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Problemviertel : Der vergessene Stadtteil

Die typische Getto-Kulisse: Chorweiler wurde als Szenerie schon in verschiedenen Fernsehserien und Filmen genutzt. Bild: Caro / Spiegl

Der Kölner Stadtteil Chorweiler war mal ein Vorzeigeprojekt. Jetzt hält die S-Bahn manchmal nicht mehr regelmäßig, die Arbeitslosigkeit ist hoch, die Selbstmordrate auch.

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          Tippt man bei Google „Chorweiler ist“ ein, bietet die Suchmaschine zwei Ergänzungen an: „Asi“ und „gefährlich“. Der „Kölner Stadt-Anzeiger“ hat das vor ein paar Monaten aufgegriffen und die Stadtteile mit Hilfe der Ergänzungen charakterisiert. Ehrenfeld war danach „hip“, Nippes „schön“ und Kalk „gesund“. Auf dem Stadtgebiet von Chorweiler war ein Baseballschläger abgebildet, dazu das Wort „gefährlich“. Als Reinhard Zöllner an diesem Morgen die Zeitung las, schlug er auf den Tisch. Eine Tasse ging kaputt.

          Timo Steppat

          Redakteur in der Politik.

          Reinhard Zöllner blickt von seinem Büro aus auf Chorweiler. Grauer Waschbeton, abgeplatzte Farbe. Hochhäuser. „Das ist meine Skyline“, sagt der CDU-Politiker. Er ist ein großer, kräftiger Mann mit zupackendem Händedruck. Seit einem Jahr ist Zöllner Bezirksbürgermeister von Chorweiler. Die anderen wollten den ehrenamtlichen Job nicht. Zöllner lebt selbst in Worringen, einem Dorf mit Einfamilienhäusern, das auch zum Bezirk gehört: schmale Straßen, Reihenhaushälften, Völkerschlachtdenkmal. Der Gegenentwurf zu Chorweiler. Jeden Mittag kommt Zöllner von Worringen nach Chorweiler in sein Büro. Morgens arbeitet er als Informatiker, nachmittags ist er Bürgermeister im Ehrenamt. Er verstehe sich als Anwalt des Stadtteils, sagt er. Aber es steht schlecht um seinen Mandanten. Höchster Anteil von Sozialhilfeempfängern, geringste Bildung. Höchste Zahl von Kindern und Alleinerziehenden, höchster Ausländeranteil, hohe Selbstmordrate. Jeder Fünfte wählt. Das ist Chorweiler.

          Tatort-Dreharbeiten in Chorweiler: Ein Mord im Villenviertel, der Tatverdächtige kommt aus Chorweiler.

          In Chorweiler laufen viele kleine Zeitbomben rum

          Auf die Hochhauswände lassen sich leicht große Dramen projizieren. Jugendliche, die Baseballschläger schwingend durch die dunklen schmalen Wege zwischen den riesigen Bauklötzen marschieren. Im „Tatort“ ermittelten Ballauf und Schenk, die beiden Kölner Kommissare, in einem Mordfall im Villenviertel. Den wegen Autodiebstahls und Drogenbesitzes vorbestraften Tatverdächtigen finden sie im Hochhausviertel, in Chorweiler. Die Kommissare stehen auf dem Pariser Platz, einem Ort, der nach Urin und Bier riecht. Es geht um soziale Verwahrlosung in der Vorstadt. Tatsächlich rastete vor zwei Jahren ein Vater im Sorgerechtsstreit aus, wollte sein Kind mitnehmen. In der Kita kam es zur Geiselnahme. Inklusive SEK und gewaltsamer Räumung. Gewalt im Getto. Passt zu Chorweiler, raunten die Kölner und zeigten mit dem Finger nach Norden.

          Roman Friedrich war acht Jahre Sozialarbeiter in Chorweiler. Er sagt: „Wenn es wirklich gefährlich wäre, wenn es echte Jugendgangs gäbe, würde die Stadt wahrscheinlich mehr tun.“ Die Gefahr ist nicht offen sichtbar, eine dünne Schicht hat sich darübergelegt. In Chorweiler laufen viele kleine Zeitbomben rum. Aber sie gehen nicht hoch, sie implodieren.

          Vor einem Jahr stand Roman Friedrich auf dem Pariser Platz. Der Wochenmarkt wurde gerade abgebaut, da stieg ein nackter Mann aus einem Fenster im siebten Stock und sprang. Ein letzter Aufschrei. „Der wollte zeigen, dass er auch da war“, sagt Friedrich. Es war in der Mittagszeit, viel los auf den Straßen, erinnert Friedrich sich. Die meisten blickten kurz zur Seite, auf den Toten, und liefen weiter. Friedrich wollte rausfinden, wer der Selbstmörder war. Er kam nicht weit. Keiner kannte ihn. Der Mann, der aus dem Hochhaus sprang, lebte seit mehr als vier Jahren in der Florenzer Straße, den Nachbarn unbekannt. Ein Einzelgänger, sagten sie. Es gibt viele Einzelgänger in Chorweiler.

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