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Merkel in Sachsen : Die Liebe und Zuneigung der Kanzlerin

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Das war ganz im Sinne von Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer, der mit dem inoffiziellen Slogan „Sachsen – Land der fröhlichen Leute“ im Freistaat unterwegs ist und sich bei seinem immensen Tourpensum inzwischen selbst begegnen dürfte. Kretschmer will weg von Meckern und Miesepeterei und das Land bei den Chancen packen, die er auch im ländlichen Raum sieht. Zwei Drittel der Sachsen leben auf dem Land, und deshalb besuchte er mit Merkel am Donnerstagnachmittag die Firma Trumpf in Neukirch in der Oberlausitz. Das Werk ist ein Tochterunternehmen des gleichnamigen baden-württembergischen Werkzeugmaschinenherstellers, der 1990 einen innovativen Sondermaschinenbauer übernahm und konsequent ausbaute. Heute haben hier fast 500 Mitarbeiter hochwertige Jobs in der strukturschwachen Region östlich von Dresden, es sind allerdings auch fast die einzigen in der 5000-Einwohner-Gemeinde.

Ihre Firma sei gekommen, um zu bleiben, erklärte Geschäftsführerin Nicola Leibinger-Kammüller, die einen Ausbau des Unternehmens in Sachsen ankündigte und das Land als Wiege des deutschen Maschinenbaus lobte. Die Kanzlerin konterte unter großem Beifall, dass sie sich eine solche Aussage auch mal in Baden-Württemberg wünsche, lobte die Beharrlichkeit, mit der das Unternehmen seit 1990 aufgebaut wurde und erinnerte zugleich an die bis dahin in der Region ebenso starke Textilindustrie, die Zehntausenden Arbeit gab und heute komplett verschwunden ist. „Dort haben viele Menschen keine Chance mehr bekommen, auch das darf man nicht vergessen“, sagte Merkel, die sich im Anschluss gut eine Stunde den Fragen der Mitarbeiter stellte.

„Jede Frage ist gut“

„Sie dürfen alles fragen, jede Frage ist eine gute Frage“, forderte die Kanzlerin die gut 250 Mitarbeiter auf, die in die Halle gekommen waren, und die machten davon rege Gebrauch. Warum die Steuer- und Abgabenlast in Deutschland so hoch sei, wie sie enttäuschte Wähler zurückgewinnen wolle, was sie gegen die Überalterung der Gesellschaft tut, ob das deutsch-russische Verhältnis zu kitten sei und warum Abgeordnete eher Anspruch auf Pension haben als „Normalbürger“ waren einige der Themen. „Welche politische Entscheidung bereuen Sie?“, wollte eine Frau wissen. „Eigentlich keine“, antwortete Merkel nach Bedenkzeit. Allerdings sei „manches nicht gut gelaufen“, und dabei kam sie gleich selbst auf die Flüchtlingspolitik zu sprechen. Zum Thema Wehrpflicht gesteht sie, einst gegen die Abschaffung gewesen zu sein, aber der damalige Verteidigungsminister Guttenberg habe sie überzeugt. „Es war nicht meine Entscheidung“, sagte Merkel. Als dann der Parteitag das Thema mit nur wenigen Gegenstimmen beschlossen habe, sei sie sehr überrascht gewesen. „Aber jetzt will ich es auch nicht mehr rückgängig machen“, sagte sie und verwies auf eine verlässliche Politik.

Angela Merkel, das ist das Fazit des Tages, lässt sich auch in Sachsen nicht aus der Ruhe bringen. AfD und Pegida hatten unter dem Motto „Die Diktatorin in die Schranken weisen!“ zu einer Demonstration vor den Landtag gerufen, aber gerade mal 300 Leute waren dem gefolgt; noch bevor die Kanzlerin das Gebäude wieder verließ, waren sie mit ihren Fahnen und Trillerpfeifen wieder abgezogen. Gefragt nach ihren Gefühlen auch angesichts der heftigen Angriffe gegen ihre Person im vergangenen Wahlkampf antwortete Merkel mehr als versöhnlich „Dass es in Sachsen eine sehr sehr kontroverse und zum Teil auch emotionale Stimmung gibt, das weiß ich“, sagte sie. „Trotzdem wird das meine Liebe und meine Zuneigung zu Sachsen nicht schmälern.“

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