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Sahra Wagenknecht : Die falsche Frau

  • -Aktualisiert am

Wagenknecht sauer auf Gysi

Und so geschah es in der Hektik, dass ein Punkt aus dem Entschließungsantrag herausgestrichen wurde, ein Kompromiss. Es sei wurscht gewesen, was man für einen Entschließungsantrag machte, sagt nüchtern ein Fraktionsmitglied. „Es war den Leuten ehrlich wurscht. Es war kurz vor neun, die Leute wollten runter ins Plenum.“

Doch jener Punkt war Wagenknecht sehr wichtig, Thema Schuldenschnitt und Auflage eines europäischen Investitionsprogramms. Das fordert die Linke standardmäßig in jeder Pressemitteilung. Aber ein Entschließungsantrag bezieht sich ja nur auf den konkreten Antrag der Regierung. Man hätte sich den Punkt auch für einen eigenen, umfassenderen Antrag aufsparen können. Es war also nicht wirklich wichtig.

Für Wagenknecht aber war das dramatisch. Sie war sauer auf Gregor Gysi, fand seine Sitzungsleitung unglücklich. Wieder einmal legte er ihr Steine in den Weg. So sieht sie es. Ob ihm das bewusst war? Schwer zu sagen. Die beiden können sich jedenfalls nicht ausstehen, das zeigt auch ihre Körpersprache.

Dann wurde im Plenarsaal über den Griechenland-Antrag abgestimmt. Nun waren sogar 41 Linke dafür, zehn enthielten sich, drei stimmten dagegen. Wagenknecht war gescheitert. Damit war klar: Im Zweifel stehen etwa zehn Leute an ihrer Seite. Das war’s. Sie verbrachte das Wochenende im Saarland und teilte einigen Genossen am Mittwoch darauf ihren Entschluss mit, nicht für den Vorsitz zu kandidieren. Die baten, doch noch abzuwarten, noch eine Woche vergehen zu lassen. Das wollte sie nicht.

„Mühselige Kleinarbeit ist nicht ihr Ding“

Der Fraktionsvorsitz hatte sie gereizt, intellektuell und wegen der Machtposition. Aber am Ende war ihr der Preis zu hoch. Der letzte Satz in ihrer Erklärung lautet: „Ich bin überzeugt, dass ich politisch letztlich mehr bewege, wenn ich mich auf das konzentriere, was ich am besten kann.“ Das ist ehrlich. Gysi hat das in seiner eigenen Presseerklärung aufgriffen: „Entscheidend ist, wie sie erklärt, dass ihr die spezifische Leitungstätigkeit nicht liegt.“ Damit unterstreicht er: Es liegt an ihr.

Denkt ans Weitermachen: Fraktionsvorsitzender Gregor Gysi

Vermutlich hat sie, so überlegen Kollegen, in ihrem Amt als erste stellvertretende Fraktionsvorsitzende gemerkt, dass sie das eigentlich nicht kann: Sitzungen leiten, Leute bearbeiten. Mund-zu-Mund-Beatmung, wie es ein Parteifreund nennt. „Sie hat weder die Zeit noch die Techniken.“ Wagenknecht wirkt nach außen. Sie geht nicht auf die eigenen Leute zu und erkundigt sich nach deren Befindlichkeiten, hört sich alles an – so wie Bartsch es macht.

Gysi macht das allerdings auch nicht. Aber er hat seine Leute, die es für ihn regeln. Wagenknecht dagegen scheut diese Art von Machtpolitik durch Netzwerke und Seilschaften. Der Parteifreund sagt, sie braucht „die Freiheit des Geistes“. Für den großen Wurf, für ihre Bücher, ihre brillanten Talkshow-Auftritte. Ein Fraktionsmitglied aus dem Reformerlager sieht das ähnlich: „Mühselige Kleinarbeit ist nicht ihr Ding. Zur Fraktionsleitung gehört, dass ich Anträge lese, Drucksachen durchgehe, gucke, ob da Wahnsinn drin ist und wo ich was ändern muss. Ich muss mich auf alle einlassen, auch wenn ich sie total schräg finde.“ Da muss man Kompromisse eingehen. Und bis jetzt sei Wagenknecht sehr gut ohne Kompromisse ausgekommen.

Macht Gysi nun weiter?

Und nun? Gysi ist „nicht völlig traurig“ über Wagenknechts Rückzieher, sagt ein Vertrauter. Genauso wenig wie Parteichefin Kipping. Gysi hatte in der letzten Zeit zwar schon so gewirkt, als habe er mit dem Fraktionsvorsitz innerlich abgeschlossen: Drei Herzinfarkte, eine Hirnoperation hat er hinter sich, den Zenit seines Erfolges hat er überschritten, er nahm sich zurück. Und trotzdem war ein Abrücken von Wagenknecht zu spüren, ein Suchen nach einer anderen Frau für die Doppelspitze mit Bartsch, die es bis heute nicht gibt.

Als Wagenknecht vor einem Monat noch einmal ihr Interesse am Fraktionsvorsitz bekundete, motzte Gysi: „Ich weiß auch nicht, ob es so schlau war, sich jetzt dazu zu äußern.“ So schafft man kein Klima für einen Generationenwechsel, so bereitet man keine Übergabe vor. Gysi halte sich im Kern für unverzichtbar, sagt ein Fraktionsmitglied. Jetzt denkt er übers Weitermachen nach.

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