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Richard von Weizsäcker zum 90. : Der ungeteilte Präsident

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Weizsäckers Lebenstraum von der Villa Hammerschmidt ging schließlich doch in Erfüllung. Nunmehr gegen den Widerstand des CDU-Vorsitzenden und Bundeskanzlers Kohl setzte er „seine Kandidatur mit Beharrlichkeit und einem guten Stück Ehrgeiz schließlich durch, als Karl Carstens auf eine Wiederwahl verzichtete und sich die Chance bot“ (Günter Buchstab). Kohl lenkte ein und sagte, Weizsäcker habe die „Fähigkeit, Verständigung zu schaffen und in der Suche nach Orientierung voranzugehen“. Doch gleichzeitig begann die Entfremdung zwischen dem Förderer und dem lange Geförderten.

832 von insgesamt 1017 Mitgliedern der Bundesversammlung votierten im Mai 1984 für Weizsäcker schon im ersten Wahlgang. Bei der Wiederwahl 1989 sprachen ihm sogar 881 der 1022 Wahlberechtigten das Vertrauen aus. Sein Ansehen im In- und Ausland begründete er mit seiner Ansprache vor dem Bundestag am 8. Mai 1985. Damals sagte er, jeder habe in der Zeit des Nationalsozialismus wissen können und müssen, „dass die Deportationszüge rollten“. Daher bewertete er den Tag der Kapitulation 1945 als „Tag der Befreiung“ - was auf breite Zustimmung, aber auch auf heftige Ablehnung stieß.

Bis in den Herbst 1989 hinein erschien Weizsäcker vielen Deutschen als eine Art Gegenbild zum Partei- und Machtpolitiker Kohl, sogar als wortgewaltiger und moralisierender Überkanzler in der Villa Hammerschmidt, mit dem sich Intellektuelle aller Art identifizieren wollten. Jedoch schlug mit der friedlichen Revolution in der DDR und dem Ende des Sowjetsystems die Stunde der Exekutive, und Kohl ergriff beherzt und unbeirrt die geistig-moralische Führung.

Demgegenüber rief Weizsäcker Verwunderung und Verwirrung hervor, als er nach dem Fall der Mauer ein „Zusammenwuchern“ der deutschen Staaten befürchtete, die Debatte um die Wiedervereinigung noch Anfang März 1990 als „sehr eskaliert“ und „verfrüht“ einstufte und die Bundespolitiker davor warnte, die DDR zu vereinnahmen oder die Deutsche Mark zum „Maßstab aller Dinge“ zu machen.

Widerspruch rief allerdings auch sein frühzeitiges Eintreten für Berlin als Bundeshauptstadt im Juni 1990 hervor sowie seine Parteienschelte von Juni 1992. In einem „Zeit“-Interview warf er den Parteien vor, sie seien „machtversessen auf den Wahlsieg und machtvergessen bei der Wahrnehmung der inhaltlichen und konzeptionellen politischen Führungsaufgaben“.

Vitaler Elder Statesman

Seit dem Abschied aus dem höchsten Staatsamt am 30. Juni 1994 engagiert sich der ungebrochen vitale Weizsäcker in vielen Debatten, ist gefragt als Mitglied in Kommissionen und als Gast in Rundfunksendungen. Der Elder Statesman sorgt sich - wie jüngst aus seinem Bestseller „Der Weg zur Einheit“ hervorging - wohl etwas darum, dass seine Verdienste durch Kohls überragende Rolle als Kanzler der Einheit 1989/90 in Vergessenheit geraten.

Sein Ehrentag belegt indessen, dass Weizsäckers frühe Initiativen in der Deutschland-Politik, sein Einsatz für die Aussöhnung mit den östlichen Nachbarn und - von 1990 an als erster Bundespräsident der vereinten West- und Ostdeutschen - sein Eintreten für die neuen Länder lange im Gedächtnis der Nation bleiben.

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