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Sahra Wagenknecht : Wer ist die Klügste im ganzen Land?

Sahra Wagenknecht: Die rätselhafte Kommunistin Bild: dpa

Sie gibt sich als Außenseiterin in der Politik. Wo die wilden Kerle brüllen, will Sahra Wagenknecht die stille Denkerin sein. Dabei macht sie bloß, was viele machen: eine wohl durchdachte Show.

          6 Min.

          Immer und immer und immer war Sahra Wagenknecht eine Außenseiterin. Als Kind in Thüringen wegen der bräunlichen Hautfarbe, die sie von ihrem iranischen Vater hat. Als Schülerin, weil sie Spinoza spannender fand als Discos. Als junge Frau, weil sie sich gegen ihren Job als Sekretärin sträubte und lieber theoretische Texte las. Und in der Politik, weil sie der DDR nachtrauerte und den Stalinismus verteidigte. So erzählt es Sahra Wagenknecht.

          Katharina Wagner
          Wirtschaftskorrespondentin für Russland und die GUS mit Sitz in Moskau.

          Außenseiter wird man, wenn man sich von anderen unterscheidet. Weil man unangepasst ist, anders aussieht oder anders handelt als die Mehrheit. Früher mag das ja auf Sahra Wagenknecht zugetroffen haben. Heute jedenfalls immer weniger. Nur fällt das kaum auf, denn Wagenknecht pflegt ihr Bild gut: das der Exotin, der verrätselten, schönen, merkwürdigen Kommunistin, die irgendwie unergründlich ist, unnahbar, die auftritt wie aus einer früheren Zeit, die immer etwas abseits zu stehen scheint, auch abseits des Parteiensystems.

          Von wegen Außenseiterin

          Es ist nichts Verwerfliches daran, ein Bild von sich zu pflegen, fast jeder Politiker tut das. Bei Wagenknecht funktioniert es nur besonders gut, denn die Öffentlichkeit hungert nach dem Besonderen in der Politik. 2013 saß keine andere Politikerin so häufig in Talkshows wie Wagenknecht. Im Januar giftete der Moderator Markus Lanz sie an: Sie sei doch eine realitätsferne Radikale. Der Schuss ging nach hinten los, Zehntausende ganz normale Fernsehzuschauer solidarisierten sich mit der Attackierten. Von wegen Außenseiterin. Längst schon preist Wagenknecht die DDR nicht mehr; stattdessen, in ihrem jüngsten Buch, den Marktwirtschaftler Ludwig Erhard.

          Als Lafontaine in der Euro-Krise für die Rückkehr zur D-Mark eintrat, verteidigte sie ihn zwar zaghaft – aber machte auch kein Drama daraus, als die Partei sich in ihrem Wahlprogramm anders entschied. Früher wetterte Wagenknecht gegen Regierungsbeteiligungen ihrer Partei – zum Beispiel gegen Rot-Rot in Berlin. Aber letztes Jahr bei der Landtagswahl in Niedersachsen ließ sie ihr Gesicht plakatieren: In einer rot-rot-grünen Koalition wollte sie Ministerin werden. Doch die Linke schaffte es nicht einmal in den Landtag.

          Wagenknecht im „Topkongress für institutionelle Anleger“

          Manchmal fällt Wagenknecht zwar noch mit abseitigen Meinungen auf; zur Krise in der Ukraine sagte sie: „Deutschland hängt im Schlepptau der amerikanischen Kriegspolitik.“ Trotzdem bleibt nicht, wie früher, das Bild einer verbohrten Erzkommunistin zurück. Sondern das einer klugen Frau, die gerne eingeladen wird – besonders von Leuten, die politisch anders denken als sie. Bei solchen Auftritten kann man sehen, wie gut sie sich anpassen kann.

          Im Februar sprach Sahra Wagenknecht auf dem Kongress „Institutional Money“ in Frankfurt, dem „Topkongress für institutionelle Anleger“. Im Saal saßen akkurat gegelte junge Männer, auf der Bühne vier ältere Herren. Als Wagenknecht kam, sprangen sie hektisch auf. Die Männer im Publikum machten eifrig Handyfotos. Dann begann die Diskussion. Thema: Wie Firmen trotz niedriger Zinsen noch Gewinne mit ihren Betriebsrenten machen können. Was in aller Welt sollte Wagenknecht dazu sagen? Wagenknecht sagte praktisch nichts.

          Sie saß da vor lauter Leuten, deren Arbeitgeber sie im Bundestag „Finanzmafia“ nennt, und blieb höflich und zurückhaltend, griff niemanden an. Als einer auf dem Podium von ihrer volkswirtschaftlichen Dissertation schwärmte, lächelte sie schüchtern. Wenn sie etwas sagte, dann vor allem zu Europa. Zum Beispiel: „Seit drei Jahrzehnten wachsen Schulden und Vermögen viel stärker als die Wirtschaft. Das ist etwas, das Sie alle ausbaden.“

          Als Frida Kahlo in der „Gala“

          Wagenknecht genießt es jetzt, respektiert und hofiert zu werden. Und zwar möglichst überall – denn das bedeutet, dass ihr Publikum größer wird. In der Partei wird ihr das kaum übelgenommen. Es gibt zwar ein paar Enttäuschte, die sich über ihr Erhard-Buch aufregten oder über die Fotostrecke in der „Gala“. Da posierte sie als Frida Kahlo. Aber Wagenknecht ist geschickt genug, ihre Anpassung nicht allzu auffällig werden zu lassen. Auf Parteiveranstaltungen tritt deshalb eine ganz andere Wagenknecht auf als auf Topkongressen für Anleger.

          Die Partei-Sahra-Wagenknecht betrat an einem Frühlingstag das Naturfreundehaus in Schweinfurt. Jede Menge rotwangige Parteifreunde saßen schon da, es war schließlich Kommunalwahlkampf. An Wagenknechts Seite: Lafontaine, die „große Liebe ihres Lebens“, wie sie mal gesagt hat. Neben ihr, die sich in jeder Sekunde kerzengerade aufrecht hält, sieht er aus wie gestaucht. Wagenknecht wurde interviewt (Lafontaine nicht), dann setzten die beiden sich an einen langen Biertisch. Die Namen der Linkspartei-Kandidaten für den Stadtrat wurden verlesen.

          „Putzig, diese Leute, oder?“ Sahra Wagenknecht und Oskar Lafontaine
          „Putzig, diese Leute, oder?“ Sahra Wagenknecht und Oskar Lafontaine : Bild: dapd

          Es waren viele. Wagenknecht und Lafontaine tranken Mineralwasser und tuschelten. Er machte Scherze, sie lächelte. Dabei bildeten sich Grübchen um ihren Mund, sie sah mädchenhaft hübsch aus und gar nicht streng wie sonst. Als der Spitzenkandidat über ein Busticket sprach, das für arme Leute nur die Hälfte kosten soll, klatschte Lafontaine übertrieben. Dann lächelte er Wagenknecht zu. Sie lächelte zurück. In einem Comic hätte über den beiden in der Denkblase gestanden: „Putzig, diese Leute, oder?“

          Dann sprach Wagenknecht. Frei, im Stehen, die Beine elegant überkreuzt, die Hände in Bewegung. Über Hoeneß („Endlich geht es auch mal gegen die Reichen, nicht immer nur gegen die Kleinen“); Millionärs- und Erbschaftsteuer („da kann man zugreifen statt bei der Schuldenbremse!“) und über Europa („Man hat uns vorgeworfen, wir wären gegen Europa. Das sagen Leute, die mit Agenda-Politik Lohndumping betrieben haben. Sie zerstören Europa!“). Ihre Stimme überschlug sich manchmal, wenn sie besonders laut sprechen wollte. Der Saal kam nicht recht in Fahrt.

          Nur, wenn sie schimpfte, gab es Applaus. Wagenknecht merkte das. Sie machte ihre Sätze immer platter. Als es um Parteispenden ging, sagte sie: „In der Politik herrscht ja das Motto: Bezahlt wird später. Wenn Leute ausscheiden, wird ihnen doch von der Industrie der Arsch vergoldet!“ Grölender Jubel. Lafontaine grinste in sich hinein. Solche Sätze passen nicht zu Sahra Wagenknecht. Sie sagt sie trotzdem, wenn es sein muss.

          Auf Distanz zu ihren Fans

          Wer einmal Außenseiter war, der genießt es umso mehr, plötzlich bewundert zu werden. Manchmal ist das Gefühl so schön, dass man die Bewunderung gar nicht mehr hinterfragt. So ist das bei Wagenknecht nicht. Sie ist immer auf Distanz geblieben zu ihren Fans.

          Die Distanz hat ihr oft geholfen: weil sie die Bewunderer, die sie nicht mehr brauchte, zurücklassen konnte. Zum Beispiel den kommunistischen Dichter Peter Hacks und seine Freunde. Hacks sah in Wagenknecht nach dem Mauerfall die Heilsbringerin: Sie sollte den Sozialismus, oder gleich die DDR, über die Wende retten. Wagenknecht musste den Männern wie eine schöne Amazone erschienen sein, die jahrelang isoliert gewesen war, allein mit ihren Büchern. Jetzt gab sie neue Hoffnung. Und Hacks gab ihr Geld für ihr Philosophiestudium.

          Die Gruppe um den Dichter war Wagenknechts erstes Publikum, und bald wurde es ihr zu klein. Es folgte die kommunistische Plattform in der PDS – die Linksaußengruppe der Linken. 2010, als Wagenknecht stellvertretende Chefin der Linkspartei wurde, ließ sie ihre Mitgliedschaft in der Plattform ruhen. Damals begann ihr Weg in die Mitte der Partei. Es gab keinen Aufschrei, keine „Verrat“-Rufe. Jeder wusste, dass es der Linken nützte, wenn Wagenknechts Publikum größer wurde.

          Wagenknecht gehört dazu

          Besonders gern geht sie jetzt in Talkshows. Sie schätze dieses „intellektuelle Klingenkreuzen“ mit ihren Gegnern, viel mehr als das politische Kleinklein: „Was mir nicht liegt, das gebe ich offen zu, sind innerparteiliche Stellungskriege. Die bringen gar nichts. Dieses Truppen sammeln, Strippenziehen – das ist mir keine Freude.“ Solche Aussagen gehören auch zur Selbstdarstellung von Sahra Wagenknecht. Manchmal hilft es, nicht dazuzugehören. Zum Parteiensystem zum Beispiel oder zur Politikerkaste. Wagenknecht gehört aber dazu.

          Es stimmt zwar, dass sie manches nicht kann, was andere können: Smalltalk, Tätscheln, Späßchen, eine späte Tresenrunde. Aber sie hat auch Ehrgeiz und einen erfahrenen Machtpolitiker an ihrer Seite. Also macht sie eben doch, was alle machen: Truppen sammeln, Strippenziehen. Seit Anfang des Jahres mehr denn je, denn Wagenknecht will Fraktionsvorsitzende werden. Gemeinsam mit dem Reformer Dietmar Bartsch plant sie, Gregor Gysi abzulösen. Dafür muss sie offener werden, öfter zu Sitzungen gehen, ihre Abneigung gegenüber dem Parteiengeschäft unterdrücken. Also passt sie sich an.

          Ein großes Publikum soll es sein

          Aber nur so weit wie unbedingt nötig. Sie will dabei die Frau bleiben, die über den Dingen steht. Wenn man mit ihr über ihr Leben spricht, sagt sie oft Dinge wie:

          „Ich habe mit vier Jahren angefangen zu lesen.“

          „Ich wollte nicht in den Kindergarten. Bei uns gab es nur Spielkindergärten. Hätte ich da eine Sprache lernen können oder etwas in der Art, hätte mir das bestimmt Spaß gemacht, aber so fand ich das langweilig.“

          „Ein Jahr habe ich gebraucht, um Faust I und II auswendig zu lernen.“

          „Mit 16 habe ich zum ersten Mal Spinoza gelesen, da habe ich allerdings noch kaum etwas davon verstanden.“

          Sie sagt all das betont nebenbei, so als wäre das gar nichts Besonderes – was den, der so bescheiden davon spricht, natürlich erst recht besonders machen soll. Bei Markus Lanz, der sie in die Pfanne hauen wollte und damit nur größer machte, sagte Sahra Wagenknecht einmal, in der Politik habe man viel zu wenig Zeit zu denken. Wenn man sich diese Zeit nicht erkämpfe, dann werde man dumm. Eigentlich erklärte sie damit alle Genossen, die nicht so viel lesen und schreiben wie sie selbst, zu verblödeten Apparatschiks.

          Wagenknecht sagt, sie könnte sich vorstellen, die Politik sein zu lassen und nur Publizistin zu sein. Aber: „Man sollte nicht grundlos die Flucht ergreifen. Gesetze werden schließlich im Bundestag gemacht. Letztlich ist es daher am besten, man regiert mit.“ Wagenknecht weiß, dass sie mehr Leute erreicht, wenn sie im Bundestag die größte Oppositionspartei führt, als wenn sie nur Bücher schreibt. Deshalb bleibt sie in der Politik. Aber nicht als Außenseiterin. Denn Außenseiter haben kein Publikum. Und sie will eines haben. Groß soll es sein.

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