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Sahra Wagenknecht : Die Stellvertreterin

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Dass ihr das Gespür für den richtigen Moment vielleicht fehlt, nicht aber der Wille, bis zum letzten Augenblick für die eigene Sache zu kämpfen, machte sie vor dem Programmparteitag klar: Zwei Wochen vorher lud sie zur Tagung „Kurs halten!“ ausschließlich den linken Parteiflügel ein. Und während sie sich neuerdings über alle mokiert, die sie mit zwanzig Jahre alten Wagenknecht-Zitaten politisch zu stellen versuchten, setzte sie für „Kurs halten!“ Ellen Brombacher von der Kommunistischen Plattform aufs Podium, die genau den üblichen Scharfrichterton gegen vermeintliche „Bellizisten“ bei den Gewerkschaftern anschlug, der außerhalb der Kommunistische Plattform sofort das Aroma von Parteistrafe verbreitet. Genau eine Woche vor der Wahl zur Stellvertreterin Gysis im Fraktionsvorstand verteilte Sahra Wagenknecht Noten: „Auch wenn ich es bedauerlich finde, dass eine Minderheit in der Fraktion, die signalisiert hatte, mit meiner Wahl zur Co-Vorsitzenden nicht leben zu können, mit dieser Druckausübung letztlich erfolgreich war. Ich hätte es gut gefunden, wenn die Fraktion sich eine Doppelspitze gegeben hätte“, sagte sie der „Berliner Zeitung“. Gerne hätte sie gleichberechtigt neben Gysi die Fraktion geführt. Dieser hatte sich gewehrt. Eine graziöse Verliererin ist sie nicht.

Warten auf den Augenblick: Sahra Wagenknecht beobachtet den Fraktionsvorsitzenden Gregor Gysi (rechts) im Gespräch mit dem Parteivorsitzenden Klaus Ernst
Warten auf den Augenblick: Sahra Wagenknecht beobachtet den Fraktionsvorsitzenden Gregor Gysi (rechts) im Gespräch mit dem Parteivorsitzenden Klaus Ernst : Bild: dapd

Sie ist ja auch gar keine Verliererin, das Amt der Ersten Stellvertreterin wurde schließlich für sie geschaffen. Altgediente Stellvertreter wie Ulrich Maurer müssen sich seit diesem Dienstag nun Zweiter Stellvertreter nennen. Sahra Wagenknecht besitzt das Talent, andere Menschen nur die hehren Motive an sich wahrnehmen zu lassen. Seit Lafontaine in der Linkspartei etwas zu sagen hat, ob von Amts wegen oder inoffiziell, gilt Frau Wagenknecht als ein ganz zu Unrecht unter den Scheffel gestelltes strahlendes Licht der Partei. Aus der Kommunistischen Plattform ist sie nicht ausgetreten; ihre Mitgliedschaft „ruht“, weil sie stellvertretende Parteivorsitzende wurde. Da sie in jeder Position von der Gewissheit durchdrungen ist, auf der richtigen Seite zu stehen, äußert sie sich zu ihrer ideologischen Herkunft nur, um die zu verspotten, die danach fragen. In ihren Augen riskiert die Partei, die behauptet, „allein gegen alle“ für das Wahre und Gute zu stehen, keineswegs den Schritt ins unfreiwillig Komische: Es entspreche doch der „objektiven Situation“, sagte sie in heiligem Ernst bei „Kurs halten!“. Ihr schadet der völlige Mangel an Humor oder auch nur der konventionellsten Form von Freundlichkeit nicht, denn sie hat ausschließlich Verehrer oder Gegner.

Als stellvertretende Parteivorsitzende hat sie zunächst im Vorstand und der Programmkommission und dann mit ihrer Tagung gezeigt, dass sie auch nach erzielten Kompromissen keine Ruhe gibt, sondern weiter nach dem Sieg strebt. Ähnlich scheint sie, darauf deutet ihr Interview vor der Fraktionsvorstandswahl hin, auch im neuen Amt vorgehen zu wollen. In ihrem Fall regt sich auch von weit links gegen die personellen Überschneidungen von Fraktions- und Parteiführung in Gysis Personalplänen und die damit verbundene Ämterhäufung kein Protest.

Sie sei verlässlich und fleißig, berichten die einen. Sie arbeite allerdings nur am eigenen Fortkommen, berichten die anderen. Sie nehme oft an Sitzung teil, reise jedoch auch oft früher ab. Sahra Wagenknecht ist in der Linkspartei die Frau mit dem Rollkoffer. Solange sie die Tasche voller Einladungen zu Lesungen und Interviews hat, gilt sie als aufgehender Stern der Partei, deren Stars inzwischen samt und sonders ältere Herren ohne Durchsetzungskraft sind.

Sie werde im Juni 2012 keinesfalls gegen die glücklose Gesine Lötzsch als Parteivorsitzende antreten, sagte Sahra Wagenknecht kürzlich. Gleich nach dem Parteitag hatte Frau Lötzsch ihre abermalige Kandidatur für den Vorsitz angekündigt. Sahra Wagenknecht kann warten.

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