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Rücktritt des Bundespräsidenten : Wulffs Kapitulation

„Öffnen Sie Ihr Herz für Italien“

Erst am Mittwoch war Wulff von einem Italien-Besuch zurückgekehrt. Er hatte dabei alles richtig gemacht, und doch war alles verkehrt gewesen. Kaum hatte das Präsidentenflugzeug sich von Berlin-Tegel aus in die Lüfte erhoben, nutzten mitreisende Journalisten die Gelegenheit, Wulff Fragen zu stellen, für die man früher zum Duell gefordert worden wäre: Ob er nur aus „Angst vor Mittellosigkeit" nicht zurücktrete, wird er gefragt, und wann er zuletzt Kontakt zum Film- und Übernachtungsförderer David Groenewold gehabt habe. Wulff bittet: „Öffnen sie Ihr Herz für Italien." Aber die Fragerei geht weiter. „Mir ist klar, dass Ihnen egal ist, wo wir hinfahren", blafft Wulff einen Reporter an. Betretene Blicke. Beklommenes Schweigen. Ähnlich war vor dem Abflug zu Wulffs letzter Dienstreise schon ein Empfang im Schloss Bellevue für Filmschaffende anlässlich der Berlinale beschrieben worden. Viele Absagen, ein halbvoller Saal, „gespenstisch" sei die Stimmung gewesen, wird ein Besucher zitiert. Während des Italien-Besuchs weitere Talkshows, Wulff und „wulffen" (ein neues Verb) auf allen Sendern.

Weder die Kanzlerin noch der Präsident hatten in ihren Erklärungen am Freitag die sonst so oft bemühte Floskel bemüht, es gelte Schaden vom Amt abzuwenden. Wer in den vergangenen Wochen das Amt besuchte, spürte, dass es dafür schon ein bisschen zu spät war. Die politische Architektur in der Hauptstadt ist reich an modernistischen Glasbauten, welche die offene Berliner Republik symbolisieren sollen. Das klassizistische Schloss Bellevue hingegen ist einer der wenigen Orte, die ein Gefühl der Erhabenheit vermitteln - normalerweise.

Gefühl der Beklemmung im Schloss Bellevue

Mit dieser Normalität war es aber schon vor Wochen vorbei. Nun verbreitete das Haus eher ein Gefühl der Beklemmung: Die Stille vermittelte keine Hochachtung mehr, die Blicke der Mitarbeiter wirkten hier verschämt, da vielsagend. Und dem Amtsinhaber konnte sein Amt längst keine Aura mehr verleihen. Christian Wulff hatte in den vergangenen zwei Monaten stark abgenommen, sein Gesicht schien wie eingefallen, die Haare noch grauer. Der mediale und politische Druck hatte an ihm gezehrt, auch wenn er bis zuletzt um den Eindruck bemüht schien, an ihm werde man sich die Zähne ausbeißen, er werde nicht weichen.

Längst befand sich Wulff in einem Tunnel und litt unter einer stark getrübten Wirklichkeitswahrnehmung. Im Präsidialamt wurde noch am Donnerstag an der Gedenkfeier für die Opfer der Nazi-Morde in der Gewissheit gearbeitet, Wulff werde dort eine große Rede halten. Auch blickte man weit voraus ins Jahr 2014, das ein großes Gedenkjahr werden soll: Hundert Jahre Ausbruch Erster Weltkrieg, 75 Jahre Ausbruch Zweiter Weltkrieg, 25 Jahre Fall der Mauer - hier würde man wichtige Akzente setzen können.

Akzente, mit denen er derzeit leider nicht durchdringe - das hatte Wulff wohl am deutlichsten bei seiner Rede zum Jahrestag der Wannsee-Konferenz Ende Januar gespürt. Bis die Vorwürfe sich in nichts auflösen würden, hinderten die Medien ihn daran, sein Amt auszuüben.

Doch gefährlich werden konnte ihm nur noch die Justiz, denn der Antrag der Ermittlungsbehörden auf Aufhebung seiner Immunität zeigte die Grenzen des besonderen Schutzes des Präsidentenamtes im Grundgesetz auf, hinter dem sich Wulff verschanzte. Er schien bis zuletzt gewillt, so weit zu gehen, der Öffentlichkeit Erklärungen seines Anwalts zuzumuten, er habe die Kosten für das Sylter Hotel, die sein "Freund" Groenewold für ihn per Kreditkarte "ausgelegt" habe, später in bar beglichen. Bis zuletzt heißt: bis zum Donnerstagnachmittag, als das Schloss Bellevue erste Hinweise aus Hannover erreichten, die Staatsanwaltschaft werde nicht - wie eigentlich angekündigt - in den nächsten Wochen die Vorwürfe sorgfältig prüfen, sondern noch am Abend die Bombe platzen lassen. Diese Nachricht muss Wulff schlagartig wieder in die Realität geholt haben. Noch am Abend telefonierte er dem Vernehmen nach mit der Kanzlerin.

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