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Bundeswehrskandal : Falsch angefasst

  • -Aktualisiert am

Kein Ermittlungsverfahren gegen die Sanitätsausbilder

Was darunter zu verstehen ist, darüber gibt es unterschiedliche Ansichten. In der praktischen Ausbildung müssen sich die Lehrgangsteilnehmer gegenseitig untersuchen und dabei die entsprechenden Körperzonen freilegen. Ein Ausbilder aus Pfullendorf versichert dieser Zeitung, dass niemand gezwungen worden sei, sich vollständig zu entkleiden. Dieser Eindruck sei aber in zahlreichen Medienberichten entstanden und auch vom Verteidigungsministerium nicht korrigiert worden. „Das hat dazu geführt, dass wir uns nun selbst im Bekanntenkreis als Grabscher und Sadisten bezeichnen lassen müssen“, sagt der Soldat. Richtig sei indes, dass sich die Lehrgangsteilnehmer bis auf die Unterwäsche entblößen und abtasten lassen müssten. Das gelte sowohl für Männer als auch für Frauen, sagt der Ausbilder. Da dürfe kein Unterschied gemacht werden, da die Vorschriften für alle Soldaten gleich seien. Den Vorwurf, dass es dabei zu sexistischen Handlungen gekommen sei, weist der Ausbilder allerdings von sich. Dafür gebe es keinen einzigen Beleg.

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Zu diesem Ergebnis kam nun auch die Staatsanwaltschaft Hechingen. Sie hat vor kurzem mitgeteilt, kein Ermittlungsverfahren gegen die Sanitätsausbilder in Pfullendorf einleiten zu wollen. Die Basis der Entscheidung bildet ein Verhörprotokoll der Bundeswehr, das bei der Befragung von mehreren Dutzend Ausbildern und Lehrgangsteilnehmern entstanden ist. „Die umfangreichen sorgfältigen internen Ermittlungen der Bundeswehr haben keine Anhaltspunkte dafür ergeben, dass Soldaten im Rahmen der Kampfsanitäterausbildung zu sexuellen Handlungen genötigt wurden“, heißt es in der Begründung der Behörde. Sie habe nicht feststellen können, dass die Ausbildungsmethoden den Ausbildungsvorschriften widersprochen hätten.

Verteidigungsministerium hält seine Kritik aufrecht

Das Verteidigungsministerium hält seine Kritik an Führungsverhalten und Dienstaufsicht in Pfullendorf gleichwohl aufrecht. Es sind insbesondere während der Sanitätsausbildung gemachte Fotos und Videos, auf denen die Haltung des Ministerium basiert. So gebe es ein Bild, auf dem ein Soldat in die Kamera grinst und mit der Hand auf den After eines Soldaten deutet, in dem ein Fieberthermometer stecke. Das berichtete ein Ministeriumsmitarbeiter dieser Zeitung. Eine strafbare Handlung stellt dieses Bild allerdings nicht dar. Ein anderes Foto zeige die von der Offizierin erwähnte Pole-Dance-Stange in einem Aufenthaltsraum des Ausbilderteams der zweiten Inspektion in Pfullendorf, hinter der Damenslips an einer Wäscheleine hängen. „Ich frage mich, wieso kein einziger Vorgesetzter auf die Idee gekommen ist, diese offenkundig frauenverachtende Ausstattung eines Dienstzimmers der Bundeswehr zu entfernen“, kritisiert der Wehrbeauftragte Bartels. Nach Aussagen eines Ausbilders handelt es sich bei der Tanzstange um ein Geschenk. Zwei Jahre lang habe sie in dem Raum gestanden, doch anders als es mehrere Medien berichtet haben, sei seines Wissens nach nie eine Soldatin gezwungen worden, daran nackt zu tanzen.

Auch das hat die Staatsanwaltschaft jetzt bestätigt. Die Ermittlungen hätten keinen Nachweis dafür erbracht, „dass Soldatinnen an einer Tanzstange erotische Tanzbewegungen durchgeführt haben, geschweige denn hierzu von Vorgesetzten gezwungen und dabei betatscht wurden“, heißt es in einer Pressemitteilung. Gleichwohl hat die Bundeswehr aus den Vorfällen Konsequenzen gezogen. Tanzstange und Unterwäsche mussten aus dem Ausbilderzimmer entfernt werden. Außerdem gibt es eine geänderte Vorschrift für die Ausbildung der „Combat First Responder“. Die Ganzkörper-Untersuchung habe fortan unter Respektieren des Schamgefühls zu erfolgen. Daher sei die Untersuchung des Schritts, der Analregion sowie der primären und sekundären Geschlechtsorgane nur anzudeuten und nicht tatsächlich durchzuführen. Unterwäsche werde nicht entkleidet und das rektale Einführen von Thermometer oder Tamponade finde nicht statt.

Damit orientiert sich die Bundeswehr nun an der Ausbildung von Rettungssanitätern der GSG9. Ähnlich wie Soldaten müssen auch die Angehörigen der Spezialeinheit der Bundespolizei mit Schuss- und Sprengstoffverletzungen im Einsatz rechnen. Für das Erkennen unterschiedlicher Verletzungsmuster und deren Behandlung sei es unerlässlich, verschiedene Körperpartien freizulegen. Nur der Genitalbereich sei davon ausgenommen. Um Verletzungen dort zu erkennen, üben die Polizisten, wie es heißt, nicht am Menschen, sondern an Puppen. Die aber gebe es einem Ausbilder zufolge in Pfullendorf nicht in ausreichender Anzahl. „Uns wurde gesagt, sie seien zu teuer“, sagt der Soldat.

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