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Sachsen-Anhalt : Insel der Unseligen

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Sachsen-Anhalt: Landtagsabgeordnete demonstrieren für die Menschenwürde Bild: dapd

Weil die Bewohner von Insel zwei entlassene Straftäter nicht in ihrem Ort haben wollen, demonstrieren Abgeordnete des Landtags dort gegen den Volkszorn.

          Das hat es zumindest in Sachsen-Anhalt noch nicht gegeben. Etwa drei Viertel aller Landtagsabgeordneten setzten sich in Magdeburg in zwei Busse und fuhren in eine kleine Ortschaft in der Altmark namens Insel. Dort entrollten sie ein Plakat mit der Aufschrift „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Unter den Zuschauern waren der Ministerpräsident, mehrere Minister und zahllose Fernsehkameras - Politiker, Polizisten und Journalisten waren unter sich.

          Die Bevölkerung des Ortes Insel, an die sich das richtete, war nicht da - bewusst zur gleichen Zeit hatte der Ortsbürgermeister Alexander von Bismarck die Bewohner auf sein Barockschloss im Nachbarort „zum Grillen“ eingeladen. Eine Fernsehjournalistin eines großen Medienhauses aus dem Norden befragt Ministerpräsident Rainer Haseloff und Innenminister Holger Stahlknecht (beide CDU) nach ihren Einstellungen und anschließend diskret einen Nahestehenden, wer denn die beiden Herren seien, mit denen sie gerade gesprochen habe. Das gleicht der Lage in Insel nahe Stendal: Alle sprechen seit fast einem Jahr übereinander, miteinander aber oder mit hinreichenden Informationen kaum.

          Der Ruf eines unduldsamen Ortes

          Dabei geht es um zwei ehemalige Sexualstraftäter, die nach der Entlassung aus der Sicherungsverwahrung aus Baden-Württemberg nach Insel zogen, weil ihnen dort jemand Unterkunft bot. Als die „Vorgeschichte“ der beiden im Ort im vergangenen August bekannt wurde, begannen fast wöchentliche Demonstrationen besorgter Anwohner. Dann bemächtigte sich die NPD des Themas und veranstaltete ebenfalls Demonstrationen - vor gut einer Woche konnte die Polizei eine Erstürmung des Hauses, in dem die Männer wohnen, nur mit Mühe verhindern. Der Innenminister übertrug kurzfristig die Zuständigkeit für die Genehmigung von Demonstrationen vom Landkreis auf die Polizeidirektion Nord.

          Die Kontroverse brachte Insel als unduldsamen Ort in Verruf. Dabei kommt nur ein kleinerer Teil der 400 Bewohner zu den montäglichen Aufzügen. Zudem ist der Ablauf in Insel atypisch für den Umgang mit früheren Sicherungsverwahrten, die aufgrund eines Urteils des Europäischen Gerichtshofs entlassen werden mussten, aber weiterhin unter Führungsaufsicht stehen. Anders als sonst in Sachsen-Anhalt konnten Anwohner und Zugezogene nicht behutsam aufeinander vorbereitet werden - die Landesregierung erfuhr erst einen Monat nach dem Zuzug von den beiden. Auch wenn die Bewohner sich nun durch Rechtsradikale in eine Ecke gedrängt sehen, in der sie sich nicht wohl fühlen: ohne diese hätte die Politik sich nicht hinreichend um ihre Sorgen gekümmert, sagen die Bewohner.

          Polizeischutz und Videoüberwachung

          Während des Demonstration des Landtags ist unklar, ob sich die beiden 54 und 64 Jahre alten Männer während der Demonstration des Landtags in ihrem Haus an der Hauptstraße des Orts aufhalten. Die Rollläden im Erdgeschoss sind heruntergelassen. Vor dem Haus mit bröckelnder Fassade inmitten eines sonst schmucken Dorfes stehen Absperrgitter. Es ist von einer Videoüberwachung und zahlreichen Polizisten beschützt auch Spürhunden. Die beiden Bewohner kommen nur gelegentlich heraus und fahren mit Mopeds ins nahe gelegene Stendal zum Bäcker oder zum Arzt.

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