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Rente mit 63 : Bezahlt wird später

Rente mit 63: Wer zahlt für den frühen Ruhestand gutverdienender Facharbeiter? Bild: dpa

Da hat sich das Arbeitsministerium gründlich verrechnet. Die Rente mit 63 ist wider Erwarten zum großen Renner geworden. Der Rentner-Boom verursacht „etwas höhere Kosteneffekte“. Zu deutsch: Jetzt müssen die Schwachen für die Starken bluten.

          Deutschland wird im Jahr 2014 zu einem Paradies für rüstige und gutversorgte Neurentner. Mindestens 200.000 Beschäftigte werden nach jüngsten Schätzungen bis Ende Dezember vorzeitig aus dem Berufsleben ausscheiden. Sie nutzen die „Rente mit 63“. Nach Angaben der Deutschen Rentenversicherung sind das zu zwei Dritteln Männer im Alter von 63 und 64 Jahren. Damit verschwinden ganze Jahrgänge erfahrener und über Jahrzehnte durchgängig beschäftigter Facharbeiter und Handwerker aus den Unternehmen. Quasi jeder, der abschlagsfrei in Rente gehen kann, verlässt den Betrieb. Die allermeisten erwartet eine sehr auskömmliche Rente.

          Peter Carstens

          Politischer Korrespondent in Berlin

          Im vergangenen Jahr waren insgesamt 648.000 Männer und Frauen in Altersrente gegangen. Der Anteil der Neurentner, die mit jeweiliger Höchstrente in den Ruhestand wechseln, wird nun um mindestens um ein Drittel steigen. Bis Ende Oktober gingen bereits 163.000 Anträge auf die „Rente mit 63“ bei der Deutschen Rentenversicherung ein; die meisten sind bereits bewilligt. Damit werden frühere Höchstschätzungen des Arbeitsministeriums von Andrea Nahles (SPD) deutlich übertroffen. Das kostet Geld. Ihr Staatssekretär Thorben Albrecht sprach in einem Schreiben an das Parlament Mitte November von „etwas höheren Kosteneffekten“, die durch den Rentner-Boom entstanden seien.

          Den Berechnungen zufolge handelt es sich dabei um etwa 200 Millionen Euro. Um diese Summe hat sich das Nahles-Ministerium allein für dieses und nächstes Jahr verkalkuliert. Nach derzeitigem Stand. Noch im Sommer ging das Arbeitsministerium von Kosten in Höhe von 1,4 Milliarden Euro für 2014 und 2,65 Milliarden Euro für 2015 aus.

          „Die Rente mit 63 führt zu einer Umverteilung“

          Der Freiburger Wirtschaftswissenschaftler Lars Feld spricht von einer „deutlichen Unterschätzung“ der Kosten durch die Bundesregierung. Feld gehört zum Sachverständigenrat der Wirtschaftsweisen. Er nennt die „Rente mit 63“, die die große Koalition beschlossen hatte, den „goldenen Facharbeiterherbst“. Feld kritisiert: „Die Rente mit 63 führt zu einer Umverteilung von unten nach oben, künftige Rentensteigerungen werden niedriger ausfallen. Das wird insbesondere die Bezieher kleiner Renten treffen. Die zahlen für den frühen Ruhestand gutverdienender Facharbeiter.“

          Aus den Reihen der Union wurde der Verdacht geäußert, das Ministerium könnte die Zahl der Antragsteller absichtlich zu niedrig angesetzt haben. Der Vorsitzende der Jungen Union, Paul Ziemiak, sagte dieser Zeitung: „Nahles hat sich entweder verrechnet oder bewusst mit niedrigen Kosten kalkuliert.“ Sein Verband habe „immer vor den Kosten der ,Rente mit 63‘ gewarnt. Die Finanzierung durch künftige Rentenzahler war ein Fehler. Das geschieht auf Kosten der Jungen.“

          45 Beitragsjahre: für Akademiker fast ausgeschlossen

          Der ursprüngliche Gedanke, lange im Berufsleben tätigen Arbeitnehmern einen früheren Übergang in die Rente zu ermöglichen, war in der SPD laut geworden, nachdem die frühere große Koalition mit Arbeitsminister Franz Müntefering (SPD) beschlossen hatte, den regulären Rentenbeginn schrittweise auf 67 Jahre zu erhöhen.

          Damals hatten Sozialdemokraten und Gewerkschafter vor allem an körperlich schwer schuftende Arbeiter, etwa auf dem Bau, oder an Dachdecker und Gerüstbauer gedacht, denen man ersparen wollte, bis zum Alter von 67 Jahren in schwindelerregenden Höhen zu arbeiten.

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