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Salafist Murat K. : Ein Messerstecher vor Gericht

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Anweisung von oben: Murat K. sagte, seine Religion habe gewollt, dass er Gewalt anwende. Nicht er persönlich Bild: dpa

Feiern, prügeln, Drogen testen: Früher irrte Murat K. durchs Leben. Dann wurde er Salafist. Dabei hat er vor allem eines gelernt: Wer den Propheten beleidigt, muss hingerichtet werden.

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          Murat K. machte es sich in seiner Zelle so gemütlich, wie es ging. Er hatte einen Koran auf Deutsch und einen Gebetsteppich mitgebracht. Er bestellte noch einen Fernseher und einen CD-Player. Seine Schwester bat er um einen Brief pro Woche. Das hier war nun sein neuer Lebensabschnitt.

          Murat K. ist 26 und Salafist. Am Mittwoch betrat er den Sitzungssaal im Bonner Landgericht: Hauptverhandlung. Auf einer Demonstration in Bonn soll Murat K. im Mai zwei Polizisten mit einem Messer schwer verletzt haben. Nun saß er auf der Anklagebank, mit seiner Salafistenverkleidung: schwarzes Tuch, im Nacken verknotet, das Gesicht hinter einem langen Vollbart versteckt. Er sah aus wie ein Junge, der Pirat spielt. Wippte leicht mit der Stuhllehne, nickte zu den Fragen des Richters und antwortete brav. Und die Zuschauer staunten darüber, wie oberflächlich seine Wandlung zum Extremisten war.

          Feiern, prügeln, Drogen testen

          Seine Eltern waren türkische Einwanderer und nicht besonders religiös. Sie lebten im hessischen Sontra, einem Kaff an der Grenze zu Thüringen. Murat K. schaffte mit Ach und Krach die Neunte, ging dann zur Berufsschule, Schwerpunkt Metall. Doch er hielt nicht lange durch. Zog durch die Straßen und nahm Gymnasiasten ihre Handys ab. Drohte mit dem Messer, überfiel Kioske. Aber immer in der Gruppe, nie allein. Er ging feiern, prügelte sich vor der Disko, probierte Drogen, trank und rauchte. Wechselte von einem Job zum nächsten, packte Pakete für ein Internetversandhaus, sortierte Post. Immer wieder gab es Probleme mit Kollegen. Er konnte sich gegen andere nicht behaupten. Wurde es brenzlig, verdrückte er sich. Sein Düsseldorfer Pflichtverteidiger Johannes Pausch sagt, Murat K. sei ein unfertiger Mensch. „Er scheint mir sehr unsicher.“

          Vor knapp vier Jahren fand der junge Mann Halt, in einem kleinen Kreis von Muslimen in Sontra, die waren Salafisten, Anhänger einer ultrakonservativen islamischen Strömung. Sie hatten Antworten, auf alles. Murat K. lernte, dass der Islam „vieles vorschreibt“. Ihm wurde bewusst, „dass das alles richtig ist“. So hat er es im Gericht formuliert. Er hörte Vorträge im Internet, von dem radikalen Prediger Muhamed Ciftci, der eine salafistische Islamschule gegründet hatte. Der Verfassungsschutz hat ein Auge auf sie. Murat K. aber wurde nicht von der Behörde beobachtet.

          Er gehörte auch nicht zu den Übereifrigen, die nach ihrem islamistischen Erweckungserlebnis rund um die Uhr Arabisch pauken und sich in religiöse Texte vertiefen. Als Murat K. im Gericht gefragt wurde, ob und welche Fatwas, islamische Rechtsgutachten, er gelesen habe, antwortete er: „Nicht gelesen, gehört.“ Und zwar vor allem eine Fatwa, die war leicht zu verstehen: Wer den Propheten beleidigt, muss hingerichtet werden.

          Seit einem Jahr lebte Murat K. von Hartz IV. Er hatte seine Wohnung gekündigt, die Möbel auf den Sperrmüll gebracht und war wieder bei den Eltern eingezogen. Die wohnten nur ein paar Straßen weiter. Sein Habe passte in eine Sporttasche. Dann kam der fünfte Mai dieses Jahres, der Tag, an dem Murat K. anwenden konnte, was er gelernt hatte. Er fuhr nach Bonn, doch es ist unklar, von wo. Dazu schwieg er. Sagte nur, dass er mit drei Personen im Auto zur Demonstration fuhr, im Auto von jemand anderem. Wo sein eigenes Auto geblieben sei, fragte die Staatsanwältin. Er schwieg.

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