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Richard von Weizsäcker zum 90. : Der ungeteilte Präsident

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Mit der Berufung in das Präsidium des Deutschen Evangelischen Kirchentages trat er 1962 in die Fußstapfen Fritz von Waldthausens, der 1950 den Kirchentag in Essen maßgeblich ermöglicht hatte. Von 1964 bis 1970 und 1979 bis 1981 war Weizsäcker Präsident des Kirchentags, von 1968 bis 1975 Mitglied im Zentralausschuss des Ökumenischen Rats, von 1969 bis 1984 auch der Synode und des Rats der Evangelischen Kirche in Deutschland. Daraus ergaben sich seine vielfältigen Verbindungen zu den Kirchen in der DDR.

Schon 1954 war er in die CDU eingetreten. Zehn Jahre später besuchte ihn der CDU-Fraktionsvorsitzende im rheinland-pfälzischen Landtag, Helmut Kohl, in Ingelheim. Der Katholik auf Talentsuche bewog den Protestanten, 1965 bei der Bundestagswahl zu kandidieren. Davon nahm Weizsäcker kurz vor der Wahl Abstand unter Hinweis auf seine Kirchentagsverpflichtungen. Auf Betreiben Kohls wurde er 1966 in den Bundesvorstand der CDU kooptiert und 1967 erstmals gewählt. Ende 1968 wurde er von Kohl gebeten, für das Amt des Bundespräsidenten zu kandidieren. Doch Weizsäcker fiel schon in der unionsinternen Vorentscheidung durch. 1969 zog er - über Platz zwei der rheinland-pfälzischen Landesliste - in den Bundestag ein.

In der damals in die Opposition geratenen CDU/CSU-Fraktion trat er als deutschlandpolitischer Sprecher in den Auseinandersetzungen mit der SPD/FDP-Regierung Brandt/Scheel hervor. Schon im Sommer 1962 hatte er in einem Artikel in der „Zeit“ dafür plädiert, die Hallstein-Doktrin abzuschaffen, weil sie weder den Gedanken der Einheit befördert noch zu größeren Freiheiten für die Bevölkerung der DDR geführt habe.

Sein abwägendes Urteil über den Moskauer und den Warschauer Vertrag missfiel vielen Mitgliedern der CDU/CSU-Fraktion. Doch trug er mit seinen Reden entscheidend dazu bei, dass sich die Mehrheit der Union der Stimme enthielt, was die Ratifizierung der beiden Vertragswerke erst ermöglichte. Weizsäckers Karriere nahm dadurch keinen Schaden. Ende 1971 wurde er auf Vorschlag Kohls der Leiter der CDU-Grundsatzkommission.

Nach der Bundestagswahl 1972 wurde er im Mai 1973 einer der sechs Stellvertreter von Karl Carstens in der CDU/CSU-Fraktion, nachdem er selbst die Wahl zum Fraktionsvorsitzenden verloren hatte. 1974 kandidierte Weizsäcker ohne Aussicht auf Erfolg gegen den FDP-Vorsitzenden und Außenminister Walter Scheel für das Amt des Bundespräsidenten. Als die Union 1979 über die Mehrheit in der Bundesversammlung verfügte, durfte Bundestagspräsident Carstens Staatsoberhaupt werden. Weizsäcker trat daher in West-Berlin als CDU-Spitzenkandidat an. Die Rolle des Oppositionsführers nahm er nach der Wahl zum Abgeordnetenhaus nicht an, sondern gab dem Amt eines Bundestagsvizepräsidenten den Vorzug. Erst 1981 wurde er Regierender Bürgermeister von Berlin.

Stete Entfremdung vom Förderer Kohl

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