https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/russlanddeutsche-streiten-ueber-den-krieg-in-der-ukraine-17844112.html

Putins Angriff auf die Ukraine : Durch die russlanddeutschen Familien geht ein Riss

Früher als „Klein Moskau“ bekannt: 70 Prozent der Bewohner des Pforzheimer Stadtteils Haidach sind Russlanddeutsche. Bild: Maximilian von Lachner

In Stadtteilen mit vielen Spätaussiedlern gibt es derzeit nur ein Thema. Während viele Ältere Verständnis für Putins Angriffskrieg haben, lehnen die meisten Jungen ihn ab. Ein Besuch in Pforzheim.

          6 Min.

          Auf dem Spielplatz im Pforzheimer Stadtteil Haidach diktieren der Ukraine-Krieg und die sozialen Medien die Gesprächsthemen. Zwölf ältere Männer in dunklen Anoraks stehen im Kreis zusammen. Auf dem Bolzplatz daneben kicken Kinder. Die älteren Männer kamen Anfang der Neunzigerjahre nach Deutschland – aus Kasachstan, Usbeki­stan, Georgien oder Russland. An diesem Nachmittag bewegen sie die Nachrichten aus Kiew und – noch stärker – die aus dem badischen Bietigheim. Denn dort weigerte sich ein Gastwirt, russische oder russischstämmige Gäste zu bedienen. Das empört die Männer. „Für Gorba­tschow war ich ein Faschist, dann kam ich nach Deutschland, musste hier buckeln, habe bei der Müllabfuhr gearbeitet. Immer war ich der Russe. Jetzt werde ich beschimpft“, sagt der 67 Jahre alte Mann, der vor dreißig Jahren als Spätaussiedler nach Deutschland kam.

          Rüdiger Soldt
          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.
          Natalia Wenzel-Warkentin
          Redakteurin vom Dienst bei FAZ.NET.

          „Die Ukrainer haben doch im Donbass mit türkischen Drohnen bombardiert, das will hier niemand hören. Dort gibt es keine russischen Schulen. So was lässt sich Putin nicht gefallen“, sagt ein 63 Jahre alter Mann, der aus Kasachstan stammt und als Schweißer gearbeitet hat. „Wenn Putin jetzt nichts gemacht hätte, wäre das eine Katastrophe gewesen. Die West­ukrainer sind schlimmer als die Deutschen. Und die Amerikaner verkaufen das Gas zweimal so teuer wie die Russen“, sagt ein 64 Jahre alter Mann. Er stammt aus Sibirien und arbeitete bis zur Rente als Maschineneinrichter.

          Putins Propaganda von dem angeblich korrupten Regime in Kiew, von den amerikanischen Drahtziehern des Kriegs ist in Pforzheim angekommen. So manche Äußerung hier klingt wie ein Kommentar aus dem Sender „Russia Today“. Der 67 Jahre alte Mann aus der Reifenwerkstatt zittert vor Erregung, er tritt in die Mitte der Versammlung: „Jetzt kommen die Sanktionen, und du hast leere Taschen“, er zieht das Taschenfutter aus der Hose, „du weißt nicht, ob du im Supermarkt noch das Essen bezahlen kannst.“ Er sei nicht zum Urlaubmachen nach Deutschland gekommen, sagt er. Nach einem harten Arbeitsleben fühlt er sich von der Politik betrogen. Putin ist aus der Sicht dieser Männer eher Opfer als Kriegsherr: „Was haben die Amerikaner in Europa oder in Georgien überhaupt zu suchen?“ Der spontane Vortrag des Mannes gipfelt dann in dem Satz: „Der Amerikaner braucht Ruhe im Arsch. Wir sind gegen den Krieg. Schickt keine Waffen in die Ukraine, denn sonst verrecken die Russen.“

          „Es ist nicht alles so, wie wir es jetzt hören“

          Den Stadtteil Haidach nannten die Pforzheimer viele Jahre abschätzig „Klein Moskau“. 1969 hatte die Stadt auf dem Buckenberg im Südosten mit dem Bau der Trabantensiedlung begonnen, es sollte Wohnraum für die Arbeiter aus der Schmuck- und Automobilindustrie geschaffen werden. Die Städteplaner entschieden sich für eine Mischung aus Bungalows und Hochhäusern, nach 1990 entwickelte sich die Siedlung nach dem Zuzug russlanddeutscher Aussiedler zum sozialen Brennpunkt. Siebzig Prozent der etwa 10 000 Einwohner des Stadtteils sind Russlanddeutsche.

          Nach der Flüchtlingskrise geriet der Stadtteil wieder in die Schlagzeilen: Die einst im hohen Maße CDU-affinen Russlanddeutschen wandten sich wegen der Flüchtlingspolitik Angela Merkels der AfD zu. Bei Landtags-, Europa- und Bundestagswahlen erlangte die AfD zeitweise sensationelle Ergebnisse: 2016 holte der inzwischen an einer Corona-Infektion verstorbene, ungeimpfte AfD-Politiker Bernd Grimmer dank der russlanddeutschen Wähler das Landtagsdirektmandat. Bei der Europawahl bekam die AfD in Pforzheim mit 17,6 Prozent das beste Ergebnis landesweit. Bei der Bundestagswahl im vergangenen Herbst bekam die AfD im Wahlbezirk Buckenberg, zu dem Haidach gehört, 27,6 Prozent der Zweitstimmen; deutlich mehr als die CDU.

          Gegen Klischees: CDU-Gemeinderat Philipp Dörflinger
          Gegen Klischees: CDU-Gemeinderat Philipp Dörflinger : Bild: Maximilian von Lachner

          Ukrainischer Wodka ist ausverkauft

          Beliebte Treffpunkte im Viertel sind das Bürgerzentrum und der Platz vor dem russischen „Mix-Markt“, der vom „Tworog Derewenskiy“-Frischkäse bis zu eingelegten Gurken aus russischer Produktion alles im Regal hat, was zur russischen Küche gehört. Nur der ukrainische Wodka ist gerade ausverkauft. Der Marktleiter ist schmallippig: „Krieg ist nicht gut, der trifft alle. Aber ich bin kein Politiker.“ Ein Arbeiter mit Neon-Weste, der gerade mit seiner Frau den Einkaufswagen vollpackt, klagt über die Darstellungen in den deutschen Massenmedien: „Man muss auch Putin verstehen, ich kann zum Glück Russisch, Ukrainisch und Deutsch. Es ist nicht alles so, wie wir es jetzt hören.“

          Die meisten Deutschrussen wollen sich nicht äußern, sie sind es auch leid, dass ihr Stadtteil in den Medien wechselweise als sozialer Brennpunkt oder Satellit Moskaus dargestellt wird. „Viele haben leider nicht mitbekommen, dass sich das Leben hier verändert hat, Haidach ist heute ein Rentnerparadies mit Blumenkübeln, ziemlich upgegradet“, sagt Ondro, ein Fotograf, der in dem Stadtteil seine Kindheit verbrachte. Haidach grenzt auch an den Pforzheimer Tiergarten und ein Areal, auf dem bis vor zehn Jahren die ehemalige französische Kaserne stand. Eine Ladenzeile mit einem Lebensmittel- und einem Drogeriemarkt trennt die Hochhaussiedlung nun von der neuen Siedlung mit luxuriösen Reihenhäusern, in die häufig gut verdienende Ingenieure aus dem Porsche-Entwicklungszentrum in Weissach ziehen.

          „In meiner Generation ist niemand damit einverstanden, dass Putin unschuldige Menschen tötet“

          „Da sind unterschiedliche Welten, es gelingt aber ein gutes Zusammenleben“, sagt Philipp Dörflinger, CDU-Gemeinderat. Das gängige Klischee „Altenheim, Flüchtlingsheim, Pforzheim“ nervt die Haidacher ebenso wie die grob vereinfachende Darstellung, in dem Stadtteil lebten nur putinaffine Einwanderer.

          Solidarisch dank der sozialen Medien: Elena Link
          Solidarisch dank der sozialen Medien: Elena Link : Bild: Maximilian von Lachner

          Wie ein Riss zieht sich der Streit über den Krieg in der Ukraine mittlerweile durch viele russlanddeutsche Familien, nicht nur in Pforzheim. Er entblößt einen Generationenkonflikt innerhalb der Community. Die Jüngeren, progressiv und demokratisch geprägt, machen sich dieser Tage in den sozialen Medien Luft. Sie berichten von Diskussionen mit Vätern, Tanten und Großvätern, die über Staatssender und soziale Netzwerke die Propaganda des Kremls ungefiltert konsumieren.

          Die 24 Jahre alte Corinna wuchs als Tochter eines usbekischen Vaters und einer kasachischen Mutter in Haidach auf. Gerade hat sie ihr Studium als Wirtschaftsjuristin abgeschlossen und in der Nähe der elterlichen Wohnung mit ihrem Freund eine Eigentumswohnung gekauft. Haidach ist ihre Heimat. „Ich folge auf Instagram Leuten aus Russland und der Ukraine. Ich habe zu Russland keine sonderlich enge Beziehung, ich habe meistens in der Türkei Urlaub gemacht.“

          Diejenigen, die Anfang der neunziger Jahre eingewandert seien, hätten ein positives Putin-Bild und auch eine Nähe zur AfD. „Das ändert sich aber. In meiner Generation ist niemand damit einverstanden, dass Putin unschuldige Menschen tötet.“ Viele, die in dem Pforzheimer Stadtteil mit ihr aufgewachsen und zur Schule gegangen seien, wählten eher FDP als CDU, einige auch die Grünen.

          Victoria Star ist 29, lebt in Bielefeld und migrierte 2002 mit ihrer Familie aus Nowosibirsk. Ihr Großvater ist geblieben und wohnt heute direkt an der ukrainisch-russischen Grenze unweit von Mariupol, direkt am Asowschen Meer. Sie haben regelmäßig Kontakt, 2015 hat die Enkelin ihn zum letzten Mal besucht. Damals wundert sie sich über die Militärhubschrauber über seinem Haus. „Ukrainische Spione“ sagt ihr Großvater und zuckt nur mit den Achseln. „Die fliegen hier ständig rum“. Seit Putin seinen Angriffskrieg auf die Ukraine gestartet hat, schreiben sie täglich. Sorgen müsse sich seine Enkelin nicht machen, Putins Truppen würden schließlich nur die Militärbasen angreifen. „Das ist eine Lüge“ schreibt Star. „Das verstehst du nicht“, entgegnet der Großvater dann.

          Im Mix-Markt ist der ukrainische Wodka ausverkauft.
          Im Mix-Markt ist der ukrainische Wodka ausverkauft. : Bild: Maximilian von Lachner

          In der Welt des 80 Jahre alten Viktor Petrovitch sind die Feindbilder klar. Die Ukrainer, das sind die Nazis. Die Amerikaner sind die Bösen, Deutschland ist bloß Trittbrettfahrer und Russland das Opfer. Immer wieder versucht Star ihn zur Vernunft zu bringen, liefert Beweise und Argumente. „Ich ducke mich nicht weg und gehe in die Diskussion mit ihm. Aber ab einem bestimmten Punkt muss ich das Gespräch beenden.“ Aus Selbstschutz.

          Lina, eine 17 Jahre alte Schülerin aus Rheinland-Pfalz, die eigentlich anders heißt, streitet derzeit täglich mit ihren Eltern. Auch sie sind 2002 als Spätaussiedler nach Deutschland gekommen. Lina bezeichnet ihre Eltern, hart arbeitende Menschen, die eigentlich klug und empathisch seien, als putintreu. Man habe ihn halt provoziert, sagen sie, aber er werde „die Guten beschützen und die Bösen bestrafen“. Die Tochter macht das fassungslos. „Wie können meine eigenen Eltern in der Bewertung des Leids solche Unterschiede zwischen den Menschen machen?“ Die Schülerin, die sich neben der Schule in demokratiefördernden Projekten engagiert, scheut die Diskussion mit ihren Eltern nicht. Ihre Strategie: Auf vermeintlich geschlossene Aussagen mit offenen Gegenfragen zu antworten und so dem Gespräch eine andere Richtung zu geben.

          Während die sozialen Medien die Debatten über den Krieg oft noch verschärfen, helfen sie manchmal auch, einseitige Darstellungen zu durchbrechen. Die 45 Jahre alte Produktdesignerin Elena Link kam mit 15 Jahren nach Deutschland, ihre Mutter stammt aus Georgien, der Vater ist Kind eines chinesisch-russischen Paares. Nächtelang verfolgt sie nun die Geschehnisse in Charkiw und Kiew. „Es ist der erste Krieg, der ins Mark trifft, weil mir alle Kanäle offen stehen“ Sie zeigt ein Bild, auf dem Kinder in Kiew zu sehen sind, die in einem bombensicheren Keller Schach spielen. „Gerade durch die sozialen Medien entsteht eine nie dagewesene Solidarität.“ Nostalgische Gefühle für Putin habe nur noch ein kleine Minderheit.

          Jetzt mit F+ lesen

          Blick vom Istanbuler Stadtteil Bebek aus auf den Bosporus

          Wegen Erdogan : Junge Türken wollen weg

          Junge Türken kennen nur noch die AKP als Regierungspartei. Viele Jugendliche und junge Erwachsene sind unzufrieden. Sie wollen eine andere, demokratische Türkei.
          Marty Flanagan, 61, ist Vorstandsvorsitzender der US-Fondsgesellschaft Invesco. Sie  legt  für ihre Kunden 1,5 Billionen Dollar an.

          Fehler bei der Anlage : „Das vernichtet Ihr Vermögen“

          Marty Flanagan, Chef der Fondsgesellschaft Invesco, spricht im Interview über die Turbulenzen an der Börse, ärgerliche Anlagefehler und die Schwächen von ETF.
          Ein ungemein wichtiger Partner für die NATO, trotz allem: der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan

          Veto gegen NATO-Erweiterung : Erdogan, der Türhüter

          Der türkische Präsident blockiert den Beitritt Finnlands und Schwedens zur NATO. Es ist nicht sein erster Affront gegen das Bündnis. Trotzdem darf er auf Nachsicht hoffen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.
          Immobilienbewertung
          Verkaufen Sie zum Höchstpreis
          Sprachkurs
          Lernen Sie Englisch
          Kapitalanlage
          Pflegeimmobilien als Kapitalanlage
          Automarkt
          Top-Gebrauchtwagen mit Garantie