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Roma aus Fântânele : Auf halbem Weg zum Paradies

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Erinnerung an Pralinen von deutschen Soldaten: Constantin Nicolae (links) und Sandu Miriuta (Mitte) Bild: Freedom House Romania

Von den 7000 Bewohnern des Roma-Dorfs Fântânele sind tausend nach Neukölln in die Harzer Straße gezogen. Die Verbliebenen beten für Kanzlerin Merkel.

          Vogelschwärme kreisen über den schmucken Häuschen. Sie sind von mannshohen Ziegelwänden umgeben, um Hof und Garten vor neidischen Blicken zu schützen. Die Frauen fegen mit langen Strohbesen die Straße, dann streichen sie ihre bunten Röcke zurecht, stellen Stühle vor die Tore und putzen die grünen Bohnen für das Abendessen. Im Schatten der Bäume erzählen sich die Männer Geschichten. Gold und Silber blitzen auf, wenn sie lachen. Es wird viel gelacht. In kleinen Gruppen promeniert die Dorfjugend, da die frechen Jungs, dort die kichernden Mädchen. Ein Auto mit Berliner Kennzeichen fährt vorbei, gut gelaunte junge Männer winken und rufen: „Berlin! Berlin gut!“ Willkommen in Fântânele, einem Roma-Dorf, in dem man Deutschland liebt.

          Es herrscht reger Verkehr zwischen Neukölln und Fântânele, nicht nur im Sommer, wenn viele der ausgewanderten Roma zurückkehren, um ihre Verwandten zu besuchen. Dumitru Godelea wird gerufen, der Pastor der Pfingstgemeinde. Verschwitzt eilt er aus dem Garten herbei und entschuldigt sich, er habe noch keine Zeit gehabt, sich umzuziehen. Seit bekannt wurde, dass an die tausend Roma aus der rund 7000 Einwohner zählenden Gemeinde ihren Wohnsitz in die Harzer Straße, Berlin-Neukölln, verlegten, hat Pastor Godelea viele Journalisten empfangen. Für morgen, sagt er, habe sich ein britisches Fernsehteam angesagt. Er wird es in die Kirche führen, in der sich seine Gemeinde mehrmals in der Woche versammelt, und er wird von dem Gebet erzählen, das er für Kanzlerin Merkel, den Bürgermeister in Berlin und die vielen anderen guten Deutschen verfasste.

          Alle wollen nach Berlin

          So eine wie Angela Merkel, sagt der Pastor, würde man hier wirklich brauchen, dann würde es auch mit Rumänien endlich aufwärtsgehen. Die Männer im Kreis nicken und murmeln beifällig. Einer deutet auf den zerkratzten Bildschirm seines Smartphones. Die deutsche Bundesregierung verschärfe das Aufenthaltsrecht, meldet ein rumänisches Internetportal. Wer keine Arbeit finde, müsse wieder nach Hause. „Das ist ganz richtig“, sagt der Pastor, „warum soll einer Geld kriegen, wenn er nicht arbeitet?“ Neukölln liegt auf halbem Weg zum Paradies. Da muss man sich schon anstrengen.

          Die Augen der Kinder leuchten bei der Frage, ob auch sie nach Berlin wollten. Natürlich wollen sie das. Was für deutsche Jugendliche in den fünfziger Jahren Amerika war, ist für sie Deutschland. Bei all dem, was in diesem Land geschehen sei, sagt Constantin Nicolae, sei es ein Wunder, dass gerade die Deutschen die Roma so gut behandelten. Schlimm sei es gewesen während des Kriegs. Er erinnere sich aber auch gut an deutsche Soldaten im Dorf, die den Kindern heimlich Pralinen zugesteckt hätten. Erst die Russen hätten die Häuser geplündert und den Roma alles weggenommen. Herr Sandu Miriuta ist um zwanzig Jahre jünger. Auf das Stichwort Deutschland preist er mit ausladenden Gesten die Qualität deutscher Musikinstrumente. Er selbst habe ein Hohner-Knopfakkordeon besessen, „das beste Akkordeon der Welt“. Beide Männer haben mehrere Verwandte in Berlin. Immer mehr gingen weg, sagen sie. Früher habe es hier tausend Kinder gegeben, jetzt seien es nicht mehr halb so viele. Traurig sei das schon, aber so sei es halt nun einmal.

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