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Rentner-Praxis : Bis der Arzt kommt

  • -Aktualisiert am

Unterwegs auf dem flachen Land: „Arzt im Dienst” Bild: dpa

In absoluten Zahlen gibt es in Deutschland keinen Mangel an Medizinern. Das Problem ist ihre Verteilung. Während der Bund nun am großen Rad zu drehen versucht, übt man sich in Thüringen in kleinen Schritten.

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          Der jüngste Einfall der Thüringer, um die Versorgung ihrer Patienten zu sichern, war die „Rentner-Praxis“ – nicht für Rentner geführt, sondern von Rentnern. Helga Trautmann ist eine von sechs Ärzten im Alter zwischen 68 und 75 Jahren, die 2009 eine „Eigeneinrichtung“ in Gotha übernommen und sie mit einem Team von Krankenschwestern als angestellte Ärzte der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) führen. Die Ärztin, die in jeder Jahreszeit drei Mal am Tag im eigenen, kaum beheizten Pool schwimmen geht, kann auf eine lange Laufbahn zurückblicken. Zum Jahresende 1990 übernahm sie die ehemals staatliche Praxis, in der sie bei Gotha gearbeitet hatte, für eine symbolische Mark. Weil sie am Tag sechzehn Stunden arbeitete und nach Angaben ihrer Mitarbeiterin, Schwester Isolde, schneller war als andere, habe sie gelernt, dass im westlichen Kassenarztsystem bestraft wird, wer viel leistet. Frau Trautmann fürchtete damals, dass ihr Arbeitseifer in einem Regressverfahren münden könnte, weil sie mehr Patienten behandelte als der Durchschnitt der Ärzte. Sie empfand allein die Drohung eines Regresses als Vorwurf, eine potentielle Betrügerin zu sein.

          2007 ging sie in den Ruhestand, half jedoch in den Praxen ihrer Kinder und anderer Kollegen. Dann stieg sie schließlich in die „Rentner-Praxis“ ein, „weil wir noch was tun wollten und nicht wussten, wo unsere Patienten sonst behandelt werden sollten.“ Frau Trautmann spricht von „immensen Versorgungslücken“, die es nach wie vor gebe. „Lassen Sie sich nicht sagen, es gebe keinen Ärztemangel.“

          Wie kann dann Matthias Zenker, Referent für Grundsatzfragen im Haus der Kassenärztlichen Vereinigung Thüringen in Weimar, sagen, es gebe „keinen Ärztemangel in Deutschland“? Was er meint, ist, dass es tatsächlich noch nie so viele Ärzte in Deutschland gab wie heute. Seit der Einführung der Bedarfsplanung und dem Erlass von Zulassungssperren für niedergelassene Ärzte im Jahr 1993 ist die Zahl der ambulant tätigen Ärzte sogar von 112.773 auf 137.416 gestiegen. Damals wurde der Status quo der Arztdichte als Richtmaß für künftige Zulassungen festgeschrieben. Sowohl die Kassen als auch die Kassenärztlichen Vereinigungen klagten sogar über eine Ärzteschwemme. Die Kassen fürchteten die teure Nachfrage, die sich jeder Arzt kraft seiner bloßen Existenz selbst schuf, und die Ärzte die nachwachsende Konkurrenz, die sich mit den schon zugelassenen Kollegen den Honorarkuchen teilen wollte.

          Ärzte in Deutschland: Immer weniger, immer älter
          Ärzte in Deutschland: Immer weniger, immer älter : Bild: dpa

          Nach den Regeln der Bedarfsplanung gilt ein Bezirk, in dem gemessen am Durchschnitt 110 Prozent der Ärzte einer Fachrichtung niedergelassen sind, für dieses Fachgebiet als überversorgt und damit als gesperrt. Von Unterversorgung ist in der Bedarfsplanung erst die Rede, wenn die Zahl der Ärzte in der Gruppe der Hausärzte um mehr als 25 Prozent oder in einer Gruppe der Fachärzte um 50 Prozent unter den Durchschnitt fällt. Wenn jedoch Politiker oder Vertreter der Ärzteschaft heute von Unterversorgung sprechen, meinen sie, dass die Versorgungsdichte in der jeweiligen Planungsregion unter der Schwelle der Überversorgung von 110 Prozent liegt.

          Berücksichtigung eines „Demographiefaktors“

          Unstreitig ist aber, dass die Ärzte und Pflegenden ungleich auf das Land verteilt sind. Denn regional und vielfach sogar nur punktuell in einem Krankenhaus oder an einem Ort kann der Bedarf sowohl an Pflegenden als auch an Ärzten nicht gedeckt werden. Vor allem der ländliche Raum in Ost und West ist für Vertreter der Gesundheitsberufe unattraktiv. Weil aber im Osten der demographische Wandel früher eingesetzt hat als im Westen, wird der Osten früher in der gesellschaftlichen Zukunft ankommen als der Westen. Im Osten sinkt die Bevölkerungszahl schneller und steigt zugleich die Zahl der alten, hilfebedürftigen Menschen rascher als im Westen.

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