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Reproduktionszahl R : Tückische Zahlen

Hat sich eine schwierige Zahl ausgesucht: Bundestagsvizepräsident Wolfgang Kubicki Bild: AFP

Was ist dran an der Kritik von Bundestagsvizepräsident Wolfgang Kubicki, kaum jemand verstehe die Reproduktionszahl R? Das Verständnis setzt zumindest ein gewisses Vorwissen voraus.

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          Wissenschaftliche Zahlen besitzen eine tückische Eigenschaft: Ihr Verständnis setzt ein gewisses Vorwissen voraus. Nicht nur muss man verstehen, was sie genau bezeichnen sollen, man muss auch wissen, wie sie entstanden sind. So sind Zahlen, die von voraussetzungsreichen Modellen generiert werden, anders zu lesen als Messwerte, die aus übersichtlichen experimentellen Anordnungen stammen. Diese leider kaum zu ändernde Tatsache prädestiniert wissenschaftliche Zahlen als einen Ausgangspunkt für Missverständnisse.

          Sibylle Anderl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die jüngsten Ausführungen des FDP-Politikers Wolfgang Kubicki zu den Schätzungen der Reproduktionszahl des Robert-Koch-Instituts (RKI) sind ein Beispiel für dieses Problem. Der aktuelle Wert „erschließe sich nicht einmal mehr den Wohlmeinendsten“, beklagte der Bundestagsvizepräsident am Dienstag. Zugegeben: Mit der Reproduktionszahl R hat sich Kubicki eine der voraussetzungsreicheren Zahlen im Kontext der Covid-19-Pandemie vorgenommen.

          Ihr intuitiver Abgleich mit den aktuellen Fallzahlen scheitert an mindestens drei Problemen: Erstens bezieht sich R auf den tatsächlichen Erkrankungsbeginn der Infizierten, während die aktuellen Fallzahlen nur spiegeln, wann die Meldungen beim RKI angekommen sind. Zwischen beiden Zeitpunkten liegen typischerweise 5 bis 10 Tage, zwischen Infektions- und Übermittlungzeitpunkt für viele Fälle etwa zwei Wochen. Zweitens gehen in die Berechnung von R die Daten der jüngsten drei Tage gar nicht ein, weil an diesen noch nicht genügend Meldungen vorliegen, um die Zahl der Neuerkrankungen zu schätzen. R ist damit kein Indikator für aktuelle Vorgänge. Drittens kann R auf verschiedene Weise ermittelt werden: statistisch direkt auf Grundlage der Fallzahlen (RKI) oder indirekt anhand eines epidemiologischen Modells (Helmholtz-Zentrum). Verschiedene Methoden liefern im Rahmen der entsprechenden Unsicherheiten verschiedene Schätzungen. Misstrauen wäre im Gegenteil dann angebracht, wenn dies nicht so wäre.

          Herr Kubicki muss sich mit diesen Details nicht auskennen, er sollte sich aber zumindest ihrer Existenz bewusst sein. So wie sich das RKI noch stärker bemühen sollte, eine Fehlinterpretation von R als Indikator tagesaktueller Entwicklungen zu vermeiden.

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