Bundeswehrskandal : Falsch angefasst
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In der Staufer-Kaserne soll es bei der Ausbildung zu sadistischen Praktiken gekommen sein. Bild: EPA
In der Bundeswehrkaserne Pfullendorf sollen Soldaten lernen, wie man in Krisensituationen medizinische Ersthilfe leistet. Dabei soll es zu sexuell-sadistischen Erniedrigungen gekommen sein. Ist die Ausbildung außer Kontrolle?
Es war am Karfreitag 2010, als Oberfeldwebel Naef Adebar eine Gewehrsalve der Taliban traf. Mit dem Angriff begann eines der heftigsten und verlustreichsten Gefechte in der Geschichte der Bundeswehr. Drei Soldaten starben, ein Dutzend wurde verwundet. Nachdem er von Kameraden in Deckung gezogen wurde, untersuchte ein Rettungssanitäter den verletzten Adebar. Er tastete Kopf, Hals, Brust, Bauch, Rücken, Genitalbereich, Po und Beine ab und legte die Körperteile dazu nach und nach frei. Der junge Oberfeldwebel hatte Glück. Die Kugeln hatten ihn nur an Ober- und Unterschenkel sowie an der Ferse getroffen. Er überlebte.
Gut ausgebildete Rettungssanitäter sind für Soldaten eine Art Lebensversicherung. Sie begleiten die Kampftruppen ins Gefecht, sie arbeiten an vorderster Front. Meist handelt es sich dabei um originäre Sanitäter, manchmal jedoch auch um Infanteristen mit einer speziellen Sanitätsausbildung. Diese Soldaten werden besonders dort eingesetzt, wo es für einfache Sanitäter zu gefährlich ist. Das gilt zum Beispiel für Einsätze des Kommando Spezialkräfte (KSK) oder für sogenannten Spezialisierten Kräften, etwa Fernspähern oder Fallschirmjägern. Angehörige dieser Infanterieeinheiten erhalten eine spezielle Ausbildung zum „Combat First Responder“, dessen Kenntnisse und Befugnisse denen eines Rettungssanitäters ähnlich sind. Diese Ausbildung findet in Pfullendorf statt. Dort, wo sie Anfang des Jahres in Verruf geraten ist.
Erniedrigende Praktiken
Eine Offizierin hatte Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) und dem Wehrbeauftragten Hans-Peter Bartels von Praktiken bei der Sanitäterausbildung berichtet, die angeblich sexuell-sadistisch und erniedrigend gewesen seien. Einem Bericht des Ministeriums an den Verteidigungsausschuss vom 13. Februar ist zu entnehmen, worum es sich dabei konkret gehandelt haben soll. Die Rede ist unter anderem vom „Abtasten der unbekleideten Brust und des Genitalbereichs mit nicht behandschuhter Hand und anschließender Geruchsprobe“, vom „Öffnen der Gesäßbacken zur Inspizierung des Afters“, vom „Tamponieren des Gesäßes und rektale Fiebermessung“ sowie von der Aufforderung an die Offizierin, zur Aufnahme in das Ausbilderteam an einer Tanzstange zu tanzen. Ministerin von der Leyen sprach von abstoßenden und widerwärtigen Vorgängen und wies Generalinspekteur Volker Wieker an, die Vorfälle zu untersuchen. Dem Verteidigungsausschuss teilte das Ministerium mit, durch die Versetzung mehrerer Verantwortlicher und Vorgesetzter für „einen Neuanfang“ in Pfullendorf sorgen zu wollen. Damit wurde der Eindruck erweckt, die Ausbildung sei völlig außer Kontrolle geraten. Stimmt das?
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Zum AngebotDie Ausbildung zum „Combat First Responder“ wird in drei Kategorien unterteilt. Der kürzeste Lehrgang umfasst 60 Stunden, der längste 170 Stunden. Die Ausbildung beruht auf den Richtlinien zahlreicher Nato-Armeen für die Verwundetenversorgung unter Gefechtsbedingungen. Diese Richtlinien werden alle drei Jahre überarbeitet und in der Bundeswehrausbildung in Pfullendorf unter steter Begleitung und Anleitung eines Rettungsarztes eingepflegt. Seit 2002 haben Hunderte Soldaten und Soldatinnen in Pfullendorf die Sanitätsausbildung für Spezialkräfte und Spezialisierte Kräfte durchlaufen. Pro Jahr gibt es zehn bis 15 Lehrgänge mit jeweils durchschnittlich 20 Teilnehmern. Sie lernen vor allem, wie sie das Verbluten und Ersticken von Verwundeten verhindern können. Dabei wird ihnen auch die künstliche Beatmung und das Legen eines Blutzugangs zur Versorgung mit Medikamenten vermittelt. Das dürfen in Deutschland sonst nur Ärzte, sei aber unerlässlich, um eine effektive und sinnvolle Verwundetenversorgung vor Ort bis zur Übergabe an qualifiziertes Sanitätspersonal zu gewährleisten, wie ein Sanitätsoffizier dieser Zeitung sagt. Die Soldaten müssten lernen, einem Verwundeten auch unter Bedrohung die bestmögliche Versorgung zukommen zu lassen. Daher müsse die Ausbildung so realitätsnah wie möglich sein, äußert der Bundeswehrarzt.