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Roma in Mannheim : Auf dem Arbeiterstrich

Sozialer Abstieg: Frau Böhmer in der Alphornstraße Bild: KUNZ / Augenklick

Das Mannheimer Arbeitsamt darf Armutsflüchtlingen aus Bulgarien keine Sprachkurse anbieten. Dabei sind ein Fünftel von ihnen Akademiker.

          Die Neckarstadt-West in Mannheim ist ein Arbeiterviertel. Weil es seit Jahrzehnten fest in der Hand von türkischstämmigen Deutschen ist, heißen die Lebensmittelgeschäfte hier „Ucuz-Market“ und in den Schaufenstern der Bäckereien liegen türkische Pizzen. 60 Prozent der Einwohner der Neckarstadt-West kommen aus Einwandererfamilien, die Arbeitslosenquote ist doppelt so hoch wie in Mannheim insgesamt und nur 15 Prozent der Kinder haben eine Gymnasialempfehlung. Auf einem Plakat der SPD steht „Armut bekämpfen“. Es wirbt für eine Veranstaltung mit der baden-württembergischen Sozialministerin Katrin Altpeter.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Seit ein paar Jahren erlebt das Stadtviertel eine neue Einwanderungswelle. Aus Bulgarien kommen türkischstämmige Einwanderer nach Mannheim, 6000 sind es mittlerweile. Von Politikern werden sie „Armutsflüchtlinge“ genannt. Weil seit dem Beitritt von Rumänien und Bulgarien in die Europäische Union aus diesen Ländern immer mehr Einwanderer kommen, warnte der Deutsche Städtetag kürzlich mit einem Positionspapier vor einer explosiven sozialen Lage und Integrationsproblemen. Seit Januar gibt es zu dem Thema auch eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe.

          „Die ganze Zeit war das egal, jetzt wird es auf einmal ein Thema“, sagt Monir Bujic, dessen Vater Tunesier war, der aber wie ein Kurpfälzer spricht und denkt. „Die sind arm, die müssen jetzt mal einen Beruf lernen, damit sie vorwärts kommen. Ich würde auch nicht in Bulgarien leben wollen“, meint er. „Soll man sie wieder heim schicken? Natürlich nicht. Scheuklappen runter, dann geht das schon“, sagt der türkischstämmige Bekin Kacan. Die sozial prekäre Lage der Armutseinwanderer in der Neckarstadt und im Stadtteil Jungbusch kennen Monir und Bekin gut: An einer Tankstelle gebe es einen „Arbeiterstrich“ für Schwarzarbeiter. Viele würden für einen Tageslohn von 40 Euro arbeiten, skrupellose Vermieter würden ihnen teure Wohnungen andrehen.

          Dann fahren in der Mittelstraße drei Limousinen vor. Maria Böhmer (CDU), die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, will sich einen Eindruck verschaffen. Der Quartiersmanager Gabriel Höfle und Mannheims Ordnungsbürgermeister Christian Specht (CDU) begleiten sie dabei. „Die Menschen sind gekommen, weil sie bleiben möchten, darauf müssen wir uns einstellen“, sagt die Integrationsbeauftragte. „Es darf nicht bei diesen Niedrig-Niedrig-Löhnen bleiben, sonst können wir das kriminelle Milieu nicht trocken legen“, sagt der Quartiersmanager Gabriel Höfle zu seinen Besuchern aus Berlin. Dann macht sich der Tross auf in ein Eltern-Kind-Zentrum und in eine armselige Unterkunft der Einwanderer in der Alphornstraße. Der Inhaber des Mietshauses ist zahlungsunfähig, bis vor kurzem sind baufällige Dreizimmerwohnungen dennoch für 700 Euro an mittellose Familien aus Rumänien vermietet worden. Abkassiert wurde in bar. Im Hinterhof stapeln sich blaue und gelbe Müllsäcke, eine herumliegende Glasscheibe ist eine Todesfalle für Kinder. Frau Böhmer besichtigt eine Wohnung im dritten Stock, die Wände sind feucht, die Heizung kaputt, die schmale Toilette für zwei Familien viel zu klein und völlig baufällig. Aus der Wand hängen Kabel. „Raffiniert gemacht“, bemerkt Frau Böhmer voller Entsetzen. „Wir sind gekommen, weil wir gehofft haben, dass unsere Kinder hier eine Zukunft haben“, sagt die junge, aus der bulgarischen Stadt Pavlikeni stammende Mutter. Ihr Mann erzählt, er habe in Bulgarien auf dem Bau gearbeitet. Die Politiker sind sich bei der Begehung schnell einig: Mit Sprachkursen und niederschwelligen Integrationsangeboten sei den Armutseinwanderern am besten geholfen. Doch bis zum 1. Januar 2014, wenn auch für Bulgaren und Rumänen in Europa die volle Freizügigkeit gilt, zahlt den Flüchtlingen niemand diese Kurse. Die Jobcenter der Arbeitsämter tun das nur, wenn ihre Klienten dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen.

          „Wir dürfen nicht die Fehler der Vergangenheit wiederholen. Wir wollen, dass Integration von Anfang an passiert, deshalb brauchen wir diese Integrationskurse, damit haben wir gute Erfahrungen gemacht“, sagt Frau Böhmer. Dass in einigen Medienberichten das Phänomen der Armutseinwanderung mit den Schwierigkeiten der in Südosteuropa verfolgten Roma gleichgesetzt worden ist, stößt bei Hermann Genz, dem Leiter des Mannheimer Sozialamtes, auf Unverständnis. Die Mehrzahl der Mannheimer Armutsflüchtlinge kommt aus Bulgarien, gehörte dort der türkischsprachigen Minderheit an.

          Für die Statistiker der Stadt ist es nahezu unmöglich, die Einwanderergruppe nach ethnischer Herkunft zu differenzieren, der Anteil der Roma liegt aber zwischen sieben und neun Prozent. „Das ist die Minderheit. Viele Roma kommen übrigens aus Frankreich hierher, weil sie von der dortigen Regierung vertrieben worden sind“, sagt Genz. Der Amtsleiter hat für 500 Einwanderer, wie er sagt, ein „Tiefen-Profiling“ erstellt. Danach wäre es durchaus möglich, diese Einwanderer in den deutschen Arbeitsmarkt zu vermitteln. „20 Prozent haben einen Hochschulabschluss, 40 Prozent einen brauchbaren Berufsabschluss, es sind also verwertbare Qualifikationen“, sagt Genz. Die meisten der bulgarischen Einwanderer seien „hochmotiviert“, man dürfe sie nicht illegalen Strukturen überlassen.

          Das baufällige Haus in der Alphornstraße soll demnächst geräumt werden. Als die Integrationsbeauftragte das Mietshaus verlässt, kommt Unruhe unter den Bewohnern auf. Sie haben Angst vor Obdachlosigkeit. „Für alle, die bei der Mieterversammlung waren“, versichert Hermann Genz, „wird es demnächst eine städtische Wohnung geben.“

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