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Zweite Welle : Positiv-Quote bei Corona-Tests erreicht vorläufigen Höchstwert

Lothar Wieler am Donnerstag in Berlin Bild: Reuters

Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts flacht die Kurve der Neuinfektionen langsam ab. Entwarnung geben mag Präsident Lothar Wieler deshalb noch lange nicht. Im Gegenteil: Eine Entwicklung beunruhigt ihn.

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          Er sei zwar „vorsichtig optimistisch“, weil die Zahlen der neu gemeldeten Infektionen mit dem Coronavirus seit einigen Tagen etwas weniger stark steigen als zuvor, sagte Lothar Wieler. Aber von einer Entwarnung war der Präsident des Robert-Koch-Instituts am Donnerstag dann doch weit entfernt. „Die Lage ist nach wie vor sehr ernst“, sagte Wieler.

          Kim Björn Becker

          Redakteur in der Politik.

          Am Morgen hatte seine Behörde, die dem Bundesgesundheitsministerium untersteht, 21.866 Neuinfektionen binnen eines Tages gemeldet. Die Zahl der registrierten Ansteckungen seit dem Beginn der Pandemie stieg damit auf 727.553. Insgesamt sind im Zusammenhang mit dem Virus bereits 11.982 Menschen in Deutschland gestorben. Binnen eines Tages kamen demnach 215 Todesfälle hinzu.

          Diese Zahlen stimmen Wieler nachdenklich. Es sei zwar erfreulich, dass sich die Kurve der Neuinfektionen langsam abflache, sagte Wieler. Aber niemand könne derzeit sagen, ob es sich dabei um eine „stabile Entwicklung“ handele. Ob der abermalige Lockdown dazu führt, dass die Zahlen sinken, sei unklar. Wieler sagte, um das zu beurteilen, sei es noch zu früh. Maßnahmen wie die Einschränkungen des öffentlichen Lebens zeigen sich erst mit einiger Verzögerung in den Zahlen.

          Immer mehr Tests positiv

          Ute Rexroth leitet das Corona-Lagezentrum beim Robert-Koch-Institut. Sie sagte, die leicht niedrigeren Zahlen könnten damit zu tun haben, dass die strengeren Maßnahmen langsam wirkten. „Es kann auch daran liegen, dass die Laborkapazitäten langsam ausgeschöpft werden.“

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          Die medizinischen Labore sind nach wie vor an der Belastungsgrenze, was das Aufkommen an Coronatests angeht. Laut dem jüngsten Bericht meldeten etwa 190 Labore bundesweit zuletzt, dass sie knapp 1,6 Millionen Tests je Woche auswerten. Die reale Testkapazität liegt nur unwesentlich höher bei knapp 1,7 Millionen je Woche.

          Zu den hohen Infektionszahlen passt, dass immer mehr Tests positiv ausfallen. Die Quote erreichte zuletzt mit 7,9 Prozent einen vorläufigen Höchstwert für die zweite Welle der Pandemie. Lediglich im Frühjahr lag der Anteil positiver Tests kurzzeitig noch höher. Damals wurde allerdings auch wesentlich weniger getestet als derzeit.

          Das Robert-Koch-Institut mahnt, dass die Überlastung der Labore dazu führen kann, dass Testergebnisse erst mit Verzögerung an die Gesundheitsämter gemeldet werden. Zuletzt meldeten 66 Labore einen Rückstau bei der Untersuchung von Abstrichproben, was insgesamt etwas mehr als 60.000 Proben betraf. Damit sank der Rückstau wieder, in der Woche davor hatte er noch bei knapp 100.000 Proben gelegen.

          Auch Ärzte und Pfleger infiziert

          Beunruhigend ist aus Sicht Wielers vor allem eine recht neue Entwicklung. Im Herbst waren zunächst vor allem Jüngere mit dem Coronavirus infiziert, die tendenziell seltener schwer an Covid-19 erkranken. Nun trifft es wieder vermehrt die Älteren. „Wir sehen einen steigenden Anteil von Patienten, die älter als 60 Jahre sind“, sagte Wieler. Seit dem Sommer ist das Durchschnittsalter von Neuinfizierten von 32 auf 41 Jahre gestiegen.

          Welche Bedeutung das Alter der Infizierten hat, zeigt eine Langzeiterhebung des Instituts. Seit dem Beginn der Pandemie in Deutschland beträgt der Anteil der Infizierten, die älter als 70 Jahre sind, nur zwölf Prozent. Diese Altersgruppe steht aber für 86 Prozent derer, die mit oder an dem Virus starben. „Die Zahl der Todesfälle wird weiter steigen“, sagte Wieler. Auch die Zahl der Patienten, die mit schweren Covid-19-Symptomen auf der Intensivstation behandelt werden müssen, werde sich erhöhen. Wieler sagte: „Wir müssen damit rechnen, dass Kliniken an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen.“

          Wie sehr die Krankenhäuser bereits wegen Corona unter Druck sind, zeigten die jüngsten Zahlen des bundesweiten Intensivregisters. Demnach wurden am Mittwochmittag 3127 Infizierte intensivmedizinisch versorgt, mehr als die Hälfte von ihnen mussten künstlich beatmet werden. Damit liegen derzeit fast 300 Menschen mehr wegen Corona auf der Intensivstation als im Frühjahr, auf dem Höhepunkt der sogenannten ersten Welle. Weil binnen eines Tages 68 Patienten hinzukamen, mahnt Wieler auch in diesem Punkt zur Sorge.

          Hinzu kommt, dass auch immer mehr Krankenhausmitarbeiter sich mit dem Virus anstecken und dadurch ausfallen. Derzeit sind schätzungsweise etwa 1700 Ärzte und Pfleger, die in Praxen und Krankenhäusern tätig sind, mit dem Virus infiziert. Seit dem Beginn der Pandemie hat es unter dem medizinischen Personal bereits etwa 21.000 Ansteckungen gegeben (auch Ärzte selbst, wie wir berichtet haben). Was Krankenhäuser betrifft, mahnt Wieler zu Aufmerksamkeit. „Das Personal stellt zunehmend einen Engpass dar, durch hohe Infektionszahlen sind auch mehr Mitarbeiter betroffen“, sagte er.

          Erste Kliniken verschieben wieder Operationen

          „Es kommt zunehmend zu akuten Einschränkungen des Betriebs aufgrund von Personalmangel.“ Die Zahl der Kliniken, die deswegen Ausfälle bei der Patientenversorgung melden musste, habe sich binnen vier Wochen verdoppelt, so Wieler. „Wahlweise muss der Regelbetrieb schon wieder eingestellt werden, um Ressourcen für Intensivstationen bereitzuhalten.“ Das bedeutet, dass zum Beispiel Operationen, die nicht dringlich sind, verschoben werden. So war es bereits im Frühjahr, damit die Krankenhäuser möglichst ihr gesamtes Personal auf die Versorgung von schwerkranken Covid-19-Patienten konzentrieren konnten.

          Für den Präsidenten des Robert-Koch-Instituts kommt es darauf an, dass die Zahl der Neuansteckungen möglichst schnell sinkt. „Wir müssen die Infektionen wieder auf ein Level bringen, mit dem Gesundheitsämter und Krankenhäuser umgehen können“, sagte er. Ob der Lockdown, der zunächst bis Ende November läuft, verlängert wird, ist offen. Sicher ist nach Angaben von Wieler aber, dass die Menschen weiterhin mit Einschränkungen leben werden. Er sagte: „Wir müssen noch ein paar Monate die Pobacken zusammenkneifen.“

          Auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) rechnet für den Winter mit anhaltenden Corona-Einschränkungen. Auch wenn die Infektionszahlen durch den Lockdown im November sinken würden, bedeute das nicht, dass es von Dezember oder Januar an wieder überall richtig losgehe und es wieder Hochzeitsfeiern und Weihnachtsfeiern geben könne, als wäre nichts gewesen, sagte Spahn dem RBB. „Deswegen finde ich schon jetzt die Botschaft wichtig: Veranstaltungen mit mehr als zehn, fünfzehn Personen sehe ich in diesem Winter nicht mehr.“

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