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Nach Vorfall an Grundschule : Religiöses Mobbing alarmiert Politiker

  • Aktualisiert am

Religiöses Mobbing an Schulen löst Rufe nach Konsequenzen aus. Bild: dapd

Was tun gegen religiös motiviertes Mobbing? Eine Berliner Grundschülerin wurde sogar mit dem Tod bedroht. Politiker und Verbände fordern Konsequenzen – und wollen bei den Eltern ansetzen.

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          Der Präsident der Kultusministerkonferenz, Thüringens Bildungsminister Helmut Holter (Die Linke), dringt auf eine Analyse der Vorfälle von religiös motiviertem Mobbing an deutschen Schulen. „Die Vorfälle sind erschütternd, und wir sind alle aufgefordert, uns damit auseinanderzusetzen. Wir müssen schulische und gesellschaftliche Ursachen analysieren“, sagte Holter der „Bild“-Zeitung. Neben dem Wert der Religionsfreiheit müsse immer wieder klar gemacht werden, dass es insbesondere für Antisemitismus in diesem Land null Toleranz gäbe, „keinen Millimeter“.

          Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller (SPD), forderte die Gesellschaft dazu auf, sich entschieden gegen antisemitische Äußerungen zu stellen. „Dafür müssen alle genau hingucken und hinhören, die Sensibilität jedes einzelnen von uns ist gefordert, um so etwas zu verhindern“, sagte er der Zeitung „Tagesspiegel“.

          Ausgelöst wurde die Debatte durch einen Vorgang an einer Berliner Grundschule, über den die „Berliner Zeitung“ berichtet hatte. Demnach griffen dort muslimische Schüler ein jüdisches Mädchen an, „weil sie nicht an Allah glaubt“. Zuvor habe ein Schüler auf die Angabe des Mädchens, dass sie Jüdin sei, das Wort „Jude“ mehrmals in bedrohlichem Tonfall wiederholt. Das Mädchen sei außerdem sogar schon einmal mit dem Tode bedroht worden.

          „Nur weil sie nicht an Allah glauben“

          Allerdings stellte der Vater am Dienstag klar, dass es bei dem Vorfall nicht primär um Antisemitismus ging. „Es geht darum, dass Kinder aus muslimischen Elternhäusern andere Kinder verfolgen oder mobben, nur weil sie nicht an Allah glauben“, sagte er dem Evangelischen Pressedienst (epd). Es sei egal, ob es sich um Christen, Atheisten, Juden oder andere handele. Aber auch innerhalb der muslimischen Schülerschaft würden Kinder ausgegrenzt, weil sie beispielsweise „in die falsche Koranschule gehen“.

          Der Vater betonte, dass die Mitschüler bei den ersten Beschimpfungen und Drohungen noch gar nicht gewusst hätten, dass ein Elternteil des Mädchens jüdischer Herkunft sei. Das spiele im Leben der Familie aber auch keine Rolle, weil sie nicht religiös seien. „Meine Tochter ist eine Deutsche und isst Schweinefleisch. Aber in erster Linie ist sie ein guter Mensch“, so der Vater.

          Lehrerverbandspräsident Heinz-Peter Meidinger plädierte für eine bessere ethnisch-soziale Mischung der Schülerschaft in sozialen Brennpunkten in Berlin, Frankfurt oder dem Ruhrgebiet. Er sagte zudem der „Passauer Neuen Presse“, dass die Übergriffe nicht nur von muslimischen Schülern ausgingen. Der Vorsitzende der Lehrergewerkschaft Verband Bildung und Erziehung, Udo Beckmann, schlug in der „Welt“ Schulangebote für muslimische Jugendliche vor, „damit sie innerhalb der Schule über ihren Glauben sprechen können und relevante Informationen zu ihrer und anderen Religionen erhalten“.

          Der Parlamentarische Staatssekretär beim Bundesinnenministerium, Stephan Mayer (CSU), sagte der „Passauer Neuen Presse“: „Es ist nicht zu tolerieren, dass dschihadistische oder gewaltbereite Gruppierungen in der Alltags- und Lebenswelt von Schülern, insbesondere im digitalen Raum, werben.“ Es müsse grundsätzlich verhindert werden, dass es zu einer Zunahme der Identifizierung mit fundamentalen oder gewaltverherrlichenden Überzeugungen komme oder sogar „Jugendsubkulturen“ entstünden.

          Raed Saleh, SPD-Fraktionschef im Berliner Abgeordnetenhaus, sieht den Judenhass muslimischer Eltern als wichtigen Grund für Antisemitismus von Schülern. „Es ist oftmals tief sitzender Hass, der vom Elternhaus vermittelt wird. Viele plappern auch in Unkenntnis irgendwelche Parolen nach“, sagte er der „Welt“.

          Wie die Antidiskriminierungsbeauftragte für die Berliner Schulen, Saraya Gomis, dem „Neuen Deutschland“ sagte, gab es 2017 an Berliner Schulen zwölf antisemitische Vorfälle. Rainer Wendt, Bundesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft, plädierte in der „Bild“-Zeitung, eine bundesweite Statistik für Vorfälle dieser Art zu erstellen.

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