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Rücktritt in Neukölln : Buschkowsky ist überall

  • -Aktualisiert am

Heinz Buschkowsky will aus gesundheitlichen Gründen am 1. April sein Amt abgeben. Bild: Julia Zimmermann

Mit der Parole „Multikulti ist gescheitert“ wurde Heinz Buschkowsky bundesweit bekannt. Nun kündigt der Neuköllner Bezirksbürgermeister seinen Rücktritt an – und plötzlich lieben alle ihren „Dorfschulzen“, der mehr street credibility genießt, als Sarrazin je hatte.

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          Heinz Buschkowsky tritt ab. Wenigen Menschen wird man erklären müssen, wer er ist: Seit 2001 Bürgermeister von Berlin-Neukölln, seit 1985 an maßgeblicher Stelle der Bezirkspolitik tätig. Gerngesehener Gast in vielen Talkshows, Buchautor: „Neukölln ist überall“ (2012). Ein Sozialdemokrat, der es liebt, in seiner Partei das Enfant terrible zu spielen. Bei SPD-Parteitagen saß er lieber auf der Pressebank oder weit hinten im Saal: Dazugehören mochte er demonstrativ nicht. Buschkowsky ist 66 Jahre alt. Er will sein Amt aus gesundheitlichen Gründen am 1. April abgeben. Seit langem ist klar, dass der neue Buschkowsky eine Frau sein wird: Dr. Franziska Giffey (SPD), Bildungsstadträtin in Neukölln.

          Buschkowsky steht für eine sehr erfolgreiche Art, als Bezirksbürgermeister – Berlin hat zwölf – Politik zu machen. Könnte gut sein, dass er sogar der einzige Bezirksbürgermeister ist, den die Leute außerhalb seines Bezirks mit Namen nennen können. Er spitzt zu wie wenige. Doch niemand kann ihm absprechen, aus ehrlicher Sorge um „seine“ Neuköllner und im dringenden Wunsch zu handeln, ihr Wohlergehen zu sichern.

          „Multikulti ist gescheitert“, hieß einer seiner Schlachtrufe. „Spaziergänge“ wie in Dresden, vor denen sich Fremde fürchten müssen, hat es jedoch in Neukölln nicht gegeben. Sein Parteifreund Sarrazin – dessen Buch „Deutschland schafft sich ab“ (erschienen 2010) von manchen als Gründungsdokument einer einwanderungskritischen Bewegung gelesen wurde, konnte auf ihn nicht bauen: Buschkowsky setzte sich ebenso unmissverständlich von Sarrazin ab wie von Eltern, die ihren Kindern die Chancen vorenthielten, die ihnen das Einwanderungsland Deutschland bot.

          Vor allem anderen Buschkowsky steht für großes Beharrungsvermögen. Es ist bestimmt kein Zufall, dass er nach Wowereit, dem anderen bunten Hund der Stadt, abtritt. Mit Lust inszenierten die beiden ihre Differenzen: Der Metropolenbürgermeister gegen den „Dorfschulzen“ von 320.000 Neuköllnern, von denen 40 Prozent einen „Migrationshintergrund“ haben – beide konnten von diesem Schwank profitieren. Buschkowsky erhielt 2010 den Gustav-Heinemann-Bürgerpreis samt seelenvoller Laudatio von Sigmar Gabriel, der darauf hinwies, dass sozialdemokratische Politik mit Kommunalpolitik anfängt. Buschkowsky, so der SPD-Vorsitzende damals, habe „Schätze für das Gemeinwesen produziert“. Er sei selbst „ein sozialdemokratischer Schatz“.

          Buschkowsky tritt auf wie der reguläre Kleinbürger aus Neukölln

          Bis zum 1. April werden dem Neuköllner Schatz gewiss viele Kränze geflochten werden. So ging es auch mit Wowereit, den das „friendly fire“ aus seiner Berliner SPD zwar erst schwer beschädigte, der dann aber zwischen seiner Rücktrittsankündigung im August und seinem Rücktritt im Dezember 2014 schöne Wochen mit laut vorgetragener Wertschätzung erleben durfte. Wowereits Nachfolger, Michael Müller, rückte Buschkowsky in die Ehrengalerie Berliner Sozialdemokraten: Hätte man „früher oder besser den Genossen aus Neukölln oder Mitte“ zugehört, wäre Berlin in seinen Integrationsbemühungen weiter gediehen, sagte Müller beim Parteitag im November.

          So sehr die beiden Männer ihre Unterschiede herausstrichen, so offenkundig sind ihre Ähnlichkeiten: Wie Wowereit ist Buschkowsky in Berlin geboren, stammt, wie es so schön heißt, aus „kleinen Verhältnissen“, Buschkowsky legte sein Diplom als „Verwaltungswirt“ ab und arbeitete sein Leben lang im öffentlichen Dienst. In der momentan weit links agierenden Berliner SPD gehörte er, falls es den noch gäbe, zum „rechten“ Flügel.

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