeibekanntes Gang-Mitglied war und der schon lange mit Dschihadistenromantik auf Seelenfang geht, droht in einer anderen Botschaft ganz konkret mit Bluttaten wie zuletzt in Toulouse oder am Frankfurter Flughafen. Nur ein Anfang seien die jüngsten Ausschreitungen gewesen, nur eine „kleine Reaktion“. Er spricht von den Festgenommenen als Brüdern, die „in Gefangenschaft“ geraten seien. Er spricht auch von Leuten, „die den Propheten noch mehr lieben als ich“. Er deutet an, was diese Leute wohl täten, wenn die Provokationen der „Islamhasser“ andauerten. Und er macht keinen Hehl daraus, dass er mit „diesen Leuten“ islamistische Terroristen meint.

          Sein Mitstreiter Abu Abdallah, ebenfalls ein radikaler Salafistenprediger, richtete in Bonn gar einen persönlichen Appell an Bundeskanzlerin Merkel (CDU), sie möge die islamfeindliche Kampagne stoppen. Schließlich lebten einige Deutsche in arabischen Ländern, um deren Sicherheit sich die Kanzlerin sorgen müsse, drohte er unverhohlen. „Wenn Sie wollen, dass kein Deutscher verschleppt wird - denn es gibt überall Muslime“, sagte er. Beide Salafistenprediger gehören zum Dunstkreis des radikalen Predigers Abu Nagie, dessen Koranverteilungsaktion den Salafisten zuletzt große Aufmerksamkeit verschafft hat.

          Kenner der Salafistenszene in den Sicherheitsbehörden sprechen angesichts der Gewaltausbrüche von einem „Dammbruch“ und von einer „brenzligen Situation“. Weil sich eben einige vom dschihadistischen Maulheldentum tatsächlich auf Gewalttaten verlegt und damit eine weitere Barriere überschritten hätten. In Bonn hatten sie auch einen alten Bekannten ausgemacht: Reda Seyam, einen deutschen Islamisten ägyptischer Abstammung, der unter dem Verdacht steht, einer der Hintermänner des Sprengstoffanschlags von Bali von 2002 zu sein, bei dem 202 Menschen getötet worden waren.

          Gezielte und keine spontanen Angriffe

          Seit einigen Tagen kursiert zudem die neue Ausgabe des dschihadistischen Propagandamagazins „inspire“. Darin werden die Dschihadisten aus aller Welt ermutigt, kleine Zellen zu bilden und den Terror als eine Art Stadtguerrilla fortzusetzen. Unter dem Schlagwort „Yes we can“ ist darin etwa ein Bild zu sehen, auf dem ein Geschäftsmann auf der Rolltreppe steht und hinter ihm der Attentäter seine Waffe zieht. Auch die Taten des mutmaßlichen Serienmörders von Toulouse, Mohamed Merah, werden gewürdigt. Einige der Salafisten, die nun gegen die deutsche Polizei und die rechtsextremen Islamfeinde zu Felde ziehen, haben zumindest schon ihr Outfit einer dschihadistischen Stadtguerrilla angepasst - inklusive Anleihen bei den Monturen der somalischen Shabaab-Miliz, der Taliban oder arabischer Al-Qaida-Kämpfer. Nicht wenige scheinen vor ihrer Bekehrung zum Islamismus Gewalttäter gewesen zu sein. Auch der Messerstecher von Bonn war der Polizei gut bekannt.

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