https://www.faz.net/-gpf-9h0ty

Türkische Religionsbehörde : Gummiball zwischen Hannover und Ankara

Der ganze Stolz der Ditib: Zentralmoschee in Köln-Ehrenfeld Bild: dpa

Aus Frust über den türkischen Einfluss hat in Niedersachsen die Ditib-Führungsriege hingeworfen. Ein unabhängiger Verband will sich gründen – aber er hat es nicht leicht.

          Im Hauptberuf stellt Yilmaz Kilic Gummibälle her. Der türkischstämmige Geschäftsmann beschreibt die Sportgeräte aus Naturkautschuk als formstabil und robust. Zuletzt kam sich Kilic selbst jedoch wie ein Gummiball vor, der allmählich an seine Belastungsgrenze stößt. Als ehrenamtlicher Vorsitzender des türkischen Moscheeverbands Ditib in Niedersachsen und Bremen bekam Kilic es mit immer stärkerer Einflussnahme aus Ankara zu tun.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Langjährige Beobachter berichten darüber, dass Kilic schon seit Monaten tief frustriert gewesen sei. Am Sonntag mündete der Konflikt zwischen Kilic und seinen Verbandsoberen in einen Eklat. Kilic beklagte sich öffentlich über die „wachsende Einmischung“ insbesondere des türkischen Religionsattachés in Deutschland auf den Ditib-Landesverband und trat von seinem Amt zurück. Seine Vorstandskollegen und auch die Vorstände des Jugend- und Frauenverbandes taten es Kilic gleich und gaben ebenfalls ihre Ämter auf.

          In Ankara und Köln, wo der Ditib-Bundesverband und das türkische Generalkonsulat ihren Sitz haben, hatte man Kilic offenbar schon länger loswerden wollen. Um öffentliches Aufsehen zu vermeiden, soll Kilic dem Vernehmen nach jedoch nahegelegt worden sein, gesundheitliche Gründe oder Überlastung für sein Ausscheiden anzugeben. Doch Kilic, der den Verband seit 2011 führte, wählte den Gang an die Öffentlichkeit und machte damit die Spannung kenntlich, die sich durch die Ditib zieht: Auf der einen Seite stehen Kräfte, die Präsident Erdogan folgen und Ditib-Moscheen mehr oder minder als Filialen der türkischen Religions- und Ethnopolitik auf deutschem Boden verstehen.

          „Echter Rückschlag“

          Auf der anderen Seite finden sich gemäßigte Muslime wie Yilmaz Kilic zusammen, die gerne eine stärkere Integration in die deutsche Gesellschaft sähen. Die Fronten zwischen beiden Strömungen haben sich in den vergangenen Jahren, insbesondere seit dem Putschversuch in der Türkei im Juli 2016, verschärft. Und die Folgen des immer autokratischeren Regierungsstils Erdogans reichen längst bis nach Hannover.

          Schon wenige Monate nach dem Putschversuch hatte sich die damalige rot-grüne Landesregierung in Niedersachsen im Januar 2017 von ihrem zentralen integrationspolitischen Projekt verabschiedet, dem geplanten Vertrag zwischen dem Land Niedersachsen und den islamischen Verbänden Ditib und Schura. Der Ditib-Landesvorsitzende Kilic und der im Frühjahr 2016 ebenfalls aus dem Amt gedrängte Vorsitzende des Moscheeverbands Schura, Avni Altiner, hatten sich intensiv um ein Zustandekommen des Vertrags bemüht.

          Nach dem Rücktritt der gesamten Ditib-Führung am Wochenende wird in Niedersachsen nun gefragt, ob nicht auch die bereits bestehenden Kooperationen zwischen dem Land und dem Verband beim Religionsunterricht oder bei der Gefängnisseelsorge beendet werden sollen. All dies müsse nun „auf den Prüfstand“, fordert der CDU-Fraktionsvorsitzende Dirk Toepffer. Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) bezeichnete den Rücktritt von Kilic als „echten Rückschlag“ und kündigt ebenfalls an: „Die weitere Zusammenarbeit wird nun zu überprüfen sein.“

          Weitere Themen

          Das steht im Mueller-Bericht Video-Seite öffnen

          Be- oder Entlastung für Trump? : Das steht im Mueller-Bericht

          Präsident Donald Trump sieht sich durch den Bericht von Sonderermittler Mueller komplett entlastet. Doch Mueller entlastet Trump keineswegs vom Vorwurf, im Wahlkampf mit Russland zusammengearbeitet zu haben.

          Topmeldungen

          Busunglück von Madeira : Das Gaspedal oder die Bremsen

          Nach dem schweren Busunglück auf Madeira mit 29 Toten wird über die Ursache gerätselt. Augenzeugen berichten, dass der Fahrer vergeblich versuchte, den Bus gegen eine Mauer zu steuern. Bremsspuren soll es keine geben.

          Brisantes Werbevideo : Kamerahersteller Leica droht Bann in China

          Das Massaker auf dem Tiananmen ist in China ein Tabu-Thema. Der Kamerahersteller Leica bringt es nun in einem Werbevideo zur Sprache. Wie reagiert der Leica-Kunde Huawei?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.