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Sachsen : Rechtsextreme Jugendkultur mit Zeltlagern und Konzerten

  • -Aktualisiert am

Rechtsextreme Gruppen haben in Sachsen großen Zulauf Bild: dpa/dpaweb

Straff organisierte „Kameradschaften“ in Sachsen erschließen der NPD ein ergiebiges Wählerpotential. Schwerpunktregion ist die Sächsische Schweiz. Der Politik-Unterricht in Schulen richtet nur wenig aus.

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          Sven Forkert und Sebastian Reißig von der „Aktion Zivilcourage“ im sächsischen Pirna nahe Dresden sind manches gewohnt. Erst kürzlich fand Reißig sein Auto mit zerstochenen Reifen vor.

          Reiner Burger
          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Im Internet werden die beiden jungen Männer wegen ihres Engagements gegen Rechtsextremismus in ihrer Heimat, der Sächsischen Schweiz, regelmäßig bedroht. Damit könne er leben, sagt Reißig. Er habe keine Angst, denn Pirna sei keine rechtsextreme Stadt, die überwältigende Mehrheit der Pirnaer sei bereit, gegen Rechtsextreme aufzustehen und Gesicht zu zeigen.

          Tatsächlich hat auf diese Weise schon einmal eine Demonstration der NPD unterbunden werden können. Was Forkert und Reißig aber regelmäßig zu denken gibt, sind Erfahrungen, die sie als Gäste im Gemeinschaftsunterricht in Schulen der Sächsischen Schweiz machen. „Es ist erschreckend, wie viele Schüler abstruseste Vorstellungen haben. Viele glauben, daß es hier einen Ausländeranteil von 20, 30, vielleicht sogar 60 Prozent gibt.“

          „Überfremdungsgefahr“ als Grund

          Die Jugendkultur in der dörflich geprägten Sächsischen Schweiz sei zudem in großen Teilen rechtsextrem geprägt. Seit 1999 bemüht sich die hauptsächlich aus Mitteln des Bundesprogramms „Civitas“ finanzierte „Aktion Zivilcourage“ deshalb auch um unpolitische Gegenangebote zur Freizeitgestaltung wie etwa Konzerte.

          Doch wie viele junge Leute mittlerweile rechtsextremen Weltanschauungen anhängen, zeigte sich am vergangenen Sonntag. 21 Prozent der 18 bis 24 Jahre alten Sachsen, die am 19. September zur Wahl gingen, machten ihr Kreuzchen bei der NPD. Am erfolgreichsten war die rechtsextreme Partei bei jungen, formal niedrig gebildeten und häufig arbeitslosen Leuten: 26 Prozent aller unter 35 Jahre alten Sachsen mit Hauptschulabschluß, die zur Wahl gingen, entschieden sich für die NPD.

          Hinzu kommt ein Befund, der das Erlebnis der Mitarbeiter von „Aktion Zivilcourage“ erklären mag: Anhänger der NPD fühlen sich nach Erkenntnissen der Forschungsgruppe Wahlen weit überdurchschnittlich sozial im Hintertreffen und führen das zu 96 Prozent auf eine angebliche „Überfremdungsgefahr“ zurück.

          Leistungsträger wandern ab

          Die Abstimmung am 19. September war deshalb nicht nur eine Protestwahl wegen eines kurzzeitig aufgetretenen Gefühls der Benachteiligung. „Hartz IV“ ist nur die Chiffre unter der sich für die NPD alles scheinbar einfach erklären ließ und mit der sie mühelos Wähler gewinnen konnte. Nach Auffassung des Dresdner Politikwissenschaftlers Werner Patzelt handelt es sich vielmehr um langfristig gewachsene Minderwertigkeitgefühle. Auf keinen Fall unterschätzen dürfe man dabei das Phänomen Abwanderung. Der „Brain-Drain“ bereitet Sachsen schon seit frühesten DDR-Zeiten erhebliche Probleme.

          Und wie das Statistische Landesamt in seiner umfangreichen Wanderungsanalyse herausgefunden hat, verlassen bis heute vor allem junge, gut ausgebildete Leute (und vor allem junge Frauen) die strukturschwachen Gegenden des Freistaats in großen Zahlen. Mittlerweile fehlen überall jene, die für das langfristige Erstarken des Bürgertums als Träger einer funktionierenden Zivilgesellschaft dringend gebraucht würden. „Es bleiben jene, die nicht so viel Ich-Stärke haben, die antizipatorischen Hospitalismus betreiben, also auf Hilfe von einer höheren Instanz warten“, sagt Patzelt.

          Kameradschaften binden Jugendliche

          Diese jungen Leute sind nach Auffassung des Politikwissenschaftlers offen für einfache Deutungsmuster und besonders leicht erreichbar für die straff organisierte Jugendarbeit rechtsextremistischer Gruppierungen. Und diese blieben nach Erkenntnissen des sächsischen Landesamts für Verfassungsschutz auch dann besonders aktiv, als das Profil rechtsextremer Parteien in der Zeit des NPD-Verbotsverfahrens zuletzt schwächer wurde. Praktisch überall in ländlichen Gebieten Sachsens gibt es sogenannte Kameradschaften, während es an der aus Westdeutschland bekannten breitfächrigen bürgerlichen Vereinskultur mangelt. Mit ihren Angeboten orientieren sie sich an den Wünschen der Jugendlichen.

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