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Umstrittener Landesbischof : Sächsische Kirchenleitung nimmt Rücktritt von Rentzing an

Sachsens Landesbischof Carsten Rentzing Bild: dpa

Wegen Kritik an demokratiefeindlichen Texte aus seiner Studienzeit verzichtete der Bischof auf sein Amt. Die Kirche nimmt seinen Rücktritt an. Doch der Fall Rentzing strahlt weit über die Grenzen der Landeskirche hinaus.

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          Die sächsische Landesbischof Carsten Rentzing wird zum 31. Oktober aus seinem Amt scheiden. Die Kirchenleitung der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche stimmte am Montagabend dem von Rentzings zuvor erklärten Amtsverzicht zu. Rentzing hatte sich zu diesem Schritt entschlossen, nachdem demokratiefeindliche Texte aus seiner Studentenzeit bekanntgeworden waren. Angesichts der entbrannten Debatte um seine Person schreibt Rentzing in einer neuen Erklärung, er weise Versuche der „politischen Instrumentalisierung meiner Person von links und vor allem rechts“ entschieden zurück.

          Reinhard Bingener
          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Der Deutungskampf um Rentzing reicht über kirchliche Kreise hinaus: Die sächsische AfD bezeichnet Rentzing als Opfer einer „Hetzkampagne“; die CDU-Bundestagsabgeordnete Veronika Bellmann spricht vom „miesesten Mobbing linker Kreise“ gegen den Landesbischof.

          Die aufgewühlte Debatte hängt auch damit zusammen, dass Rentzing im Lauf der Zeit mit mehreren Vorwürfen konfrontiert wurde, die unterschiedlich schwer wiegen und darum sorgsam unterschieden werden sollten. Bei seiner knappen Wahl zum Bischof im Jahr 2015 hatte Rentzing zunächst zwei Konflikte gleichsam geerbt. Rentzing musste sich zum Erstarken der AfD in Sachsen verhalten und er musste den Umgang mit homosexuellen Paaren regeln. Von linksgerichteten Pfarrern der Landeskirche wird Rentzing seither dafür kritisiert, dass der Umgang mit homosexuellen Paaren in Sachsen weiterhin restriktiver ist als in anderen EKD-Gliedkirchen.

          Kritik an Rentzing wegen Zurückhaltung gegenüber der AfD

          Beobachter der Diskussion aus anderen Landeskirchen geben allerdings zu bedenken, dass unter Rentzing eine gewisse Befriedung dieses Konflikts erreicht worden sei. Bei der Bewertung der AfD hat sich Rentzing im Vergleich zu anderen Bischöfen merklich zurückgehalten. Auch dafür wird er kritisiert. Eine Beurteilung dieses Verhaltens Rentzings liegt jedoch unweigerlich im Auge des Betrachters.

          Im Sommer kamen dann Vorwürfe hinzu, die weniger auf die Positionen des Bischofs zielten, sondern auf seine Person. Durch eine Änderung im Wikipedia-Artikel von Rentzing wurde bekannt, dass er bis heute der pflichtschlagenden Studentenverbindung „Alte Prager Landsmannschaft Hercynia“ angehört. Die Gegner des Bischofs argumentierten, durch die Mensuren habe Rentzing die Verletzung eines Menschen in Kauf genommen.

          Rentzing wurde zudem vorgehalten, dass er 2013 einen Vortrag in der Berliner „Bibliothek des Konservatismus“ gehalten hat, die seine Kritiker als „Teil des Netzwerks der Neuen Rechten“ bezeichnen. Rentzing hatte sich in seinem Vortrag mit dem EKD-Familienpapier befasst, das 2013 kontrovers diskutiert wurde. Die Berichte über den Abend (der Vortrag selbst ist nicht öffentlich verfügbar) lassen darauf schließen, dass Rentzing das EKD-Papier deutlich kritisierte, seine Äußerungen sich aber im Rahmen der damaligen Debatte bewegten.

          Kritik an der Demokratie: „Klassische Entartungsformen“

          Angesprochen auf die neuen Vorhaltungen seiner Gegner sah Rentzing vor wenigen Wochen weder einen Anlass, sich von dem alten Vortrag zu distanzieren noch seine Mitgliedschaft in der schlagenden Verbindung zu beenden. Die Kritiker Rentzings starteten daraufhin eine Petition gegen den Bischof. Ranghohe Beobachter aus anderen Landeskirchen verfolgten diese Eskalation in Sachsen mit Sorge, sahen aber keinen Anlass für einen Rücktritt Rentzings.

          Vor knapp zwei Wochen kamen innerhalb der sächsischen Landeskirche dann erstmals Vorwürfe auf, die deutlich schwerer wogen. Aus einer offenbar linksgerichteten Quelle wurde den Kritikern des Bischofs Texte zugespielt, die Rentzing zwischen 1989 bis 1992 in einer kleinen Zeitschrift namens „Fragmente“ verfasst hatte. In diesen Texten vertrat Rentzing Positionen, die das Landeskirchenamt als „elitär, in Teilen nationalistisch und demokratiefeindlich“ einstuft.

          Rentzing schrieb, die Demokratie setzte an die „Stelle der einsamen Entscheidungen großer Männer“ eine „Nivellierung der Geister“ und vermenge als politisches System „jeweils klassische Entartungsformen“. Rentzing beklagte, in Deutschland sei „der Moloch der Verflachung, des widerwärtigen sich Treibenlassens“ zum „Existenzprinzip“ geworden. Der Staat gebe „Milliardenbeträge“ für die „systematische Zerstörung der kulturellen Substanz“ aus. Mit Blick auf die deutsche Vergangenheit spricht Rentzing von einer „Bewältigungspsychose“ und fordert stattdessen „positive nationale Gefühle anzustacheln“.

          „Antidemokratisches Denken war mir immer fremd“

          Diese Äußerungen Rentzings fügen sich nahtlos in das sonstige Erscheinungsbild der „Fragmente“ ein, für die der heutige Bischof als einer der Herausgeber Verantwortung hatte: Das Denken der Autoren kreist vor allem um die Protagonisten der „konservativen Revolution“ sowie um Vordenker der „Neuen Rechten“ wie Armin Mohler. In einer Annonce bewirbt der „Patria-Versand“ zudem Reichskriegsflaggen, in einer anderen Annonce proklamieren Reichsbürger die „Vereinigten Länder des Deutschen Ostens im Deutschen Reich“.

          In der schriftlichen Ankündigung seines Rücktritts ist Rentzing auf die „Fragmente“ mit keinem Wort eingegangen. Der Landesbischof schrieb lediglich abstrakt, dass er nicht mehr die gleichen Positionen wie vor dreißig Jahren vertrete. Warum er seine alten Texte zuvor über Jahre extern wie intern verschwiegen hat, ließ Rentzing offen.

          Der Bischof ging auch nicht ein auf die Zweifel an seiner Aufrichtigkeit ein, die mittlerweile bestehen. Denn einige Tage vor dem Bekanntwerden der „Fragmente“ hatte Rentzing in einem Interview mit der „Leipziger Internet Zeitung“ noch behauptet: „Mein ganzes Leben lang ist mir nationalistisches, antidemokratisches und extremistisches Denken immer fremd geblieben.“

          Verschwiegene Vergangenheit, unvollständige Angaben

          Rentzing machte in dem Interview zudem Angaben zu seinem Auftritt in der „Bibliothek des Konservativismus“, die aus heutiger Sicht fragwürdig erscheinen: Rentzing erklärte, er sei 2013 „vermutlich“ als konservativer Theologe eingeladen worden und hob mehrfach hervor, Hintergründe und Ausrichtung der Bibliothek nicht zu kennen. Wie man inzwischen weiß, ist der heutige Leiter der Bibliothek, Wolfgang Fenske, jedoch ein alter Weggefährte Rentzings.

          Beide kennen sich aus Schulzeiten in Berlin und haben später in Oberursel Theologie studiert. Und: Fenske hat gemeinsam mit Rentzing die „Fragmente“ herausgegeben. Die sächsische Landeskirche sah sich vor wenigen Tagen zudem zu der Mitteilung veranlasst, dass Fenske als persönlicher Gast Rentzings auch an dessen Einführung ins Bischofsamt teilgenommen hat.

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