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Rosenholz-Datei : Ein labyrinthisches System von Listen

Wallraffs Eintrag in der Datei Bild: ho

Der Fall Wallraff ist möglicherweise erst das erste Wetterleuchten eines kommenden Gewitters. Durch die sogenannte Rosenholz-Datei müssen auch im Westen frühere inoffizielle Mitarbeiter der Stasi mit ihrer Enttarnung rechnen.

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          Mit "Rosenholz", dem Dateienmaterial, das jetzt Günter Wallraff zu schaffen macht und eine weitere Seite seines facettenreichen Charakters zutage treten läßt, ist das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der untergegangenen DDR zu einem gesamtdeutschen Phänomen geworden.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Denn seit den frühen neunziger Jahren, als die verschwunden geglaubte Agentendatei des MfS beim amerikanischen Geheimdienst wieder auftauchte, wird immer klarer, daß nicht nur die Gesellschaft Ostdeutschlands, sondern auch die des Westens von einem verdeckten Netz der Einflußnahme durchzogen war. Schon vorher war zwar bekannt gewesen, daß die DDR in der Bundesrepublik geheime Kontakte zu Spionen und Sympathisanten unterhielt, daß sie mit Geld, Druck, guten und bösen Worten zur Zusammenarbeit lockte und zwang. Seit "Rosenholz," die Liste der Spione, aber vorliegt, kann im Einzelfall überprüft werden, wer was tat.

          Mysteriöse Umwege

          Der Weg der Daten liegt im Dunklen. Der Stasi-Auslandsspionage HVA war es in den Monaten der Wende (anders als den meisten Inlandsabteilungen) gelungen, ihre Akten fast vollständig zu vernichten. Wie es geschehen konnte, daß gerade das Herz des Materials, die Klarnamenslisten der Agenten in West und Ost, schließlich an die Vereinigten Staaten gelangte, ist niemals glaubwürdig dargestellt worden. Sicher ist lediglich, daß die Akten auf Mikrofilme zurückgehen, auf denen die HVA ihre Agentenbestände 1988 routinemäßig zusammengefaßt hat.

          Welchen Weg die Filmrollen danach nahmen, ist unklar. Mehrere Theorien sind im Umlauf, die alle darauf hinauslaufen, daß jemand in der Welt der östlichen Geheimdienste, sei es bei der Stasi selbst oder beim sowjetischen KGB, das Material in den Wirren der Wende den Amerikanern zuspielte. Manche Versionen erwähnen in der Folge mysteriöse Todesfälle und Autounfälle.

          Mehrere Sicherheitsstufen

          Archivtechnisch ist "Rosenholz" ein Sammelbegriff für mehrere ineinandergreifende Listen. Das System ist labyrinthisch, weil die HVA darauf achtete, selbst ihren eigenen hauptamtlichen Mitarbeitern so wenig Einzelfallkenntnis wie möglich zu verschaffen. Erst in mehreren Stufen gelingt es deshalb, von kryptischen Ziffernreihen zu Taten und Identitäten vorzustoßen. "Vorgänge" der HVA, also etwa das Führen eines Agenten, aber auch die Drangsalierung eines Gegners, sind unter Registriernummern zusammengefaßt, und erst in mehreren separaten Listen, die einzeln abgefragt werden müssen, ist aufgeführt, wer innerhalb eines "Vorgangs" Opfer, Täter und unbeteiligter Dritter war, wie sein Deckname war, - und wie er, abermals separat aufgeführt, mit bürgerlichem Namen hieß.

          Was jeder Spion im einzelnen lieferte, wen er abschöpfte oder verriet, kann aus einer weiteren Auflistung entnommen werden, die - unabhängig von "Rosenholz" - bei der Gauck-Behörde entschlüsselt worden ist: der Datei "Sira", dem Posteingangsbuch der HVA. Hier ist in kurzen Zusammenfassungen aufgeführt, was welcher Spion wann der Stasi zugespielt hat.

          Wallraff womöglich erst der Anfang

          Die Vereinigten Staaten haben Deutschland das Aktenmaterial früh zugänglich gemacht. In den neunziger Jahren fuhren deutsche Staatsanwälte nach Washington, um für Spionageprozesse in mühsamen handschriftlichen Einzelkopien aus den Mikrofilmen Material zu sammeln. Zahlreiche Spione sind damals in der Folge verurteilt worden, unter ihnen auch der Spitzenagent „Topas" der jahrelang bei der Nato gearbeitet und Geheimnisse verraten hatte.

          Diese strafrechtliche Aufarbeitung gilt allerdings als abgeschlossen, seit der Straftatbestand der Spionage für die DDR verjährt ist. Seit dem Juni dieses Jahres allerdings können statt Staatsanwälten jetzt Wissenschaftler und Journalisten das übrige Material erschließen. Die Vereinigten Staaten haben "Rosenholz", auf Disketten gespeicherte Kopien der erbeuteten Mikrofilme, in den letzten Jahren schrittweise an die Gauck-Behörde in Berlin zurückgegeben. Im Juni wurde die Geheimhaltung aufgehoben. Presse und Forschung können seither nach dem Stasi-Unterlagengesetz Einblick verlangen. Die meisten noch nicht enttarnten Inoffiziellen Mitarbeiter (IM) der Stasi im Westen müssen deshalb im Lauf der kommenden Jahre mit ihrer Enttarnung rechnen. Der Fall Wallraff ist dabei möglicherweise erst das erste Wetterleuchten eines kommenden Gewitters.

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