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Richard von Weizsäcker zum 90. : Der ungeteilte Präsident

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Richard von Weizsäcker und seine Ehefrau Marianne Bild: picture alliance / dpa

Lange erschien er vielen Deutschen als eine Art Gegenbild zum Machtpolitiker Kohl. In seine beiden Amtsperioden als Bundespräsident war er beliebt und blieb es auch danach. Wenn Richard von Weizsäcker das Wort ergreift, ist ihm immer noch Aufmerksamkeit gewiss. An diesem Donnerstag feiert er seinen 90. Geburtstag.

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          Seine beiden Amtsperioden als Bundespräsident liegen fast 16 Jahre zurück. Richard von Weizsäcker, der heute den 90. Geburtstag feiert, genießt dennoch nach wie vor hohes Ansehen und große Beliebtheit. Wenn er das Wort ergreift oder Bücher veröffentlicht, ist ihm Aufmerksamkeit gewiss. Seinen Verehrern im In- und Ausland gilt er als ideale Verkörperung des höchsten Staatsamts, zumal der wort- und weltgewandte Adelige sich stets oberhalb der Niederungen der Parteien wähnte.

          Weizsäcker entstammt einer Familie von Gelehrten und Staatsdienern. Der Urgroßvater war Theologieprofessor und Universitätsrektor, der Großvater Ministerpräsident im Königreich Württemberg, der Vater Seeoffizier, Diplomat und Staatssekretär, ein Onkel Begründer der psychosomatischen Medizin. Nach dem Abitur in Berlin studierte er kurz in Oxford und Grenoble, absolvierte den Reichsarbeitsdienst und erhielt im traditionsbewussten Infanterieregiment 9 in Potsdam preußischen Schliff zum Wehrmachtssoldaten.

          Im Zweiten Weltkrieg kam er als Regimentsadjutant „in Kontakt mit zahlreichen Männern des militärischen Widerstandes, war über ihr Vorhaben informiert, nicht jedoch aktiv hineingezogen“ (Rudolf Vierhaus). Bei Kriegsende war er Hauptmann. 1945 nahm er das Jurastudium mit dem Nebenfach Geschichte in Göttingen auf, das er mit beiden Staatsexamen und der Promotion über Vereinsrecht abschloss.

          Der Jubilar: Richard von Weizsäcker

          Den Vater im Nürnberger Prozess verteidigt

          Als sein Vater Ernst, von 1938 bis 1943 Staatssekretär des Auswärtigen Amts, von den Alliierten verhaftet und angeklagt wurde, unterbrach er sein Studium und unterstützte den Verteidiger Hellmut Becker (den späteren „Bildungsbecker“) im Nürnberger „Wilhelmstraßenprozess“ 1948/49. Die amerikanische Anklage sah in Ernst von Weizsäcker einen Kriegsverbrecher, der 1942 keine Einwände gegen die Deportation von Juden aus Frankreich nach Auschwitz erhoben und daran sogar bürokratisch mitgewirkt hatte.

          Dem setzte die Verteidigung mit einem geschickten Aufgebot von Zeugen das Bild entgegen, dass der Staatssekretär ein Mann des Widerstandes gegen Hitler gewesen sei, der nicht gewusst habe, was sich hinter dem Namen Auschwitz verberge. Diese Darstellung hielt sich über Jahrzehnte unter Berufung auf Hans Rothfels (“Die deutsche Opposition gegen Hitler“) und durch Pflege in der Wochenzeitung „Die Zeit“. Deren Herausgeberin Marion Gräfin Dönhoff war mit Richard von Weizsäcker und dessen acht Jahre älterem Bruder Carl Friedrich, der es als Physiker und Philosoph zu Ruhm brachte, befreundet.

          Nach dem Studium erwog Weizsäcker kurz, Mitarbeiter des Instituts für Zeitgeschichte in München zu werden, bewarb sich für den Auswärtigen Dienst (was an Staatssekretär Hallstein gescheitert sein soll) und entschied sich für die Wirtschaft. 1953 fing er bei Mannesmann in Düsseldorf an. 1958 wechselte er als persönlich haftender Gesellschafter zur Düsseldorfer Privatbank Waldthausen; die Mutter seiner Ehefrau Marianne war eine Adoptivtochter des Bankgründers Fritz von Waldthausen. 1962 trat er in die Geschäftsleitung von Boehringer in Ingelheim ein (bis 1966); die Familien Weizsäcker und Boehringer verband eine lange Freundschaft.

          Mit der Berufung in das Präsidium des Deutschen Evangelischen Kirchentages trat er 1962 in die Fußstapfen Fritz von Waldthausens, der 1950 den Kirchentag in Essen maßgeblich ermöglicht hatte. Von 1964 bis 1970 und 1979 bis 1981 war Weizsäcker Präsident des Kirchentags, von 1968 bis 1975 Mitglied im Zentralausschuss des Ökumenischen Rats, von 1969 bis 1984 auch der Synode und des Rats der Evangelischen Kirche in Deutschland. Daraus ergaben sich seine vielfältigen Verbindungen zu den Kirchen in der DDR.

          Schon 1954 war er in die CDU eingetreten. Zehn Jahre später besuchte ihn der CDU-Fraktionsvorsitzende im rheinland-pfälzischen Landtag, Helmut Kohl, in Ingelheim. Der Katholik auf Talentsuche bewog den Protestanten, 1965 bei der Bundestagswahl zu kandidieren. Davon nahm Weizsäcker kurz vor der Wahl Abstand unter Hinweis auf seine Kirchentagsverpflichtungen. Auf Betreiben Kohls wurde er 1966 in den Bundesvorstand der CDU kooptiert und 1967 erstmals gewählt. Ende 1968 wurde er von Kohl gebeten, für das Amt des Bundespräsidenten zu kandidieren. Doch Weizsäcker fiel schon in der unionsinternen Vorentscheidung durch. 1969 zog er - über Platz zwei der rheinland-pfälzischen Landesliste - in den Bundestag ein.

          In der damals in die Opposition geratenen CDU/CSU-Fraktion trat er als deutschlandpolitischer Sprecher in den Auseinandersetzungen mit der SPD/FDP-Regierung Brandt/Scheel hervor. Schon im Sommer 1962 hatte er in einem Artikel in der „Zeit“ dafür plädiert, die Hallstein-Doktrin abzuschaffen, weil sie weder den Gedanken der Einheit befördert noch zu größeren Freiheiten für die Bevölkerung der DDR geführt habe.

          Sein abwägendes Urteil über den Moskauer und den Warschauer Vertrag missfiel vielen Mitgliedern der CDU/CSU-Fraktion. Doch trug er mit seinen Reden entscheidend dazu bei, dass sich die Mehrheit der Union der Stimme enthielt, was die Ratifizierung der beiden Vertragswerke erst ermöglichte. Weizsäckers Karriere nahm dadurch keinen Schaden. Ende 1971 wurde er auf Vorschlag Kohls der Leiter der CDU-Grundsatzkommission.

          Nach der Bundestagswahl 1972 wurde er im Mai 1973 einer der sechs Stellvertreter von Karl Carstens in der CDU/CSU-Fraktion, nachdem er selbst die Wahl zum Fraktionsvorsitzenden verloren hatte. 1974 kandidierte Weizsäcker ohne Aussicht auf Erfolg gegen den FDP-Vorsitzenden und Außenminister Walter Scheel für das Amt des Bundespräsidenten. Als die Union 1979 über die Mehrheit in der Bundesversammlung verfügte, durfte Bundestagspräsident Carstens Staatsoberhaupt werden. Weizsäcker trat daher in West-Berlin als CDU-Spitzenkandidat an. Die Rolle des Oppositionsführers nahm er nach der Wahl zum Abgeordnetenhaus nicht an, sondern gab dem Amt eines Bundestagsvizepräsidenten den Vorzug. Erst 1981 wurde er Regierender Bürgermeister von Berlin.

          Stete Entfremdung vom Förderer Kohl

          Weizsäckers Lebenstraum von der Villa Hammerschmidt ging schließlich doch in Erfüllung. Nunmehr gegen den Widerstand des CDU-Vorsitzenden und Bundeskanzlers Kohl setzte er „seine Kandidatur mit Beharrlichkeit und einem guten Stück Ehrgeiz schließlich durch, als Karl Carstens auf eine Wiederwahl verzichtete und sich die Chance bot“ (Günter Buchstab). Kohl lenkte ein und sagte, Weizsäcker habe die „Fähigkeit, Verständigung zu schaffen und in der Suche nach Orientierung voranzugehen“. Doch gleichzeitig begann die Entfremdung zwischen dem Förderer und dem lange Geförderten.

          832 von insgesamt 1017 Mitgliedern der Bundesversammlung votierten im Mai 1984 für Weizsäcker schon im ersten Wahlgang. Bei der Wiederwahl 1989 sprachen ihm sogar 881 der 1022 Wahlberechtigten das Vertrauen aus. Sein Ansehen im In- und Ausland begründete er mit seiner Ansprache vor dem Bundestag am 8. Mai 1985. Damals sagte er, jeder habe in der Zeit des Nationalsozialismus wissen können und müssen, „dass die Deportationszüge rollten“. Daher bewertete er den Tag der Kapitulation 1945 als „Tag der Befreiung“ - was auf breite Zustimmung, aber auch auf heftige Ablehnung stieß.

          Bis in den Herbst 1989 hinein erschien Weizsäcker vielen Deutschen als eine Art Gegenbild zum Partei- und Machtpolitiker Kohl, sogar als wortgewaltiger und moralisierender Überkanzler in der Villa Hammerschmidt, mit dem sich Intellektuelle aller Art identifizieren wollten. Jedoch schlug mit der friedlichen Revolution in der DDR und dem Ende des Sowjetsystems die Stunde der Exekutive, und Kohl ergriff beherzt und unbeirrt die geistig-moralische Führung.

          Demgegenüber rief Weizsäcker Verwunderung und Verwirrung hervor, als er nach dem Fall der Mauer ein „Zusammenwuchern“ der deutschen Staaten befürchtete, die Debatte um die Wiedervereinigung noch Anfang März 1990 als „sehr eskaliert“ und „verfrüht“ einstufte und die Bundespolitiker davor warnte, die DDR zu vereinnahmen oder die Deutsche Mark zum „Maßstab aller Dinge“ zu machen.

          Widerspruch rief allerdings auch sein frühzeitiges Eintreten für Berlin als Bundeshauptstadt im Juni 1990 hervor sowie seine Parteienschelte von Juni 1992. In einem „Zeit“-Interview warf er den Parteien vor, sie seien „machtversessen auf den Wahlsieg und machtvergessen bei der Wahrnehmung der inhaltlichen und konzeptionellen politischen Führungsaufgaben“.

          Vitaler Elder Statesman

          Seit dem Abschied aus dem höchsten Staatsamt am 30. Juni 1994 engagiert sich der ungebrochen vitale Weizsäcker in vielen Debatten, ist gefragt als Mitglied in Kommissionen und als Gast in Rundfunksendungen. Der Elder Statesman sorgt sich - wie jüngst aus seinem Bestseller „Der Weg zur Einheit“ hervorging - wohl etwas darum, dass seine Verdienste durch Kohls überragende Rolle als Kanzler der Einheit 1989/90 in Vergessenheit geraten.

          Sein Ehrentag belegt indessen, dass Weizsäckers frühe Initiativen in der Deutschland-Politik, sein Einsatz für die Aussöhnung mit den östlichen Nachbarn und - von 1990 an als erster Bundespräsident der vereinten West- und Ostdeutschen - sein Eintreten für die neuen Länder lange im Gedächtnis der Nation bleiben.

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