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Rente mit 67 : Der Dachdecker - Kein Fassenachtsberuf

Was Beck nicht sagte: Dachdecker gehen im Schnitt mit 58 in Rente Bild: picture-alliance/ ZB

Ministerpräsident Beck fordert nach dem Vorschlag, die Rente mit 67 früher in Kraft treten zu lassen, eine Ausnahme für Dachdecker. Wie schön die frühe Rente in harten Berufen ist, wußte ein „singender Dachdeckermeister“ bereits vor Jahren.

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          Der wohl bekannteste Dachdecker Deutschlands konnte sich schon lange vor Erreichen des Renteneintrittsalters von 65 Jahren seinem mit viel Liebe ausgeübten Hobby widmen. Ernst Neger, als „singender Dachdeckermeister“ eine der Legenden der „Määnzer Fassenacht“, wußte wie der ebenso lebensfrohe rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck um die Segnungen der Frühverrentung in besonders beschwerlichen Berufen: „Auf einmal ist man fünfzig, wie schnell die Zeit vergeht?! Man schaut sich um und denkt sich: ,Es ist noch nicht zu spät!' Im Herbst blühn erst die Rosen, im Herbst reift erst der Wein; drum kann man auch mit 50 noch jung und glücklich sein!“

          Thomas Holl

          Redakteur in der Politik.

          Ob der Sozialdemokrat Beck, der mitten im Landtagswahlkampf vom Alleingang seines Parteifreundes Franz Müntefering überrascht wurde, die Rente mit 67 früher in Kraft treten zu lassen, an den 1989 im Alter von 80 Jahren verstorbenen Ernst Neger gedacht hat, als er Ausnahmeregelungen etwa für Dachdecker forderte?

          Durchschnittlich mit 58 Jahren in Rente

          In der Mainzer Staatskanzlei vermutet man eher eine spontane Eingebung des Maurer-Sohns: „Beck hat nach einem plastischen Beispiel gesucht für einen besonders schweren und gefährlichen Beruf, der allen gleich ins Auge fällt,“ sagt sein Regierungssprecher. Man könne einem Dachdecker nicht zumuten, mit 67 bei Wind und Wetter noch auf dem Dach zu stehen, hatte Beck Vizekanzler Müntefering auch am Donnerstag nochmals entgegnet und Ausnahmeregelungen für bestimmte Berufsgruppen gefordert.

          Kurt Beck - spontane Eingebung?

          Tatsächlich arbeiten schon jetzt nur etwa fünf Prozent der im deutschen Dachdeckergewerbe tätigen Personen bis 65. Im Durchschnitt gingen die gewerblichen Mitarbeiter in einer der etwa 7.400 deutschen Dachdeckerbetriebe mit 58 Jahren in Rente, sagt das Vorstandsmitglied der IG Bau, Rolf Steinmann. Der Gewerkschafter und gelernte Fliesenleger nennt die körperlichen Belastungen des Dachdeckerberufs als Hauptgrund für die vorzeitige Verrentung der meisten Beschäftigten. Vor allem die Tätigkeit unter extremen Witterungsbedingungen schade der Gesundheit: „Isolieren Sie mal bei 30 Grad im Schatten ein Flachdach mit Teerpappe.“ Und daß gerade in den kaltfeuchten Monaten November und Dezember bei Neubauten die Dächer gedeckt würden, sei Außenstehenden kaum bewußt.

          11.404 Arbeitsunfälle wurden 2004 gemeldet

          Trotz vielfach eingesetzter moderner Technik wie Förderbändern bestehe der Beruf eben immer noch vor allem in schwerer köperlicher Arbeit wie Nageln oder Dachpfannen verlegen: „Das geht auf die Gelenke und Rücken und wegen der Arbeit im Freien auch auf die Haut.“ Zudem ist die Arbeit in luftiger Höhe auch mit einer hohen Unfallgefahr verbunden, wie Versicherungstatistiken zeigen, wo Dachdecker regelmäßig zu den risikoreichsten Berufsgruppen zählen. 11.404 Arbeitsunfälle von Dachdeckern wurden 2004 gemeldet. Das Balancieren auf 20 Zentimeter schmalen Spanen und und das Laufen auf oft nass-glitschigen Dachpfannen erhöht die Absturzgefahr beträchtlich.

          Neben der klassischen Aufgabe des Dachdeckens und Dachbaus haben sich die angebotenen Leistungen und Kenntnisse in den vergangenen Jahren erheblich ausgeweitet. So ist die Dachbegrünung bei flachen oder flachgeneigten Dächern zunehmend gefragt. Nach Angaben des Zentralverbands des Deutschen Dachdeckerhandwerks wird jedes zehnte Dach mit Abdichtung inzwischen begrünt, als Saunagarten oder Kräuterwiese genutzt. Auch als Fachleute für Energiesparen und Wärmedämmung bieten ausgebildete Dachdeckermeister ihre Dienste an. Einen Boom hat es in den vergangenen Jahren auch bei der Installierung von Solaranlagen auf Dächern oder an Außenwänden gegeben.

          Deutsche Goldmedaille bei „Dachdecker-WM

          Doch trotz neuer Geschäftsfelder hat auch im Dachdeckergewerbe die schlechte wirtschaftliche Lage der Bauwirtschaft deutlich durchgeschlagen. Betrug der Umsatz der deutschen deutschen Dachdeckerbetriebe 1995 noch mehr als 7,8 Milliarden Euro, erreichte er 2003 nur noch knapp 6,6 Milliarden Euro. Parallel dazu sank die Zahl der gewerblichen Arbeitnehmer von etwa 120.000 im Jahr 1995 auf etwa 55.000. Der Durchschnittsbruttoverdienst eines Dachdeckers beträgt bei einer 39-Stunden-Woche nach Gewerkschaftsangaben etwa 2.500 Euro. Die wirtschaftliche Lage der Branche wird jedoch nach sieben schlechten Jahren wieder zuversichtlicher beurteilt, der Zentralverband spricht von „ein bißchen Licht am Ende des Tunnels“.

          Das Handwerk des Dachdeckens ist alt und traditionsreich. Als eigenständiger Beruf etablierte es sich mit dem Aufkommen schiefer- und ziegelgedeckter Bauten im 13. und 14. Jahrhundert in Europa. So wurde 1350 in Frankfurt wegen der großen Nachfrage die Steindeckerzunft gegründet. Denn wegen der Feuergefahr wurden vom 14. Jahrhundert anstelle von Stroh und Schilf für wertvolle Gebäude zunehmend Ziegel und Schiefer verwandt. Deutsche Dachdecker gehören zu den besten der Welt: Bei der 2005 in Kapstadt ausgetragenen „Dachdecker-Weltmeisterschaft“ gewann das deutsche Team in der Kategorie „Dachdeckungen“ die Goldmedaille.

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